Videospiele in Japan: Wie sich das Spieleparadies isoliert

Die klassische japanische Videospielindustrie isoliert sich, "sie schrumpft und fokussiert sich immer weiter auf mobile Spiele" . Das sagt Shuhei Yoshida im Interview auf der Tokyo Game Show . Der Chef der Sony Worldwide Studios ist damit derselben Meinung wie viele andere Branchengrößen.
Auch wir bemerken während unseres Aufenthaltes schnell: Japan ist ein Paradies für die Street-Pass-Funktion des Nintendo 3DS . Auch PSP und PS Vita sind in der Bahn, im Café oder vor dem Schnellrestaurant so alltäglich wie das Smartphone.
In den 90er Jahren haben japanische Videospiele Europa und Amerika geprägt. Heute ist der Einfluss weitaus geringer. Mit westlichen Spielen wie GTA 5 oder Call of Duty können Japaner aber nach wie vor wenig anfangen.

Wenn solche Spiele gekauft werden, "dann von Spielern, die Interesse an historischen Ereignissen wie dem Zweiten Weltkrieg haben" , erklärt uns der Chefentwickler der Playstation 4, Mark Cerny.
Hausgemachte Probleme
Einst erfolgreiche Marken wie Final Fantasy oder Mega-Man leben heute primär vom Merchandising und nicht von qualitativ hochwertigen neuen Serienteilen. Auf der diesjährigen Tokyo Game Show, Japans größter Spielemesse, ist das unübersehbar. Statt Final Fantasy für die Playstation 4 zeigt Square Enix ein HD-Remake des zehnten Teils für die PS Vita. Die gerade neu veröffentliche Variante des Onlinerollenspiels Final Fantasy 14 ist ruckelnd auf einem Microsoft-Surface-Tablet zu sehen.

Die Hoffnung auf ein neues Mega-Man von Capcom haben Spieler bereits aufgegeben und kaufen stattdessen den dritten Aufguss eines Jubiläumssoundtracks in einem der zahlreichen Gadgetshops in Halle 8.
Trends der Messe
Thomas Nickel(öffnet im neuen Fenster) , Dozent an der Games Academy(öffnet im neuen Fenster) und Experte für japanische Spiele, hat über die diesjährige Messe ein vernichtendes Urteil: "Das Gezeigte war bis auf wenige Ausnahmen weder sonderlich kreativ noch originell. Wenn es etwas Spannendes gab, zum Beispiel Segas neues Yakuza, dann ist davon auszugehen, dass es dank der neuen Lokalisierungen-Eiszeit nicht in den Westen kommt."
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Das neue Yakuza gehörte auf der Messe neben dem anspielbaren Deep Down für Playstation 4 zu den interessantesten Titeln aus westlicher Sicht. Geprägt wurde die Messelandschaft aber von etlichen Monster-Hunter-Inkarnationen in Form von Kartenspielen, Figuren, Smartphone-Apps und einer neuen Fassung für die PS Vita. Ebenfalls viel gesehen: Flirtsimulatoren, Musikspiele und Beat'em Ups.
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"Besonders bitter ist dieses ganze Bild, wenn man vorher ein wenig die Klassikershops in Shinjuku und Akihabara durchstöbert und dort auf engstem Raum Japans ruhmreiche Spielevergangenheit bestaunen kann" , sagt Thomas Nickel.
Immerhin einen Trend haben der Westen und Japan offensichtlich gemeinsam für sich entdeckt: Indie-Spiele. Ihnen war ein kleiner, eigener Bereich der Messe gewidmet. Bereits auf der Gamescom und der E3 war 2013 ein deutlich größerer Fokus auf Indie-Titel zu beobachten.
Konsequenzen für japanische Studios
Versuche japanischer Studios, westliche Bestseller nachzuahmen, sind bisher nicht erfolgreich. Lost Planet von Capcom schaffte es in keinem der drei Serienteile, mit dem offensichtlichen Vorbild Gears of War mitzuhalten. Capcom blieb allerdings dem Stil und der Dramaturgie japanischer Tugenden treu und ähnelte nur spielerisch dem Vorbild von Epic Games.
Konami gleicht seine Metal-Gear-Solid-Reihe mit Teil 5 an die Bedürfnisse westlicher Spieler an. Wer die Trailer zu Metal Gear Solid 2 und Metal Gear Solid 5 miteinander vergleicht, erkennt, welchen Einfluss Spiele wie Splinter Cell gehabt haben. In puncto Steuerung hat Konami das japanische Schleichspiel mit mehr Bewegungsfreiheit, schnelleren Animationen und der neuen Kameraführung an die Wünsche von Amerikanern und Europäern angepasst.
Japanisches Dreamteam entwickelt westliches Knack
Sony geht es mit dem PS4-Starttitel Knack anders an. "Aus westlicher Sicht sieht Knack nicht besonders japanisch aus" , sagt Mark Cerny, Chefentwickler der PS4 und Knack im Interview mit Golem.de.
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Das familienfreundliche Actionspiel wird aber von einer Art Dreamteam japanischer Entwickler produziert. Für die Programmierung ist Tsuyoshi Murakami (Shenmue, Ys, Eye of Judgment) verantwortlich. Lead Background Artist ist Koji Hasegawa (Shadow of the Colossus). Weitere Entwickler von Knack arbeiteten zuvor an Titeln wie Tekken, Wild Arms oder Gravity Rush.
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Ob sich Sonys Ansatz auszahlt, werden erst die Verkaufszahlen im Westen zeigen. Japanische Spieler bekommen Knack am 22. Februar 2014 zum Konsolenstart geschenkt.
Japaner warten auf ihre Playstation 4
Sony legt die Prioritäten inzwischen voll auf die USA und Europa. Vorbei sind die Zeiten, in denen Europäer ein Jahr lang auf die neue Playstation warten mussten. Jetzt warten die Japaner. Um bis Ende März fünf Millionen Playstation-4-Konsolen zu verkaufen, erscheint die PS4 Im November 2013 in Europa und den USA. Erst vier Monate später kommt die Konsole am 22. Februar 2014 nach Japan.
Von uns gefragt, zeigen sich viele Spieler auf dem Makuhari-Messegelände in Chiba genervt von Sonys Strategie, die PS4 zuletzt in Japan zu veröffentlichen. "Das ist peinlich" , sagt ein Messebesucher verärgert. "Sony ist eine japanische Firma, ich finde das beschämend" , sagt ein anderer.
"Seit über einem Jahr arbeiten Dritthersteller wie Ubisoft bereits an Multiplattformtiteln" , erklärt Shuhei Yoshida Sonys Schritt. Deswegen sei ein Start im Westen bereits jetzt möglich. Typisch japanische Spiele seien noch nicht fertig. Ohne sie wolle man die Konsole nicht in Japan veröffentlichen.
Es ist anzunehmen, dass Spieler in Japan trotzdem die vierte Playstation kaufen und nicht die Xbox One. Apropos Xbox One: Eine von uns angesprochene Dame war tatsächlich an Microsofts kommender Konsole sowie GTA 5 interessiert. Später stellte sich jedoch heraus, dass sie die meiste Zeit in England lebt.



