Vierte Staffel For All Mankind: Über alle Maßen faszinierend

Mit jeder Staffel von For All Mankind gibt es einen Zeitsprung. Die erste Folge spielte im Jahr 1969, die dritte Staffel Mitte der 90er Jahre . Die vierte beginnt nun im Jahr 2003. Sie läuft ab dem 10. November bei Apple TV+.
Wie immer gibt es zunächst einen schnellen zeitlichen Abriss, was sich in den Jahren getan hat: In den USA wurde die gleichgeschlechtliche Ehe legal, Ellen Wilson erlebte eine zweite Amtszeit als Präsidentin, Al Gore wurde ihr Nachfolger und zusammen mit Michail Gorbatschow begann eine Zeit der Entspannung zwischen den USA und der Sowjetunion. Die Zeit des Kalten Kriegs ist vorbei, Glasnost beginnt in For All Mankind(öffnet im neuen Fenster) Jahre, nachdem dies bei uns der Fall war – und doch sieht die Welt von vor 20 Jahren schöner aus als unsere heute.
Es ist eine der großen Stärken der Serie: dass eine plausible, alternative Historie ausgebaut wird, in der nicht nur ein technischer, sondern auch ein soziokultureller Fortschritt gemacht wurde.
Auf dem Mars
Schon in der dritten Staffel wurde der Mars nach einem Wettrennen von Nasa, Sowjets und dem privaten Konzern Helios erreicht, wobei eine Zusammenarbeit aller nötig war. Eine Überraschung gab es auch: Der erste Mensch auf dem Mars war schon Monate vorher da – ein Nordkoreaner.
Seitdem hat sich einiges getan. Happy Valley auf dem Mars ist eine kleine Siedlung geworden. Sowjets, Amerikaner und Privatsektor arbeiten Hand in Hand, um einen Asteroiden von seinem Kurs umzulenken und zum Mars zu bringen, da die in ihm vorhandenen Rohstoffe für den weiteren Ausbau von Happy Valley von enormer Bedeutung sind.
Edward Baldwin (Joel Kinnaman) ist immer noch für Helios tätig und auf dem Mars, seine Tochter Kelly lebt mit ihrem Sohn auf der Erde. Die wegen Hochverrats aus den USA geflohene Margo Madison lebt seit Jahren in der UdSSR, das Versprechen, dass sie konsultierend am Weltallprogramm mitwirken dürfe, wurde jedoch gebrochen.
Danielle Poole ist nicht länger für die Nasa tätig, wird aber wieder rekrutiert, da es nach einem verheerenden Unglück einen Führungswechsel auf dem Mars braucht. Auf dem Weg zum Mars befindet sich Miles, der früher auf einer Ölbohrplattform arbeitete.
Schwieriger Job für die Maskenbildner
Mit den Zeitsprüngen nach jeder Staffel wird es immer schwieriger, die alten Figuren weiter sinnvoll in die Handlung zu integrieren. Das funktioniert aber sehr gut. Was nur zum Teil gelang: das Alters-Make-up. Joel Kinnaman als Ed Baldwin und Wrenn Schmidt als Margo Madison sehen 20 Jahre älter aus, als sie sind.
Hier haben die Maskenbildner exzellente Arbeit geleistet. Für Krys Marshall als Danielle Poole gilt das aber nicht. Ein paar graue Haare, minimalste Fältchen – sie sieht im Grunde kaum älter als in der ersten Staffel aus.
Aber das ist nur ein kleiner, zu vernachlässigender Makel, denn nach wie vor gilt: Die Serie ist über alle Maßen faszinierend, weil sie zum Träumen einlädt. Vor allem darüber, wo wir stehen könnten, wenn das Weltraumprogramm nicht Mitte der 1970er Jahre praktisch zum Erliegen gekommen wäre.
Es ist spannend, die fiktive mit der echten Entwicklung zu vergleichen – mal lief es bei uns besser, mal bei For All Mankind. In den Weltraumsequenzen und wenn die Katastrophe zuschlägt, sind Bilder und Musik besonders stark – sie besitzen eine Grandezza vom Format eines Films wie Gravity.
Zugleich begeistern die Geschichten der Protagonisten, weil es die Serie immer schafft, das Privatleben der Figuren ebenso spannend zu gestalten wie das große Ganze.
Starker Auftakt
Die neue Staffel besteht abermals aus zehn Folgen. Schon mit der ersten lässt man ein wenig von dem zurück, was die Serie bisher ausgemacht hat. Denn der Kalte Krieg ist beendet – oder es mutet zumindest so an.
Zugleich merkt man schon, wie neue Spannungen aufkommen, und zwar weniger aus ideologischer Sicht. Vielmehr entsteht eine Art Goldrausch auf dem Mars, womit die Serie auch zeigt, dass Geschichte sich immer wiederholt – in der einen oder anderen Form.
Das wird sehr spannend präsentiert und bisweilen auch mysteriös. Das gilt vor allem für Margos erzählerischen Strang, denn sie hat alles verloren, lebt ein trauriges Leben in Russland und wird unverhofft von jemandem aufgesucht, der sie warnt und ihr eine Botschaft zusteckt.
Was es damit auf sich hat? Das lässt sich noch nicht absehen, aber auch dadurch fängt die neue Staffel gleich spannend an. Ziel der Filmemacher ist, unsere Gegenwart einzuholen – dafür plant man mit sechs oder sieben Staffeln. Die Halbzeit ist damit überschritten.
For All Mankind zeigt mit dieser Staffel einmal mehr, dass sie zu den ganz großen Science-Fiction-Serien unserer Zeit gehört. Sie zeigt uns, was die Realität wohl noch viele, viele Jahre missen lassen wird.