Indizierte Spiele: Besonnenheit, Ausgleich, Rechtsfindung

Seit fast 70 Jahren wacht eine Behörde über den Jugendschutz. Wir haben uns mit ihren Vertretern unterhalten.

Artikel veröffentlicht am , Martin Wolf
River Raid sieht heute harmlos aus, galt in den 80ern aber als jugendgefährdend
River Raid sieht heute harmlos aus, galt in den 80ern aber als jugendgefährdend (Bild: Montage: Golem.de)

Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz wurde 1954 als Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gegründet. Ihr anfänglicher Fokus auf Schriften, die mit Bildern für Nacktkultur warben, schwenkte in den 1970er Jahren eher auf die Verhinderung der Verbreitung gewaltverherrlichender Inhalte um. Mit dem Aufkommen von Videos und Videospielen bekam die BPjS auf den Schulhöfen Westdeutschlands einen ganz besonderen Ruf: gerade die Inhalte, die von den Jugendlichen ferngehalten werden sollten, waren nun besitzenswert.

Inhalt:
  1. Indizierte Spiele: Besonnenheit, Ausgleich, Rechtsfindung
  2. Retro-Grafik schützt nicht vor Indizierung

Kopierte Disketten mit Spielen, die entweder ganz verboten oder erst ab 18 Jahren erhältlich waren, erfreuten sich regen Interesses. Die Prüfstelle wird heute wie damals nur auf Antrag tätig. Die Entscheidung über eine Indizierung trifft ein Gremium, dass sich aus vielen gesellschaftlichen Akteuren zusammensetzt.  

Dabei erscheinen uns einige in der Vergangenheit beanstandete Titel mit zeitlichem Abstand ziemlich zahm - wie beispielsweise River Raid, das 1982 von Carol Shaw programmiert wurde und 1984 auf dem Index landete.

Die Begründung damals: "Das Videospiel River Raid ist kriegsverherrlichend und -verharmlosend. Wie der Antragsteller zu Recht hervorhebt, soll sich der Spieler in die Rolle eines kompromisslosen Kämpfers und Vernichters hineindenken. [...] Aggressive Verhaltensmuster werden spielerisch eingeübt."  

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Erst 2002 gab die Behörde das Spiel auf Antrag von Activision frei. Wie die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz heute auf die Entscheidungen von damals blickt und was aktuelle Herausforderungen beim Schutz Heranwachsender sind, darüber haben wir uns mit Thomas Salzmann, dem stellvertretenden Direktor der BzKJ und Vorsitzenden der Prüfstelle und der psychologischen Referentin Denise Michels unterhalten.  

Golem.de: Herr Salzmann, wie sind Sie zum ersten Mal mit der damaligen BPjS in Kontakt gekommen?  

Thomas Salzmann: Ich kann mich nicht genau erinnern, aber ich vermute wie die allermeisten, die so in den 80er Jahren Kind und Jugendlicher waren, lief das über Bands, deren CDs auf dem Index gelandet waren. Wo es dann hieß, die Ärzte sind indiziert oder die Böhsen Onkelz stehen auf dem Index und so hat man das dann halt mitbekommen. 

Golem.de: Wie hat sich denn das Aufgabenfeld der Behörde seitdem verändert?  

Thomas Salzmann: Zur Indizierung von jugendgefährdenden Medien hinzugekommen sind neue Aufgaben als Folge einer gesetzlichen Anpassung an die Medienrealität und das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Die gesamte Medienwelt steckt spätestens mit dem Einzug des Handys in jeder Jackentasche und ist viel interaktiver geworden. Damit haben sich auch die Gefährdungen und Risiken verändert.  

Kinder und Jugendliche können zum Beispiel Grooming erfahren, können durch radikalisierte Ansprache gefährdet werden, können in Kostenfallen geraten usw. Wir sehen aber grundsätzlich, dass Medien Gefährdungen und Chancen gleichzeitig in sich tragen. Das ist einer der Paradigmenwechsel im neuen Gesetz: dass wir nicht nur schützen, sondern auch Befähigung und Teilhabe organisieren. Wir haben jetzt Mittel, beispielsweise gegenüber Plattformanbietern durchzusetzen, dass sie ihre Angebote sicherer machen müssen. Auch haben wir beispielsweise einen Beirat erhalten, in dem verpflichtend zwei von zwölf Mitgliedern Jugendliche sind. Damit stehen wir unmittelbar in Kontakt mit der jungen Generation.

 

Golem.de: Frau Michels, wann und wie werden Sie bei Indizierungen tätig?  

Denise Michels: Wir machen keine Marktsichtung, was es für neue und potenziell jugendgefährdende Medien gibt, um dann Prüfverfahren einzuleiten. Die Prüfstelle agiert immer nur auf Anregung oder Antrag aus der Gesellschaft heraus.

Ein aktuelles Beispiel sind Anträge zur Indizierung von zwei Medien, die auf Konversionsbehandlung bei Homosexualität abzielen, was dem wissenschaftlichen Verständnis von Homosexualität widerspricht. Ob solch ein Medium jugendgefährdend ist, hängt davon ab, ob es geeignet ist, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden. Hierüber entscheiden weisungsfreie und pluralistische Gremien. Mitarbeitende wie ich stellen für die Beratungen zum Beispiel aktuelle Forschungsstände zusammen.

 

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Retro-Grafik schützt nicht vor Indizierung 
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wgvdl 15. Sep 2022 / Themenstart

Sondergerichte sind in Deutschland nicht erlaubt. Jeder hat das Recht auf einen...

Muhaha 14. Sep 2022 / Themenstart

Ich glaube nicht, dass die Leute, welche Du hier meinst, plötzlich anfangen über ihre...

Prypjat 14. Sep 2022 / Themenstart

Ich glaube wir haben es heute aber auch leichter als unsere Eltern damals. Wir sind damit...

carebear 14. Sep 2022 / Themenstart

ist bist heute nicht zu verzeihen. Eine weitere überflüssige Institution, deren...

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