Vor 45 Jahren: Der erste Herr-der-Ringe-Film

Peter Jacksons Verfilmung der Herr-der-Ringe-Trilogie (2001-2003) war nicht die erste filmische Umsetzung eines J.R.R.-Tolkien-Stoffes – die erste gab es bereits 1978, in Deutschland kam sie jedoch erst 1979 in die Kinos. Allerdings konnten die Fans Frodo, Gandalf und all die anderen wundersamen Gestalten, die Tolkien ersonnen hatte, nicht als echte Menschen, sondern als gut designte Zeichentrickfiguren erleben.
Ein Mammutprojekt wie Der Herr der Ringe wäre in den späten 1970ger Jahren nur mit einem enormen finanziellen Aufwand als Live-Action-Film adäquat umsetzbar gewesen. Das Zauberwort hieß Animation.(öffnet im neuen Fenster) Und mit dem Ausnahmekünstler Ralph Bakshi fand sich dafür der richtige Mann.
Seit 1956 begeistert
Bakshi(öffnet im neuen Fenster) war von Tolkiens Trilogie begeistert, seit er sie 1956 zum ersten Mal gelesen hatte. Die Idee, aus diesem Stoff einen Zeichentrickfilm zu machen, hatte er damals schon. Als er für die Firma Terrytoons arbeitete, versuchte er, seinen Chef Paul Terry davon zu überzeugen, dass Der Herr der Ringe der ideale Stoff für einen großen Zeichentrickfilm sei.
Terry war jedoch nicht davon überzeugt, zudem musste Bakshi erfahren, dass die Filmrechte bereits bei einer anderen Firma lagen. Bakshis damaligen Recherchen nach schienen die Filmrechte im Besitz von Walt Disney zu sein. Ein äußerst ungünstiges Vorzeichen, wenn man bedenkt, dass der Name Disney noch heute für Familienunterhaltung steht, weswegen die gewaltigen Schlachten der Vorlage nur schwer umsetzbar gewesen wären. Es wäre dann wohl ein reiner Familienfilm geworden.
Ein Umstand, der Bakshi schon immer beschäftigte, da sein liebstes Feld, die Animation, scheinbar nur auf Kinder zugeschnitten war. Er jedoch wollte Zeichentrickunterhaltung für Erwachsene schaffen. Jahre später übrigens ließ Disney verlauten, dass die Rechte an der Trilogie nie bei ihnen gelegen hatten, so dass sich Bakshi umsonst Sorgen über eine verwässerte Umsetzung durch Onkel Walt gemacht hatte.
Für Bakshi erwies es sich aber als Segen, dass der Herr der Ringe seinerzeit nicht umsetzbar war. Anstelle des Regisseurs wäre er zu jener Zeit, in den frühen sechziger Jahren, nur ein Animator von vielen gewesen.
Die Idee einer Umsetzung des Tolkien-Stoffes ließ Bakshi jedenfalls nie los. Bis in die frühen siebziger Jahre hinein sollte sich bei der Verfilmung wenig tun. Dann jedoch schien eine Adaption in greifbare Nähe zu rücken. MGM traf Vorbereitungen, mit der Produktion eines Zeichentrickfilms zu beginnen. Schon wenig später zerfiel das Projekt jedoch, wodurch sich für Bakshi die Möglichkeit eröffnete, sich seinem Traumprojekt zu widmen.
Ein Produzent wird gefunden
Bakshi machte das Projekt seinem Freund, dem Produzenten Saul Zaentz, schmackhaft. Der brachte sechs Millionen US-Dollar auf, um mit der Produktion zu beginnen. Im Laufe der zweieinhalbjährigen Produktion wuchs das Budget schließlich auf stolze zehn Millionen Dollar an. Das stellte für Bakshi einen gewaltigen Fortschritt dar, hatte er seine bisherigen Filme doch meist mit einem Budget von etwa einer Million Dollar umgesetzt.
1975 trat die Produktion in die heiße Phase(öffnet im neuen Fenster) . Bakshi reiste nach London, um sich mit Tolkiens Tochter zu treffen und sich über ihren Vater zu unterhalten. Schon damals erhielt er von ihr den weisen Rat, sich nicht von den Vorstellungen anderer einengen zu lassen, da ein Teil der Ring-Fangemeinde ihn ohnehin hassen würde, egal wie gut oder passend seine Charakterdesigns sein mochten.
Bakshi war sich darüber im Klaren, dass bei einem Projekt wie Der Herr der Ringe ganz besondere Sorgfalt gefragt war. Anders als bei vielen Zeichentrickfilmen hat man es hier zu großen Teilen mit realistischen Charakteren zu tun. Darum war es ein ausdrücklicher Wunsch des Regisseurs, dass diese Figuren realistisch wirken sollten, was auch und vor allem in den Bewegungen erkennbar sein musste. Bereits in seinem vorherigen Film Die Welt in 10 Millionen Jahren setzte Bakshi das Rotoscope-Verfahren ein und wollte nun bei Der Herr der Ringe noch stärker darauf zurückgreifen.
Rotoscope
Rotoscope(öffnet im neuen Fenster) wurde 1917 von Max Fleischer für seine Cartoons erfunden und war seitdem aus dem Zeichentrick-Hollywood nicht mehr wegzudenken. Für dieses Verfahren nimmt man echte Schauspieler auf Film auf und lässt die Bewegungsabläufe von Animatoren auf dem Film nachpausen beziehungsweise übermalen. Damit gereichen echte Schauspieler als perfekte Vorlage, wodurch die gezeichneten Helden sich absolut lebensecht bewegen.
Dieses Verfahren wurde in der Geschichte des Zeichentrickfilms vor allem von Bakshi im großen Stil eingesetzt. Die Disney-Studios nutzten es zwar auch, setzten es aber lediglich für die wenigen menschlichen Figuren ein, die in ihren Filmen vorkamen. In den meisten Fällen herrsch(t)en bei Disney ohnehin karikierte Menschen oder Tierwesen vor.
Bei seinem vorherigen Zeichentrickfilm Die Welt in 10 Millionen Jahren war Bakshi von einer gerade mal 15-sekündigen Sequenz begeistert, die durch Rotoscope ein ganz besonders lebensechtes Flair erhalten hatte. Darum kam er schnell zu der Entscheidung, dass Rotoscope beim Herrn der Ringe noch sehr viel stärker zum Einsatz gelangen musste. Bakshi ging mit dem Ehrgeiz an das Projekt, alle relevanten Szenen zuerst als Live-Action zu filmen und daraufhin mit der Animation zu beginnen.
Der Regisseur machte sich daran, fast den gesamten Film als Live-Action zu drehen. Sein Vorteil war, dass er keine Kulissen brauchte, da diese später von den Animatoren eingesetzt werden würden. Darum agierten die Schauspieler im Studio oft vor weißem Hintergrund.
Zum Einsatz kamen ausnahmslos unbekannte Schauspieler. Schließlich konnte man sie im fertigen Film ohnehin nicht sehen. Für die großen Schlachtenszenen hatte Bakshi eine Ebene in Spanien auserkoren. Dort machten sich Tausende Statisten daran, sich auf dem Feld der Ehre gegenseitig die Kehle durchzuschneiden.
Dabei war, anders als bei Realfilmen, Perfektion nicht gefragt. Wenn ein Schauspieler seine Perücke verlor, war das nicht wichtig. Bakshi konnte diese Kleinigkeit bei den Zeichnungen wieder ausbügeln. Und wenn einer der Helden verschiedene Schwerter benutzte, war das auch kein Problem. Bei den Zeichnungen würde der Charakter wieder sein ihm angestammtes Schwert benutzen.(öffnet im neuen Fenster)
Auf Pfeile konnte während der Schlachtszenen auch verzichtet werden. Das hätte die Logistik der Produktion nur erschwert, aber für die Aufnahmen waren sie nicht notwendig, da auch dies nur ein kleines Detail war, das später bei den Zeichnungen wieder eingefügt wurde.
Auf die schauspielerischen Leistungen legte Bakshi jedoch Wert, da sie nötig waren, um den Animatoren die richtige Vorlage zu liefern. Im Grunde hätte man den Film auch komplett mit den echten Schauspielern zeigen können. Das Drama wäre erhalten geblieben, auch wenn es merkwürdig ausgesehen hätte, da viele Details und Hintergründe einfach fehlten.
Eine Schar von Zeichnern
In seinem Studio konnte Bakshi auf 95 Zeichner zurückgreifen. Zeitweise arbeiteten sogar mehr als 500 Leute an dem Film. Ein gewaltiger Aufwand, der allerdings auch nötig war, um den insgesamt mehr als 130 Minuten langen Film innerhalb von nur zweieinhalb Jahren fertigzustellen(öffnet im neuen Fenster) .
Für die Umsetzung des Drehbuchs engagierte man Chris Conkling und Peter S. Beagle (bekannt als Autor von Das letzte Einhorn), die die alles andere als beneidenswerte Aufgabe hatten, aus einem gewaltigen Buch – dass die komplette Trilogie nicht in einem Film umsetzbar war, war allen klar – ein packendes Skript zu erstellen.
Die Schwierigkeit bestand darin, verzichtbare Nebenhandlungen zu streichen und Charaktere zu eliminieren, die zur Handlung nicht unbedingt beitrugen. Dieser Entscheidung fiel auch Tom Bombadil zum Opfer, was einige der ganz harten Tolkien-Fans natürlich sofort auf die Barrikaden brachte.
Bei der Wahl der Synchronsprecher legte Bakshi keinen Wert auf große Namen. Der Herr der Ringe sollte sich schließlich nicht über den Namen eines Stars verkaufen, sondern das Thema sollte das Publikum anziehen. Deswegen sah sich Bakshi nach Schauspielern um, die ausdrucksstarke Stimmen hatten und den Figuren Gewicht verleihen konnten. Es fanden sich aber doch ein paar heutzutage bekannte Namen in dem Ensemble ein: John Hurt als Aragorn und Anthony Daniels(öffnet im neuen Fenster) , bestens als C-3PO aus Star Wars bekannt, als Elb Legolas.
Ein großer Score
Für die musikalische Untermalung wollte Bakshi einen Score, der majestätisch klingen sollte. Er wandte sich an den renommierten Komponisten Leonard Rosenman, der die Aufgabe übernahm und einen sehr eindringlichen, schön orchestrierten Soundtrack ablieferte. Rosenman ließ bei dem Score, für den er für einen Golden Globe Award nominiert wurde, Reminiszenzen an seine Komposition zu Rückkehr zum Planet der Affen einfließen. Acht Jahre später konnte man leichte Anleihen beim Soundtrack zu Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart feststellen.
Nach der Premiere von Der Herr der Ringe(öffnet im neuen Fenster) wurde der Film nicht nur mit guten Kritiken bedacht. Sowohl Kritiker als auch Tolkien-Fans und Zuschauer hatten an dem Film etwas auszusetzen: Ihm fehle das Ende!
Und tatsächlich, Der Herr der Ringe bricht mitten in der Handlung ab und lässt das Publikum darüber im Unklaren, wie die Geschichte zu Ende gehen wird. Bakshi hatte die Geschichte des ersten Romans übernommen und noch einen kleinen Teil des zweiten Buches hinzugefügt, aber ein Ende blieb er schuldig.
Sein Produzent Saul Zaentz und er versuchten zu beschwichtigen und erklärten, dass dies nur der erste Teil sei. Es sei geplant, einen zweiten Teil nachzureichen und so die Geschichte zu Ende zu führen. Tatsächlich scheinen die Umstände dieses abrupten Endes jedoch ganz anderer Natur gewesen zu sein.
Sehr schnell kamen Gerüchte auf, dass der Produktion das Geld ausgegangen sei, weswegen man gezwungen gewesen sei, den Film zu einem Ende zu bringen. Immerhin ergab es auch nur wenig Sinn, eine Trilogie in Form eines Zweiteilers zu erzählen. Hätte man von vornherein vorgehabt, den Roman in mehreren Filmen zu erzählen, so hätte sich auch eine filmische Trilogie angeboten. Diese blieb Bakshi aber schuldig.
Bakshi sah sich den Film nie wieder an
Weder er noch einer der anderen an den Film beteiligten Entscheidungsträger äußerten sich je dazu, ob an der Vermutung des an seine Grenzen angelangten Budgets etwas dran war, aber ein Zitat von Bakshi(öffnet im neuen Fenster) , das er Jahre später in Bezug auf einen anderen seiner Filme abgab, lässt Raum zur Interpretation: "Ich sehe mir meine Filme nicht mehr an, nachdem sie fertig sind. Da mir einfach das Geld fehlt, um die Animationen in der Art zu gestalten, wie mir das vorschwebt, tut es einfach zu sehr weh, sie mir in dieser Form anzusehen."
Zieht man in Betracht, dass die ebenfalls dem Fantasy-Genre angehörende, vergleichbare Disney-Produktion Taran und der Zauberkessel mehr als 15 Millionen US-Dollar in der Herstellung kostete und über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahren entstand, wird verständlich, unter welchem zeitlichen, aber auch finanziellen Druck Bakshi stand, um seine Version des Herrn der Ringe abzuliefern.
Das Ergebnis kann sich allen Unkenrufen zum Trotz sehen lassen. Der Herr der Ringe ist ein aufregender Film, der die Figuren fantasievoll in Szene setzt. Als Abenteuerfilm mit großen Actionsequenzen – hier funktioniert das Rotoscope-Verfahren am besten -, großen Gesten und eindringlichen Stimmen und Bildern ist der Film Fantasy-Unterhaltung vom Feinsten.
Natürlich werden Tolkien-Puristen genug daran auszusetzen haben. Aber wenn man den Film als das nimmt, was er ist – Bakshis Interpretation von J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe – lassen sich zwei Stunden wundervoller Unterhaltung erleben.
Doch noch eine Fortsetzung
Eine Fortsetzung gab es erst im Fernsehen. Jules Bass und Arthur Rankin Jr. machten sich daran, den Abschluss der Trilogie zu präsentieren. Dass das Vorhaben scheitern musste, lag nicht nur daran, dass bei einer Laufzeit von 97 Minuten kaum genug Zeit blieb, um alle relevanten Handlungsstränge unterzubringen.
Dazu kam noch die sehr limitierte Fernsehanimation, wie sie zu jener Zeit nicht schlimmer hätte sein können. 1980 erlebte Return of the King seine Premiere im US-Fernsehen und wurde nach seiner ersten Ausstrahlung auf Eis gelegt – rechtliche Probleme sorgten für diesen Schritt.
Rund um Peter Jacksons Trilogie gab es den Zeichentrickfilm Return of the King dann auf DVD. Eine deutsche Lokalisierung entstand jedoch nie. Besonders irritierend sind ein paar musikalische Stücke, die nicht zur epischen Geschichte passen. Ein wenig Stimmung wird nur durch die Sprecher erzeugt, unter denen sich auch die Regielegende John Huston als Gandalf befindet. Außerdem ist noch William Conrad und der aus den klassischen Planet-der-Affen -Filmen bekannten Roddy McDowall zu hören.
Der Film ist vergessen, Ralph Bakshis Der Herr der Ringe aber ein zeitlos schöner Fantasy-Streifen, der zwar nur ein Fragment der Geschichte ist, aber eines, das die Fantasie anregt.