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"Völlig unvernünftig": Notfallmediziner warnen vor Verzicht auf ePA

Kurz vor dem Pilotstart der ePA für alle zeigt sich die Ärzteschaft gespalten. Die Notfallmediziner halten Sicherheitsrisiken für gering.
/ Friedhelm Greis
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Notfallmediziner warnen vor einem Widerspruch gegen die ePA. (Bild: Pixabay)
Notfallmediziner warnen vor einem Widerspruch gegen die ePA. Bild: Pixabay

Die Intensiv- und Notfallmediziner warnen Versicherte trotz der bekanntgewordenen Sicherheitsprobleme vor einem Verzicht auf die elektronische Patientenakte (ePA). "Gerade in Notfallsituationen kann der Verzicht auf digitale Informationen zu gefährlichen Verzögerungen oder Fehlern führen" , sagte der Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, der Augsburger Allgemeinen(öffnet im neuen Fenster) .

Daher sei es "aus medizinischer Sicht völlig unvernünftig, der Nutzung der elektronischen Patientenakte zu widersprechen" , sagte Janssens und fügte hinzu: "Wer widerspricht, gefährdet möglicherweise die eigene Versorgung und Gesundheit."

Janssens: Sicherheitsrisiko ist gering

Hintergrund der aktuellen Debatte zur ePA ist ein Vortrag auf dem 38. Chaos Communication Congress (38C3) im Dezember 2024 in Hamburg . Darin zeigten die IT-Experten Bianca Kastl und Martin Tschirsich vom Chaos Computer Club (CCC) unter anderem, dass es theoretisch mit verhältnismäßig geringem Aufwand möglich ist, Zugang zu sämtlichen freigeschalteten Patientenakten zu erhalten. Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, sagte anschließend , er empfehle seinen Patienten derzeit die ePA nicht. Die möglichen Einfallstore seien zu groß.

Das sieht Janssens jedoch anders. "Kein System ist hundertprozentig sicher – das ist klar. Aber ich sehe das Risiko bei der ePA als gering an" , sagte der Notfallmediziner und erläuterte zur Begründung: "Wir bewegen uns ohnehin im Alltag überall auf digitalem Glatteis: Kreditkarten, Onlinebanking, soziale Medien – die meisten Menschen geben viel sensiblere Daten preis als das, was in der elektronischen Patientenakte steht." Sollte es tatsächlich Sicherheitslücken geben, müssten diese geschlossen werden.

ePA soll Fehler reduzieren

Laut Janssens besteht der Vorteil der ePA in Notfallsituationen darin, dass lebenswichtige Informationen wie Medikationspläne, vorbestehende Diagnosen, Arztbriefe, Laborwerte, Blutgruppen schnell und sicher verfügbar seien. "Die ePA würde uns erlauben, schneller und präziser zu handeln. Das spart Zeit und reduziert Fehler, gerade bei älteren Patienten mit komplexen Krankheitsbildern und vielen Vorerkrankungen" , sagte Janssens.

Generell sei die ePA bei der Übergabe von Patienten zwischen unterschiedlichen Gesundheitseinrichtungen hilfreich. "Die Übergabe von Patienten ist immer ein Risiko, sei es zwischen Notaufnahme und Intensivstation, Operationssaal und Normalstation oder anderen Bereichen, selbst vom Hausarzt zum Facharzt" , sagte Janssens. Das könne "fatale Folgen haben, wie die Gabe von falschen Medikamenten oder das Auslassen eigentlich wichtiger Therapien" .

Rund 70 Millionen Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen sollen künftig eine ePA erhalten. Wer dies nicht möchte, muss dem aktiv widersprechen (Opt-out-Lösung). Je nach Einstellung könnten bestimmte Leistungserbringer wie Ärzte oder Apotheken Zugriff auf die Daten erhalten. In der Regel autorisieren Patienten die Zugriffsrechte, wenn sie beispielsweise bei einem Arztbesuch ihre elektronische Gesundheitskarte (eGK) in das Lesegerät stecken.

Das heißt: Auch in Notfallsituationen müssen Versicherte ihre eGK bereithalten, um den Zugriff eines Krankenhauses zu autorisieren. Es ist zudem möglich, nur Notfalldaten hochzuladen. Sobald Versicherte in einer medizinischen Einrichtung ihre elektronische Gesundheitskarte einlesen lassen, geben sie damit generell den kompletten Zugriff auf die Daten frei. Zudem gilt die Freigabe für das gesamte Personal der Einrichtung.


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