Vision only: Teslas neue Einparkhilfe hat ein Problem mit Abständen
Die meisten Autofahrer kennen das Geräusch, das ertönt, wenn man in eine enge Parklücke einparken möchte: Das Auto piepst, meist in einem lauten, hochfrequenten, etwas unangenehmen Ton. Missen will man das Geräusch trotzdem nicht, da es gerade in engen Parksituationen in der Stadt eine zusätzliche Hilfe darstellt, um Schäden an den lackierten Stoßstangen zu vermeiden. Selbst wenn man das eigene Auto mit verbundenen Augen einparken könnte – spätestens bei einem Leihwagen mit schlechter oder ungewohnter Sicht nützt die Einparkhilfe.
Die Einparkhilfe kommt bei den meisten Autos von Sensoren. Tesla hat sie aber in seinen Autos abgeschafft und durch Vision only mit Kameras ersetzt. Ich habe mit meinem Tesla Model 3 ausprobiert, wie gut das funktioniert (Spoiler: nicht so gut) und welche Unterschiede es zum klassischen Einparken gibt. Außerdem habe ich mich damit beschäftigt, warum Tesla diesen Schritt überhaupt geht – und wie es weitergehen könnte.
Die bewährten Sensoren, die Tesla nun nicht mehr verwendet, gibt es schon ziemlich lange: Der Toyota Corona verbaute 1982 die erste funktionierende Einparkhilfe(öffnet im neuen Fenster) in Form von Ultraschallsensoren (USS). Seit vielen Jahren sind diese Sensoren standardmäßig auch in der Kompaktklasse vorhanden – natürlich in unterschiedlichen Ausführungen und Visualisierungen.
Seit Ende März wird Vision only unterstützt
Seit Oktober 2022 hat keines der Tesla-Modelle mehr die Ultraschallsensoren – also auch nicht die Topmodelle S und X, für die man (wie im Fall des Model S) mindestens knapp 130.000 Euro ausgeben muss. Als Sensoren bleiben also nur die acht Außenkameras übrig, die Tesla verbaut, sowie eine Innenkamera beim Model 3/Y.
Seit dem 23. März 2023 liefert Tesla mit einem Update in der Version 2023.6.9 die erste Unterstützung für die Einparkhilfe mit Vision only. Mittlerweile sollten die meisten Besitzer eines Tesla ohne USS das Update erhalten haben.
Man bedenke: Tesla-Besitzer ohne USS warten also unter Umständen seit Oktober 2022 auf die Einparkhilfe – und bis heute auf die Features des Enhanced Autopilot, wie das automatische Einparken oder das Herbeirufen. Beide Features sind trotz des aktuellen Updates nicht verfügbar.
Meine Erfahrungen
Mich erreichte das Update tatsächlich erst Anfang April. Zunächst zögerte ich mit der Installation, da man den neuen Parkassistenten nicht deaktivieren kann, sondern damit leben muss – egal wie gut oder schlecht er funktioniert.
Doch meine Neugier überwog und ich installierte das Update auf meinem Model 3 (2023 Europe). Schnell zeigte sich: Es kann eindrucksvoll die Umgebung darstellen – doch es ist sehr ungenau und liefert durchwachsene Ergebnisse. Da wird gerne mal ein Smart als Lkw angezeigt, aber der Spielzeugtraktor der Kinder hinter dem Fahrzeug komplett ignoriert.
Zudem aktiviert das System den Parkassistenten mitunter automatisch, während man unterwegs ist und an einer Ampel anhalten muss. Die Folge ist wildes Gepiepse inklusive Stopp-Anzeigen in allen Richtungen.
Außerdem scheint das System mit der Kollisionswarnung verbunden zu sein. Das führte während der Fahrt bei zähfließendem Verkehr und langsameren Geschwindigkeiten etwa in der Stadt dazu, dass das System der Meinung war, man wolle einparken – obwohl man nur an einer Ampel steht.
Richtiggehend gefährlich sind die angegebenen Entfernungen: Wenn der Tesla 50 cm anzeigt, sind es gerne mal nur 10 cm – oder umgekehrt. Wer es weiß, kann sich damit abfinden oder verlässt sich eben nicht auf die Tesla-Angaben.
Ich persönlich würde meinen Tesla nicht ohne den ausdrücklichen Hinweis verleihen: "Nicht auf den Parkassistenten hören."
Warum macht Tesla das?
Meine Erfahrungen decken sich teilweise mit denen anderer Nutzer – wobei die sehr unterschiedlich waren. Sie umfassen:
- sehr positiv
- ok, aber definitiv verbesserungswürdig
- einfach nur katastrophal und potenziell gefährlich
Wenn man die Erfahrungen zusammenfasst: Vision Only kann bestimmte Dinge besser als die bisherigen Sensoren – oder ermöglicht sie überhaupt erst. Dafür kann Vision Only einiges aktuell nur sehr ungenau, was etwa die USS (seit den 90ern!) deutlich besser machen.
Besonders ungünstig hierbei: Die Kamerasensoren machen selbst bei leichter Verschmutzung, Regen oder externen Lichtquellen Probleme, zum Beispiel bei starker Sonneneinstrahlung oder fehlendem Licht (Parken unter freien Himmel oder in der dunklen Garage).
| Funktionalität | Ultraschallsensoren | Vision only |
|---|---|---|
| Abstände zu Hindernissen erkennen | meist sehr zuverlässig | zeigt Abstände an, aber sehr ungenau |
| Bordsteine und andere tief liegende Hindernisse erkennen | möglich, zum Beispiel mit den Bosch-Sensoren der 6. Generation | Visualisierung meist vorhanden |
| Beeinträchtigung durch äußere Einflüsse | stark verschmutzte Sensoren können Probleme bereiten, ansonsten sehr zuverlässig | Erkennung funktioniert häufig nicht oder schaltet sich ab bei verschmutzten Kameras, Regen, schlechten Lichtverhältnissen, starker Sonneneinstrahlung |
Man kann sich nun fragen: Warum nutzt Tesla Vision Only nicht einfach zusammen mit USS und steigert damit die Genauigkeit? Zusätzliche Sensoren könnten einspringen und die Parkhilfe, jedenfalls in einem eingeschränkten Modus, auch in diesen Fällen weiterhin ermöglichen.
Warum macht Tesla das?
Hardware kostet Geld – und zwar für jedes ausgelieferte Fahrzeug. Wenn man für die Ultraschallsensoren pro Fahrzeug 114 US-Dollar veranschlagt(öffnet im neuen Fenster) , sind das – wenn man es auf das Geschäftsjahr 2022 rechnet – bei 1,3 Millionen Fahrzeugen knapp 150 Millionen US-Dollar Einsparung.
Software dagegen kopiert man einfach. Und für 150 Millionen Einsparung (pro Jahr, bei gleichen Auslieferungszahlen) lässt sich in der Software-Abteilung sicher einiges erreichen. Die Betonung liegt auf "einiges" – sämtliche Probleme wird man auch in Zeiten von KI und immer schneller werdender Hardware aktuell einfach nicht lösen können.
Ein Versuch, Probleme zu lösen, die es mit USS nicht gab
Die Lösung, die Tesla aktuell bereitstellt, ist definitiv nur ein erster Versuch, Probleme zu lösen, die es mit USS überhaupt nicht gab. Dass Tesla an einer Lösung via Software festhält, ist daran zu sehen, dass es bereits ein weiteres Update (2023.6.11) mit möglichen Verbesserungen für den Parkassistenten gibt.
Auch hier scheiden sich die Geister – meine Einschätzung dazu hat sich nicht geändert: Zwar werden zum Beispiel Mülltonnen ziemlich perfekt erkannt. Aber auf dem Display steht immer noch 50 cm, obwohl es in Wahrheit 5 cm zur Wand sind.
Einen großen Fortschritt soll das Occupancy network(öffnet im neuen Fenster) bieten, wodurch sich die Umgebung durch die verbauten Kameras komplett erfassen lässt und Entfernungsberechnungen möglich sind, die durch Einsatz eines Radars in dieser Form nicht möglich wären.
Aber ob es die Zuverlässigkeit wirklich auf ein hohes Niveau bringt und vor allem wann, bleibt abzuwarten: Eine Erfassung von Objekten, die sich im toten Winkel befinden und vorher nicht erfasst wurden, ist nicht möglich.
Apropos toter Winkel: Es steht anscheinend eine neue Hardware-Revision (HW4) bei Tesla an(öffnet im neuen Fenster) . Angeblich soll es in Zukunft mehr Kameras geben und diese sollen anstelle von 2 MP mit 5 MP auflösen – tote Winkel soll es dann nicht mehr geben. Auch von einer möglichen Heizung in den Kameras, um Beschlagen vorzubeugen, wird berichtet.
Wird es neue Hardware geben?
Es wird sich zeigen, ob neue Hardware die aktuellen Probleme lösen kann. Und selbst wenn: Die Besitzer eines Tesla ohne USS werden mit großer Wahrscheinlichkeit allein gelassen werden, denn ein Upgrade auf die neue Hardware wird, sofern das überhaupt möglich ist und angeboten wird, nicht umsonst kommen.
Eine Möglichkeit wäre natürlich, dass Tesla die Sensoren in einer Serviceaktion nachrüstet. Die Kabel und Stecker sollen angeblich noch immer an den richtigen Stellen vorhanden sein – doch es fehlen schlichtweg die Aussparungen an den Stoßstangen.
Eine Umrüstung wäre also mit hohen Kosten verbunden. Aber auch das Image von Tesla würde mit dem Zurückrudern wohl – passend zum Einparken – eine ziemliche Delle erhalten.
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