Interpretieren statt rekonstruieren
Auch daher entschied sich Horikawa mit der neuen Decoding-Studie für ein neues Ziel. Vorherige Studien, sagt er, hätten die Reize, die Probanden erleben, "rekonstruieren" wollen. Wenn ein Proband eine waagerechte Linie sah, sollten die Algorithmen aus den Hirndaten das Bild einer waagerechten Linie generieren. Der Rückschluss sei stets gewesen, dass die Rekonstruktion den tatsächlichen mentalen Inhalt in derselben Modalität wiedergebe.
Horikawas Ansatz hingegen "interpretiert" die Daten. Er dekodiert, was das Gehirn repräsentiert, drückt dessen Inhalt aber in Sprache aus. Beides seien Wege, "um zu verstehen, was das Gehirn macht". Doch mit dem Zwischenschritt, die MRT-Daten in Sprache zu verwandeln, werde die ungewisse Beziehung "robuster und transparenter".
Deswegen sei der Ansatz als Fortschritt zu werten, sagt Bendel. Eine frühere Studie(öffnet im neuen Fenster) habe mit einer ähnlichen Methode zwar gesprochene Sprache aus MRT-Daten dekodiert, Horikawa habe aber gezeigt, dass sich visuelle und mentale Inhalte so dekodieren lassen, dass daraus Text entsteht, der die zugrundeliegende Erfahrung unabhängig von ihrer Modalität beschreibt.
Der ungewisse Weg von den Grundlagen zur Anwendung
Hirnströme als Text zu interpretieren, könnte außerdem neue Anwendungen für das Dekodieren von mentalen Inhalten eröffnen. Dafür müssten Forscher aber auch noch einen Weg finden können, etwas Ähnliches ohne MRT zu erreichen. Wie bei Gehirn-Computer-Schnittstellen, müssten sie zudem das Problem lösen, wie der Decoder nicht für jede Person neu trainiert werden muss. Außerdem wäre es nötig die Kosten zu senken; Computer müssten noch kleiner, schneller und günstiger werden.
Dann könnte Horikawas Ansatz zum Beispiel Menschen, die nicht sprechen können, neue Möglichkeiten geben, sich auszudrücken. Ähnlich wie bei einigen Gehirn-Computer-Schnittstellen, wäre es ihnen dann möglich, ihre Gedanken und Vorstellungen besser mitzuteilen. Damit, sagt Bendel, wäre man "nahe am Gedankenlesen".
Und dann stellen sich die üblichen medizinethischen Fragen(öffnet im neuen Fenster), etwa zu "Neurorechten", "mentaler Privatsphäre" und "kognitiver Freiheit". Im Vergleich zu sehr späten Regelungen beim Thema Social Media, gibt es aber Gründe, vorsichtig optimistisch zu sein. Beispielsweise hat Chile bereits 2021 ein Gesetz verabschiedet, das gegen problematische Anwendungen von Neurotechnologien schützen soll. 2024 wurde es durch das höchste chilenische Gericht bekräftigt(öffnet im neuen Fenster).