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Vintage Computing Festival Berlin: Technik von gestern, Wissen von heute

Workshops, Basteleien, Fachgespräche und Wiederbegegnungen mit den Begleitern vergangener Tage: Retro-Fans haben sich am Wochenende in Berlin zum ersten Vintage Computing Festival in der Hauptstadt getroffen.
/ Stephan Humer
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Bild: Stephan Humer

Manche wollen ihren alten Commodore reparieren, andere in Erinnerungen an den Mac IIfx schwelgen oder auf Segas Master System spielen: Knapp 1.200 Retro-Fans haben am vergangenen Wochenende das erste Vintage Computing Festival in Berlin besucht. Fünf Räume des Festivals im Pergamon-Palais der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte haben dabei besondere Aufmerksamkeit erfahren: ein liebevoll arrangierter Apple Room, der Game Room mit alten Originalsystemen zum Zocken, das Atrium mit mehreren Dutzend dicht gepackten Ständen unterschiedlicher Ausrichtung, das Medientheater mit Vorträgen über Vintage Computing sowie eine Sofa- und Bastelecke. Letztere war schon früh so überlaufen, dass dem dortigen Lötworkshop-Team bereits am Samstag die Materialien ausgingen.

Vintage Computing Festival - Bericht
Vintage Computing Festival - Bericht (01:10)

Vor lauter Begeisterung über die alten Systeme haben die Veranstalter offenbar einen Experten für moderne Technik vergessen: So fiel des Öfteren aufgrund akuter Überlastung für längere Zeit der Strom aus. Gänzlich unglücklich verliefen mehrere Ausflüge ins etwas abgelegene Signallabor im zweiten Stock des HU-Gebäudes: Dort standen Besucher immer wieder vor verschlossenen Türen oder schlicht in einem menschenleeren Raum - trotz anderslautender Einladung zu einem Coding Contest, der zumindest zum vorgesehenen Zeitpunkt dort nicht stattfand.

Drei Generationen von HP-Tischrechnern

In Relation zur Gesamtveranstaltung fielen diese Widrigkeiten jedoch kaum ins Gewicht. Allein das Atrium beeindruckte mit vielfältiger Computergeschichte, die von in Japan entwickelten und in Europa oftmals völlig unbekannten Rechnern und ihrer Software über lauffähige Bildschirmtext-Systeme(öffnet im neuen Fenster) bis zu einer Silicon-Graphics-Espresso-Maschine(öffnet im neuen Fenster) reichte. Thomas Falk, Bastler und Liebhaber alter Hewlett-Packard-Systeme, präsentierte an seinem Stand drei Generationen von HP-Tischrechnern, beginnend mit einem HP9100A aus dem Jahre 1968. Er war Hewlett Packards erster Tischrechner überhaupt, ist in Transistortechnik aufgebaut und beinhaltet nur einen einzigen integrierten Schaltkreis (einen Operationsverstärker im Kartenleser). Darüber hinaus konnte er bereits vielfach erweitert werden, was am Beispiel eines Plotters gezeigt wurde. Dieser visualisierte unermüdlich die Lösungskurve einer Differentialgleichung, das sogenannte Lorenz-System(öffnet im neuen Fenster) .

Zusammen mit den Rechnern HP9810A und HP9815A wurde so die kurze, aber intensive Karriere der Tischrechner und ihr Weg vom Transistor zum Mikroprozessor nachgezeichnet.

Liebhaber-Stücke im Apple-Raum

Etwas weniger technikzentriert war die Stimmung im Apple Room, denn nicht wenige Nutzer verbanden hier persönliche Erlebnisse mit den alten Systemen. Zu sehen waren Rechner wie der Mac IIfx, ein Anfang der 1990er Jahre erschienenes System, das bei einigen Anwesenden dank seiner Motorola-68030-CPU spontan Erinnerungen an die hitzigen System Wars unter den Fans der technisch stets ähnlich, aber mit jeweils gänzlich unterschiedlicher Philosophie ausgestatteten Rechner der drei damaligen Branchengrößen Commodore, Atari und Apple erinnerte - die 68030-CPU findet sich unter anderem im Commodore Amiga 3000 und im Atari Falcon. Systeme wie der Apple IIc Plus erinnerten an die erfolgreiche Apple-II-Serie, die mit dem IIc Plus nach einem Jahrzehnt 1988 ihren Abschluss fand.

Doch auch Fehlschläge waren zu sehen, beispielsweise Apples PowerCD aus dem Jahr 1993, ein externer Player für Audio- und Daten-CDs mit einem im Vergleich zu zeitgenössischen, ultraleichten Musikgeräten wenig portablen Gewicht von gut anderthalb Kilogramm. Schon damals dürfte dieses Gerät aufgrund der Verbreitung von CD-Laufwerken in Apple-Computern und deutlich leistungsfähigerer tragbarer Audio-CD-Player anderer Hersteller wohl ein eher nachrangiges Objekt auf der Wunschliste vieler Kunden gewesen sein.

Master System, Commodore, Atari

Im Game Room gerieten technische Spezifikationen vollends in den Hintergrund, denn hier ging es vor allem um den Spaß am Spiel. In Zusammenarbeit mit dem Haus der Computerspiele Leipzig hatten die Veranstalter gut zwei Dutzend Geräte bereitgestellt, von altbekannten Konsolen wie Segas Master System über klassische Spielecomputer von Commodore und Atari bis hin zum Virtual Boy, ebenfalls ein Gerät der 90er Jahre und Nintendos erste 3D-Konsole. Besonderer Blickfang war das Matelight(öffnet im neuen Fenster) , ein selbst gebasteltes Display bestehend aus leeren Club-Mate-Flaschen, einem alten Notebook und etlichen günstigen Leuchtmitteln.

Das Vintage Computer Festival ist in den USA entstanden und existiert seit Ende der 90er Jahre. In den vergangenen Jahren haben sich weltweit immer mehr Ableger etabliert, beispielsweise im Vereinigten Königreich und in der Schweiz. Der wichtigste Spross dürfte das Vintage Computer Festival Europa sein, das im Mai 2015 bereits zum sechzehnten Mal in München ausgerichtet werden wird. Eine Fortsetzung des Festivals in Berlin ist für das erste Oktoberwochenende 2015 geplant.


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