Videospiellokalisierung: Lost in Translation

Damit Videospiele in möglichst viele Länder verkauft werden können, müssen sie übersetzt beziehungsweise lokalisiert werden. Ein kniffliger Job, denn die Textdatei eines Games hat oft auf den ersten Blick keine logische Struktur - dafür aber Hunderte Seiten.

Artikel von Nadine Emmerich veröffentlicht am
Marcel Weyers in einem Café in Melbourne beim Arbeiten
Marcel Weyers in einem Café in Melbourne beim Arbeiten (Bild: Torsten Sohrmann)

Marcel Weyers geht bei der Arbeit oft so vor, als setze er Teilchen für Teilchen ein Puzzle zusammen: Was könnte ins Hauptmenü gehören, was zu den Optionen, was zum Start-Button? Kürzlich bekam er zum Beispiel eine einzige Datei mit 80.000 Wörtern geschickt, in einem Word-Dokument entspräche das etwa 180 Seiten - ohne Gliederung.

Inhalt:
  1. Videospiellokalisierung: Lost in Translation
  2. Rekord: 15.000 Wörter am Tag

"Ich wusste nicht, welcher Textschnipsel wohin gehört, was Dialoge und was Hinweise für Spieler sind - oder auch einfach nur Code-Fragmente", sagt er. Dass ein Auftrag erst etwas rätselhaft wirken kann, ist in seinem Job nicht ungewöhnlich: Der 28-Jährige übersetzt beziehungsweise lokalisiert Videospiele, vom Englischen ins Deutsche und umgekehrt.

Weyers arbeitet meist freiberuflich und im Alleingang, entsprechend sind die Titel, die er bearbeitet, kleiner als die bekannten Spiele für Konsolen wie die Playstation oder Xbox, an denen große Teams mit teils Dutzenden Übersetzern monatelang feilen. Bis jetzt hat er rund 150 Spiele mit bis zu 350.000 Wörtern lokalisiert, vor allem Adventure Games, Dating-Sims und Visual Novels. In seinem Portfolio finden sich Titel wie Demetrios, Gibbous - A Cthulhu Adventure oder Teile der Story-of-Seasons-Serie, ehemals bekannt als Harvest Moon.

Von Videospiellokalisierung spricht man, weil es um mehr geht als nur ums Übersetzen. "Ich muss darauf achten, die Sprache ans Land anzupassen, zum Beispiel bei Eigennamen oder Markenprodukten", erklärt Weyers. Also aus einem Hardee's einen Burger King und aus einem Kleenex ein Tempo machen. "Ziel ist, dass der Spieler nicht merkt, dass das Spiel übersetzt wurde, sondern denkt, es sei auf Deutsch geschrieben worden."

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Kompliziert wird es beim Humor, der von Sprache zu Sprache anders funktioniert. "Katzenwortspiele bereiten mir manchmal Kopfschmerzen", räumt Weyers ein. Müssen dann ganze Passagen umgeschrieben werden, heißt das im Fachjargon Transkreation. Oft sind Sätze im Englischen auch kürzer als im Deutschen, so dass der übersetzte Text plötzlich mit der Menü-Schaltfläche überlappt. Lassen sich partout nicht genug Zeichen einsparen, muss notfalls der Entwickler Platz schaffen.

Kurze Deadlines

Der 28-Jährige arbeitet meist unter Zeitdruck und mit kurzen Deadlines. Nur selten kann er ein Spiel vor der Lokalisierung selbst testen oder gar mehrmals durchspielen. Meist recherchiert er im Internet Videos, Trailer, Bilder - schlicht alles, was es schon gibt. Wühlt er sich dann durch eine riesige Textdatei, hat er möglicherweise irgendetwas schon mal irgendwo auf einem Screenshot gesehen und kann es schneller zuordnen. Hin und wieder schicken Entwickler auch Anmerkungen mit.

Die Lokalisierung eines Spiels steht allerdings in der Regel weiter hinten auf der Prioritätenliste der Studios. Weyers hat schon die Erfahrung gemacht: "Das Spiel ist raus, da kommt die Idee auf, es noch schnell in fünf Sprachen zu übersetzen." Während die Entwickler sich jahrelang in das Spiel reingefuchst hätten, werde der zeitliche Aufwand der Lokalisierung oft unterschätzt.

Dennoch sei es für seinen Job wichtig, selbst begeisterter Spieler zu sein, sagt der Experte. Man ist mit Spielmechaniken und -abläufen vertraut, kennt typische Begriffe aus Menüs und Optionen. Sehr gute Sprachkenntnisse und ein sicheres Sprachgefühl gehören natürlich zu den Grundlagen. Weyers übersetzt nach eigenen Worten "relativ frei" und nutzt kaum CAT-Tools genannte Übersetzungsprogramme - und wenn doch, dann MemoQ. Dessen Translation Memory erkennt zum Beispiel, ob etwas schon mal übersetzt wurde und übernommen werden kann.

Weyers kam mit dem Learning-by-doing-Prinzip sowohl über das Spielen als auch das Interesse an Literatur und Sprachen zu seinem Job. Schon zu Schulzeiten las er Bücher und spielte Games auf Englisch. Während des Germanistik- und Anglistikstudiums mit Schwerpunkt Literatur an der Justus-Liebig-Universität in Gießen übersetzte er bereits Videospiele für Freunde ins Deutsche. "Das nahm dann nebenbei an Fahrt auf", sagt er.

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quineloe 15. Nov 2019

Sein Einwand bleibt aber bescheuert, da gerade der Typ, um den der Artikel geht sich...

MickeyKay 15. Nov 2019

Klar, kann sein. Aber jemand der in der Filmbranche (und dann auch noch als Übersetzer...

trinkhorn 15. Nov 2019

Bei mir kommt es immer darauf an, wie ich den Inhalt konsumiere. Bücher? Wenn sie...

trinkhorn 15. Nov 2019

mit 150 Tagen im Jahr 50k¤ zu verdienen halte ich für realistisch, wenn man nicht auf 8...


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