Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Viertes Mobilfunknetz: 1&1 lässt laut Bericht Verkauf des Unternehmens durchrechnen

Fast keine eigenen Antennenstandorte, schwaches Open RAN, steigende Zinsen und Energiekosten: Ralph Dommermuth soll den Ausstieg bei 1&1 prüfen lassen. Das Unternehmen dementiert dies klar.
/ Achim Sawall
34 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Geht das Schiff unter? United Internet Team Germany beim Louis Vuitton Fleet Race im America's Cup im April 2007 in Valencia, Spanien. (Bild: Mike Hewitt/Getty Images)
Geht das Schiff unter? United Internet Team Germany beim Louis Vuitton Fleet Race im America's Cup im April 2007 in Valencia, Spanien. Bild: Mike Hewitt/Getty Images

Wegen erheblichen Problemen beim Aufbau eines eigenen Mobilfunknetzes soll United Internet einen Verkauf des Unternehmens prüfen. Das berichtet die Wirtschaftswoche (Paywall) ohne Angabe von Quellen(öffnet im neuen Fenster) . Zwei große Unternehmensberatungen sollen für den drei Milliarden Euro schweren Unternehmensgründer Ralph Dommermuth und die Aktionäre nach radikalen Lösungen suchen.

1&1 Drillisch ersteigerte bei der vergangenen 5G-Frequenzauktion der Bundesnetzagentur Blöcke für 1,07 Milliarden Euro. Das Unternehmen erhielt zweimal 20 MHz bei 2 GHz und 50 MHz im Bereich 3,6 GHz. Doch die Kosten beim Netzausbau steigen, Open-RAN als Technik erweist sich derzeit noch als teurer Irrweg für ein gesamtes Netz, zudem sind die Ausgaben für Zinsen und Energie stark gewachsen. United Internet hat das klar dementiert, ein "Verkauf von 1&1" sei "kein Szenario" . Telefónica als möglicher Kaufinteressent erklärte, Marktgerüchte nicht zu kommentieren.

Spätestens bis Ende des Jahres 2023 muss der Vertrieb als Discounter in anderen Netzen beendet werden. Die Bundesnetzagentur hat den Termin festgelegt , bis zu dem 1&1 Mobilfunk als MVNO (Mobile Virtual Network Operator) auftreten darf.

1&1 lässt sein Mobilfunknetz vom japanischen Open-RAN-Netzbetreiber Rakuten aufbauen. Rakuten ist Generalunternehmer und hat die Verantwortung für den kompletten Aufbau und die Planung. Fronthaul, Midhaul und Backhaul werden über die Schwestergesellschaft 1&1 Versatel realisiert.

Bei Rakuten explodieren die Kosten für Open RAN

Open RAN ist im Einkauf erst einmal billiger als professionelle Mobilfunkausrüstung und soll so die Vormachtstellung von Huawei, Nokia, Ericsson, ZTE und anderer brechen. Open RAN bedeutet Cloud, virtualisierte Netzwerkelemente, einfache Standard-Hardware von verschiedenen Anbietern, Software für die Integration und standardisierte Schnittstellen, wobei auf proprietäre, hochentwickelte Chips und Software der etablierten Netzausrüster verzichtet werden muss. Das japanische Unternehmen Rakuten, dessen Kerngeschäft eigentlich E-Commerce ist, schaltete im April 2020 sein LTE-Netz live, im September 2020 folgte 5G. Insgesamt haben die Kosten von Rakuten für den Aufbau des Netzes sich auf 5 Milliarden US-Dollar verdoppelt .

Viele Mobilfunkbetreiber äußern sich kritisch zu Open RAN, sie erproben es nur in einzelnen Gebieten, um Kosten zu sparen und die Funktionalität zu prüfen. Es sei "fraglich, ob die Open-RAN-Technologie für einen bundesweiten Rollout in Deutschland tauglich ist" , sagte Jochen Bockfeld , Vice President Network Core & Service bei Telefónica Germany, am 21. Juni 2022. "Wir bei der Telefónica halten es für eine sehr nützliche und erforderliche Erweiterungstechnik für lokale Netzabdeckung, für Private Networks und Private Networks Campus Solutions."

Zu einem Open RAN Feldtest in Plauen mit Nokia und Mavenir(öffnet im neuen Fenster) äußerte sich der damalige Chief Technology Officer Gerhard Mack am 9. November 2021 im Bundesverkehrsministerium relativ kritisch . Open RAN stehe noch am Anfang, daher wolle sich Vodafone "nicht zu früh festlegen" , sagte Mack vor rund einem Jahr. O-RAN sei auch "kein Selbstläufer" , räumte er ein. Mack betonte, man wolle nicht, dass sich bei Open RAN "wieder ein Oligopol bildet" . Weiter bestehe durch Open RAN "die Gefahr, dass unsere zwei großen Hersteller verlieren" , sagte Mack mit Blick auf die europäischen Konzerne Ericsson aus Schweden und Nokia aus Finnland. Es gebe bei Open RAN "sehr viele amerikanische Anbieter und nicht sehr viele europäische. Wir brauchen mehr europäische Hersteller und mehr deutsche Firmen bei Open RAN. Eine Verschiebung der Gewichte nach Nordamerika wollen wir nicht" , sagte Mack wörtlich. Doch der Manager verließ Vodafone im März 2022. In Mobilfunknetzen auf dem Land gebe es mit Open RAN noch Probleme mit der Energieeffizienz und der Performance der Antennen, erklärte der Telekom-Manager Petr Lédl. Der Telekom Vice President und Chief O-RAN Architect sprach im April 2022 auf der Open RAN World in Berlin(öffnet im neuen Fenster) über den nicht öffentlichen Feldversuch des Netzbetreibers in Neubrandenburg.

1&1 Mobilfunk: Das erste Netz fast ohne Antennen

United Internet hat für 1&1 Mobilfunk erst wenige eigene Antennen aufgebaut und die Öffentlichkeit beim Start nicht eingeladen. Bei den angekündigten 1&1-Breitbanddiensten für zu Hause über einen einfachen Homerouter dürfte es sich um sehr vereinzelte Angebote an wenigen einzelnen Standorten handeln, um Ausbauauflagen der Bundesnetzagentur formal zu erfüllen. Der Betreiber macht keine Angaben zu Anzahl der bisherigen Antennenstandorte.

Mitte September hatte 1&1 Mobilfunk bekannt gegeben, das Ausbauziel von 1.000 Antennenstandorten für das eigene 5G-Mobilfunknetz bis Ende 2022 nicht erreichen zu können. Der Vodafone-Tochter Vantage Towers als größtem Partner wurde die Schuld dafür gegeben. Vantage-Towers-Sprecherin Sarah Rötzer sagte Golem.de auf Anfrage: "An unserem Plan, 1&1 mindestens 3.800 und potenziell bis zu 5.000 Standorte bis Ende des Kalenderjahres 2025 zur Verfügung zu stellen, hat sich nichts geändert. Wir haben immer gesagt, dass wir 2022 erste Sites zur Verfügung stellen und nach etwa 18 Monaten eine stable run rate erwarten."

Dommermuth sagte dem Focus(öffnet im neuen Fenster) , dass er von Mieteinnahmen und Dividendenzahlungen lebe und kein Vorstandsgehalt bei United Internet mehr bekomme. Wenn er alles verliere, wäre er maximal drei Tage traurig und würde am vierten Tag "etwas Neues anfangen" .


Relevante Themen