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VR: Mit Icaros durch virtuelle Welten fliegen

Virtuelle Realität kann ganz schön anstrengend sein: Icaros ist Trainingsgerät und Controller für VR - Spiele in einem. Golem.de ist abgehoben.
/ Werner Pluta
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Icaros: Schweiß auf der Stirn, Schmerz in der Schulter (Bild: Petra Vogt)
Icaros: Schweiß auf der Stirn, Schmerz in der Schulter Bild: Petra Vogt

Abwärts, aber langsam. Laaangsaaaam! Zack, ich klappe nach vorn und verfehle den glühenden Reif. Fliege darunter hinweg. Ich kippe nach links – sachte! -, fliege eine Schleife und treffe den Ring, der über einer Gebirgslandschaft im freien Raum hängt. Die ist virtuell, und mit einem Head Mounted Display (HMD) auf der Nase bin ich eingetaucht und fliege. Das klingt einfacher, als es ist. Denn den Controller für den Flug halte ich nicht in der Hand. Ich liege darauf und navigiere mit vollem Körpereinsatz.

VR-Trainingsgerät Icaros ausprobiert
VR-Trainingsgerät Icaros ausprobiert (01:16)

Icaros(öffnet im neuen Fenster) heißt das System des gleichnamigen Münchener Unternehmens. Es sieht ein wenig aus wie eine Liege, nur dass der Nutzer sich nicht bequem darauf legt. Er kniet auf den Unterschenkeln und stützt sich auf den Unterarmen ab. Die Wippe ist kardanisch gelagert – und zwar in zwei Achsen. Der Nutzer muss sich aktiv ausbalancieren, um sich in der Waagerechten zu halten. Wer schlaff abhängt, kippt.

Gesteuert wird per Gewichtsverlagerung

"Das Gerät funktioniert dadurch, dass man sich mit Unterarmen und Unterschenkeln darauf legt und dann über Gewichtsverlagerung in zwei Achsen das Gerät bewegt" , erzählt Michael Schmidt im Gespräch mit Golem.de. Der Industriedesigner hat Icaros zusammen mit seinem Kompagnon Johannes Scholl entwickelt. Beide sind auch Geschäftsführer des Unternehmens. "Diese Bewegung wird dann über ein elektronisches Gyroskop, das vorne im Griff sitzt, auf ein S6- oder S7-Smartphone von Samsung übertragen. In Kombination mit der Gear VR erlaubt es einem, durch virtuelle Welten zu steuern."

Klingt recht einfach. Aber schon das Aufsteigen auf Icaros ist nicht ganz einfach: Die Füße werden einer nach dem anderen auf eine waagerechte Trittstange gesetzt, so dass die Unterschenkel in den für sie vorgesehenen Schalen liegen. So weit, so gut. Jetzt gilt es, sich vorzubeugen und mit den Händen nach den Griffen am anderen Ende der Liege zu greifen – möglichst, ohne unkontrolliert nach vorne zu kippen. Am rechten Griff gibt es ein Panel mit Knöpfen, unter anderem zum Beschleunigen, Bremen und Schießen.

Körperbeherrschung ist gefragt

Ganz schön wackelig im ersten Moment. Schon kleine Bewegungen reichen aus, um die Wippe ordentlich in Bewegung zu versetzen. Zuviel Bewegung, und sie kippt. Nach einigen Minuten habe ich mich an das Gerät gewöhnt, die Bewegungen werden koordinierter. Schmidt gibt mir das HMD, und ich fliege los.

Es geht durchs Gebirge, eine verschneite Landschaft, Gipfel, dahinter das Meer. Und über den Gipfeln die Ringe. Und vor allem: über mir. Also Gewicht nach hinten und Steigflug. Nicht so schnell. Wieder etwas runter. Links und rechts eiern. Dann ist der erste Ring geschafft. Es fängt an, Spaß zu machen. Also: Knopf drücken, schneller fliegen.

Der Schweinehund soll klein sein

Die Idee von Schmidt und Scholl sei es gewesen, ein Gerät zum Sporttreiben und Trainieren zu entwickeln, aber nicht für das übliche, schweißtreibende Ausdauertraining. Stattdessen soll das Gerät den Nutzer dazu bringen, sich zu bewegen und dabei Koordination und Körpergefühl zu trainieren, sagt Schmidt. Zur Motivation und damit "kein so wahnsinniger Schweinehund" überwunden werden muss, wird beim Trainieren eben gespielt.

Ein Flugspiel habe sich angeboten, weil es einfacher umzusetzen sei als etwa Skifahren oder Snowboarden. Außerdem sei Fliegen ein alter Menschheitstraum, und virtuelle Realität (VR) biete sich dafür an.

Raumfahrer und Mediziner sind interessiert

Das Spiel hat das Drei-Mann-Unternehmen ebenso wie das Gerät selbst entwickelt. Statt nur zu fliegen, kann der Spieler auch Drohnen abschießen. Für beide Varianten gibt es drei Schwierigkeitsstufen. Derzeit arbeitet Icaros bereits an einem zweiten Spiel, das noch in diesem Jahr fertig werden soll. Darin taucht der Spieler ab, muss unter Wasser Schätze suchen und sich mit Fischen beschäftigen. Es sei entspannter und langsamer, dafür müsse präziser gesteuert werden.

Nach einigen weiteren Ringen wird die Sache langsam anstrengend, vor allem in den Schultern. "Wir trainieren in allererster Linie mal Koordination und die Stützmuskulatur rund um die Wirbelsäule, definitiv auch den Schultergürtel, den Nackenbereich" , bestätigt Schmidt. Einige Nutzer hätten zudem einen Effekt auf die Beine ausgemacht.

Icaros verkauft mehr als geplant

Den Icaros gibt es seit April zu kaufen. Für daheim ist das Gerät jedoch mit 7.500 Euro ohne Mehrwertsteuer recht teuer. Als Käufer hat Icaros eher Geschäftskunden im Auge: Unternehmen, Fitness-Studios, Hotels oder Eventagenturen. Geplant hatte Icaros, in diesem Jahr 100 Geräte auszuliefern. Das Ziel wird voraussichtlich übertroffen.

Neben Sport und Unterhaltung gibt es Interessenten aus dem Gesundheitsbereich. Man arbeite derzeit an Icaros Health, einer angepassten Version für die Reha und Physiotherapie, sagt Schmidt. Dafür werde auch eine Software zusammen mit Therapeuten entwickelt.

Wissenschaftler testen das Gerät

Auch Raumfahrt und Wissenschaft interessieren sich für Icaros: Die Europäische Raumfahrtagentur (European Space Agency, Esa) ließ sich einen Prototypen bereits im vergangenen Jahr vorführen. Die Sporthochschule in Köln untersucht derzeit das Gerät. Astronauten und Leistungssportler könnten darauf beispielsweise Muskeln und Koordination trainieren.

Inzwischen bin ich über der letzten Gipfelkette angekommen. Ein Ring, der letzte, steht noch aus. Aber links ist das Meer. Vergiss den letzten Ring. Ich schwenke ab, schaue währenddessen nach unten. Noch sind da Felsen unter mir. Ich erreiche die Kante – und dann ist da nichts mehr außer einer weiten blauen Fläche.

Mit einem ausgedehnten Flug übers Wasser wird es aber nichts. Längst steht mir der Schweiß auf der Stirn. Jedes Manöver kostet jetzt richtig Kraft – der Trainingseffekt ist unverkennbar. Also Schluss mit Fliegen. Ich nehme die Brille ab, bin einen Moment lang irritiert von der Realität. Die ist echt. Genauso wie der Schmerz in Schultern und Oberarmen und die zitternden Knie beim Abstieg vom Icaros.


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