Vom Menschen zum Supermenschen: Sterben ist peinlich!
Hier wird das Techie-Herz erwärmt: Diese Serie ist für alle von euch, die sich jeden Tag eine kleine Auszeit von der Weltlage wünschen. Es gibt täglich eine Geschichte für euch aus unserem Archiv – geeignet für ein wenig fröhlichen Eskapismus. Viel Spaß!
Die durchschnittliche Lebensspanne eines Menschen hat sich seit der Industrialisierung enorm erhöht. Zwar fiel sie weltweit(öffnet im neuen Fenster) in den Coronajahren deutlich von 73,4 auf 71,4 Jahre – aber das ist noch immer weit entfernt von den rund 55 Jahren, die bereinigt von der Kindersterblichkeit in den Jahrhunderten zuvor erreicht(öffnet im neuen Fenster) wurden.
Wenn uns der technologische Fortschritt also schon einige Jahrzehnte mehr auf diesem Planeten beschert hat, warum dann nicht annehmen, dass es auch Jahrhunderte sein könnten – oder eine Wiederbelebung möglich ist?
Selbst den Kopf einzufrieren, ist teuer
228 Leichen lagern in den Kühlhäusern des Cryonics Institute(öffnet im neuen Fenster) in den USA. Dessen Gründer Robert Ettinger wurde nach eigenen Aussagen während seiner Midlife-Crisis mit 42 seine Sterblichkeit bewusst – und er beschloss, etwas dagegen zu tun.
Ettinger veröffentlichte in den 1960er Jahren ein Buch mit dem Titel The Prospect of Immortality(öffnet im neuen Fenster) . Es verkaufte sich sehr gut – und damit auch seine Idee, Verstorbene einzufrieren und darauf zu hoffen, dass zukünftige Technologie eine Wiederbelebung ermöglichen würde.
Zunächst hatten die Kryoniker aber mit den Tücken der aktuellen Technik zu kämpfen. Die ersten Versuche, Menschen mit Trockeneis zu frosten, verliefen alles andere als erfolgreich. Als man einige von ihnen auftaute, verwandelten sie sich in einen Brei aus Flüssigkeiten und Organresten.
Diese Fehlschläge dokumentierte(öffnet im neuen Fenster) das Institut ausführlich und nutzt inzwischen flüssigen Stickstoff für den Prozess. Das Blut wird vitrifiziert(öffnet im neuen Fenster) , was nichts anderes bedeutet, als dass man es durch Propylenglykol(öffnet im neuen Fenster) ersetzt. Damit hoffen die Kryoniker, Frostschäden im Gewebe zu verhindern.
Selbst wenn Kryonik prinzipiell funktionieren würde, blieben immer noch der fehleranfällige Faktor Mensch, knauserige Angehörige(öffnet im neuen Fenster) , die von den hohen laufenden Kosten genervt aufgeben, und die Wahrscheinlichkeit des Ausfalls der stromhungrigen Kühlkammern.
Der Preis für die Behandlung liegt bei mehreren zehntausend Dollar, selbst wenn man sparen möchte und nur der Kopf eingefroren wird. Das bietet ein US-Unternehmen namens Alcor(öffnet im neuen Fenster) an. Drei dort verwahrte Kryonauten mussten 1983 auf ihre Schädel reduziert werden – mit einer Kettensäge. Auch ihr Zustand wurde einer detaillierten Analyse unterzogen, bei der man unter anderem Knochenbrüche entdeckte(öffnet im neuen Fenster) , die offenbar durch das Einfrieren entstanden.
Aber warum überhaupt das Risiko eingehen, dass die sterblichen Überreste einem unsterblichen Geist das ewige Leben vermiesen?
Die Transhumanisten: kein hässliches, brutales, kurzes Leben
Der Begriff Transhumanismus wurde durch den Biologen Julian Huxley populär gemacht, der im Jahr 1957 einen gleichnamigen Artikel(öffnet im neuen Fenster) veröffentlichte. Das menschliche Leben solle nicht mehr "hässlich, brutal und kurz" sein, so Huxley, sondern die Spezies müsse über sich selbst hinausgehen.
Die Transhumanisten haben im Gegensatz zum rein technologiebasierten Ansatz der Schockfroster demzufolge einen eher philosophischen Ansatz, der sich auf Denker wie Aristoteles(öffnet im neuen Fenster) , Bacon(öffnet im neuen Fenster) , Descartes(öffnet im neuen Fenster) und sogar Nietzsche(öffnet im neuen Fenster) stützt. Frühere Ansätze, die sich der Eugenik(öffnet im neuen Fenster) annäherten, werden jedoch inzwischen aus offensichtlichen Gründen kaum noch verfolgt.
Der transhumanistische Autor Zoltan Istvan macht in seinem Buch Die transhumanistische Wette(öffnet im neuen Fenster) folgende Rechnung auf: "Wenn ein vernünftig denkender Mensch das Leben liebt und wertschätzt, wird er so lange wie möglich leben wollen – der Wunsch, unsterblich zu sein. Dennoch ist es unmöglich zu wissen, ob sie nach ihrem Tod unsterblich sein werden. [...] Zu versuchen, schon im Vorfeld etwas wissenschaftlich Konstruktives zur Sicherung der Unsterblichkeit zu tun, ist die logischste Schlussfolgerung."
Um seiner Philosophie Nachdruck zu verleihen, trat Istvan im US-Präsidentschaftswahlkampf 2015 an. Er fuhr mit einem Mobil in Form eines Sarges durch das Land, dem Immortality Bus(öffnet im neuen Fenster) . Istvan ist inzwischen davon überzeugt, dass die biologische Menschheit innerhalb der nächsten 100 Jahre verschwinden wird.
Außerdem geht er davon aus, dass andere intelligente Wesen außerhalb der Erde längst diese Transformation durchlebt haben und dies auch der Grund ist, warum wir sie nicht finden können: "Niemand kontaktiert uns [...], weil es so wäre, als würde man einer Ameise Shakespeare vorlesen. Es ergibt nicht einmal Sinn." Wenig überraschend setzt Istvan derzeit auf die Fortschritte bei der KI-Forschung, um die Menschheit näher an den Sprung auf die nächste Stufe des Daseins zu bringen.
Die Methusalem-Maus
Ein weiterer Vertreter der Idee, dem Tod technologisch von der Schippe zu springen, ist der Bioinformatiker Aubrey de Grey(öffnet im neuen Fenster) . Auch wenn er es nach eigenen Angaben nicht mag, als Transhumanist bezeichnet zu werden, sind seine Anstrengungen, den menschlichen Alterungsprozess zu stoppen, mit philosophischen Ansichten untermauert, die denen der transhumanistischen Bewegung nahestehen. Er argumentiert, dass wir uns in einer "Pro-Aging-Trance" befänden, die den Verfall und den Tod akzeptiere, anstatt aktiv an seiner Verhinderung zu arbeiten.
De Grey selbst tut dies, indem er an Methoden forscht, die Schäden an Zellen reparieren sollen. Er ist davon überzeugt, dass die Menschheit ihre Trance verlässt, sobald er eine Methusalem-Maus als lebendes Beispiel für die Unsterblichkeit präsentieren kann. In Deutschland gründete sich inzwischen sogar eine Partei(öffnet im neuen Fenster) , die wie er das Altern bekämpfen will.
Seine millionenschwere Stiftung(öffnet im neuen Fenster) versucht, Forschungsgelder einzusammeln und organisierte unter anderem in Berlin eine Konferenz, bei denen Start-ups ihre Ideen für den Alterungsstopp vorstellten und auf neue Geschäftsmodelle hofften. Für das Jahr 2025 ist allerdings keine Konferenz(öffnet im neuen Fenster) angesetzt.
Der Tod ist unnatürlich
Mit angeblich lebensverlängernden Mittel bereits zu Reichtum gekommen ist William Faloon(öffnet im neuen Fenster) . Er wurde schon mit 15 Jahren auf die Kryoniker aufmerksam. Fortan machte er das ewige Leben zu seinem persönlichen Ziel und zur Grundlage eines florierenden Geschäftes mit Vitaminpräparaten.
Nachdem er sich durch eine Lebensversicherung einen Platz in einer Kühlkammer beim oben erwähnten Unternehmen Alcor gesichert hatte, baute er in den USA eine steuerbegünstigte Stiftung auf. Deren Vertreter handelten aber offenbar nicht nur mit bestenfalls gesundheitlich unbedenklichen Substanzen, sondern auch mit Kokain. Trotz der Razzia eines Polizeispezialkommandos gegen einen seiner Geschäftspartner konnte Faloon nicht nur seine Aktivitäten weiter verfolgen, sondern auch noch eine Ausnahmeregelung für seine Präparate bei den Behörden erwirken(öffnet im neuen Fenster) .
Inzwischen ist seine Organisation in den USA als Kirche anerkannt und trägt den Namen The Church of Perpetual Life(öffnet im neuen Fenster) .
Dass sowohl er als auch ein Großteil seiner Anhängerschaft knallharte Atheisten sind, ist nur folgerichtig: Warum an ein Leben nach dem Tod glauben, wenn man gar nicht erst ablebt?
Es ist peinlich, zu sterben
Ein weiterer US-Kult, der das ewige Leben seit Jahrzehnten propagiert, ist People Unlimited(öffnet im neuen Fenster) . Gegründet vom Ehepaar Charles und Bernadeane Brown und ihrem Geschäftspartner James Russell Strowe begann die Bewegung in den 1970er Jahren zunächst unter dem Namen The Eternal Flame mit einer ähnlichen Aussage wie der des oben erwähnte Aubrey De Grey: Die Menschheit lebe in einer todesorientierten Kultur und sei mit dem Gedanken an die Sterblichkeit gehirngewaschen.
Durch reine Willenskraft könne dieser Kreislauf durchbrochen werden, wenn man sich den drei Gründungsmitgliedern des Kultes anschließe. Um ihre Bewegung bekannter zu machen, gaben die drei gern Fernsehinterviews(öffnet im neuen Fenster) , in denen Bernadeane Brown das Sterben als "peinlich" bezeichnete.
Peinlich dürfte für alle Beteiligten aber vor allem der Tod von Charles Brown gewesen sein, der seit 2014 auf der Team-Webseite(öffnet im neuen Fenster) der inzwischen umbenannten und als Non-Profit-Organisation anerkannten Sekte People Unlimited fehlt. In einem Blogpost(öffnet im neuen Fenster) wird sein Ableben so begründet: "Obwohl die Idee der Unsterblichkeit hell in ihm brannte, verfehlte er oft das Leben nach ihren Grundsätzen. Zu viel Stress und zu wenig Bewegung trugen zweifellos zu der Herzerkrankung und der Parkinson-Krankheit bei, unter denen er litt."
Allerdings hatte er Zeit seines Lebens behauptet(öffnet im neuen Fenster) , in den 1960er Jahren eine genetische Transformation durchlebt zu haben, die ihn vor genau diesem Schicksal beschützen sollte. Bernadeane folgte rund 10 Jahre später – auch sie fehlt nun auf der Team-Seite. Ihr Ableben wurde kaum bekannt gemacht, lediglich ein Facebook-Post(öffnet im neuen Fenster) wies darauf hin, dass sie sich nun in Cryostase befinde.
Wir werden alle sterben, bald ist es so weit
Gerade die letzten Beispiele der Unsterblichkeitsbewegungen haben zweierlei gemeinsam: Sie beweisen, dass zumindest Steuern nicht unausweichlich sind – im Gegensatz zum Tod. Viel wichtiger ist aber, dass hier nicht die Idee im Vordergrund steht, sondern die Personen, die sie repräsentieren.
Dadurch wird der Glaube personifiziert und verstärkt, was reine Wissenschaft oft eher nicht vermag. Außerdem eint fast alle derartigen Ideen, dass sie ein langes oder bestenfalls ewiges Leben ohne großen persönlichen Aufwand versprechen.
So konzentrieren sich die medizinischen Bestrebungen beispielsweise eher auf die Beseitigung von körperlichen Schäden, anstatt ihre Verhinderung anzustreben. Letzteres wäre für viele Menschen in der modernen Zeit mit einer erheblichen Umstellung ihres Lebenswandels verbunden: mehr Sport, gesündere Ernährung, weniger Stress.
Abgesehen davon ist der egoistische Ansatz der Verlängerung des eigenen Lebens natürlich fragwürdig, wenn man betrachtet, wie die Menschheit insgesamt gerade damit beschäftigt ist, den Planeten für kommende Generationen so ungemütlich wie möglich zu gestalten.
Update:
Der Artikel wurde auf seine Aktualität überprüft.
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