Videobearbeitung: Davinci Resolve ist erwachsen

Als Davinci Resolve 2004 für Zehntausende US-Dollar mit spezieller Hardware auf den Markt kam, hätte sich wohl niemand vorstellen können, dass es 18 Jahre später - bei Version 18 - einen kostenlosen Download gibt. Inzwischen hat sich das Schnittprogramm zu einer ernsthaften Alternative zu klassischen Konkurrenten wie Adobes Premiere Pro entwickelt.
Bei der Farbkorrektur war Resolve schon früh für viele Filmschaffende die erste Wahl. Mit der Zeit wurden aber auch die Schnittfunktionen und die Tonbearbeitung per integriertem Editor Fairlight stark verbessert.
Es gibt zwei schlagende Argumente, Davinci Resolve auf jeden Fall auszuprobieren: Es ist kostenlos und es ist für Windows, Mac und Linux erhältlich(öffnet im neuen Fenster) . Das ist im Profibereich ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt auch eine Version namens Studio, die einen größeren Funktionsumfang besitzt, sowie die App für das iPad, aber darauf gehen wir später noch ein.
Nach dem Programmstart begrüßt uns die aufgeräumte Oberfläche des Videoeditors, der uns dazu auffordert, Mediendateien zu importieren. So werden wir gleich auf das grundlegende Bedienungsparadigma von Resolve hingewiesen: Am unteren Bildschirmrand befinden sich Schaltflächen für den Wechsel zwischen den Arbeitsbereichen. Von links nach rechts bewegt man sich vom Medienimport über den Schnitt, die Effekte, die Farbkorrektur und die Tonbearbeitung Schritt für Schritt bis hin zum Export. Ein Wechsel zwischen diesen Oberflächen erfolgt sehr zügig.

Haben wir also unsere Dateien importiert, können wir im Bereich Cut anfangen zu schneiden. Hier lassen sich schnell und unkompliziert Clips aneinanderreihen. Die Timeline ist zweimal vorhanden: oben in einer geschrumpften Übersicht für eine leichtere Navigation, unten detaillierter. Das Scrolling in der unteren Timeline erfolgt auf dem PC per Mausrad und gedrückter Steuerungstaste. Wer es (wie wir) eher klassisch mag, kann aber nach dem Medienimport auch in den Bereich Edit wechseln, wo die Timeline den gewohnten Anblick bietet. Auch hier gibt es eine vertikale Navigation mit Steuerung und Mausrad, skaliert wird mit gedrückter Alt-Taste.
Wir fanden uns hier - von Premiere Pro kommend - abseits der Suche nach ein paar Tastenkürzeln auf Anhieb zurecht.
Die Arbeitsbereiche im Einzelnen
Am oberen Bildschirmrand lässt sich der Arbeitsbereich noch erweitern: Links können neben der Medienauswahl noch die Liste der Effekte und Überblendungen sowie eine Schnittliste eingeblendet werden. Außerdem gibt es die Möglichkeit, auf eine Soundbibliothek zuzugreifen. Generatoren für Farbbalken, Flächen und Text finden sich hier ebenfalls.
Rechts ist neben dem einblendbaren Audiomixer auch der Inspektor zu erwähnen, der Zugriff auf die notwendigsten Clip-Eigenschaften wie Position, Skalierung, Zuschnitt, Timing und Stabilisierung gibt. Das Setzen von Keyframes ist wie bei anderen Programmen mit kleinen Raute-Symbolen gelöst. Sie lassen sich in der Timeline weiter anpassen. Positiv hervorzuheben ist der Dynamic-Zoom-Knopf, der die Standard-Zoom-Bewegung(öffnet im neuen Fenster) herein oder heraus auf jeden gewünschten Clip anwendet, ohne dass man selbst noch Keyframes setzen muss.
Für eine erweiterte Effektbearbeitung wechselt man in den Bereich Fusion, der mit seinen mächtigen Node-basierten Werkzeugen zunächst einschüchternd erscheinen mag - aber auch hier ist man schnell zu Hause. Hat man das Prinzip einmal verstanden, macht das kreative Compositing auf jeden Fall mehr Spaß als im lahmen After Effects. Das liegt auch daran, dass die meisten Funktionen und auch das Umschalten zwischen den Arbeitsschritten viel flüssiger ablaufen als von den Adobe-Programmen gewohnt. Das ermuntert dazu, immer mal wieder den Bereich zu wechseln, um schnell Anpassungen vorzunehmen.
Auch in der Farbkorrektur sind Nodes vorhanden, aber letztlich repräsentieren sie hier lediglich die Anpassungsschritte. Mit dem Qualifier-Werkzeug lassen sich mit einem Klick Farbbereiche auswählen, die dann angepasst werden können. Das geht so einfach, dass auch Ungeübte schnell zu Ergebnissen kommen, wenn es beispielsweise darum geht, die Hauttöne zu verbessern.
Eine Hürde gibt es jedoch: Sowohl im Edit-Modus als auch in der Farbkorrektur müssen mitunter sogenannte Overlays im Vorschaubildschirm aktiviert werden. Das kann zunächst verwirrend sein, denn man bekommt ohne diese Vorschaumodi nicht zu Gesicht, was man geändert hat. Auch wenn die Oberfläche von Resolve zunächst einladend simpel wirkt, lohnt sich ein Tutorial allein für die Ansichtsmodi.










Ein solches sei auch für den Bereich Tonbearbeitung angeraten. Zwar sind auch hier schnell die einfachsten Funktionen gefunden, aber da es sich im Grunde genommen um ein eigenes Programm wie Adobes Audition handelt, steckt einiges unter der Haube. So können mehrere Spuren als Bus zusammengefasst werden, was dann eine kombinierte Dynamikbearbeitung ermöglicht. Wir vermissen derzeit lediglich eine automatisierte Hallentfernung.
Am Ende landen wir im Bereich Deliver, wo die üblichen Exportoptionen versammelt sind. Auch hier finden sich praktische Funktionen, die uns in anderen Schnittprogrammen fehlen: So kann die Timeline beispielsweise als einzelne Clips exportiert werden. Leider ist das Programm während des Exports nicht weiter benutzbar, wie es beispielsweise durch den Media Encoder bei Adobe möglich ist.
Unterschiede zu Premiere Pro
Davinci Resolve hat noch weitere Tricks parat: projektübergreifende Powerbins für oft verwendete Medien, eine Schnitterkennung und automatische Trennung beim Materialimport, KI-gestützte Maskierungsfunktionen und natürlich eine native Unterstützung für die Hardware(öffnet im neuen Fenster) des Herstellers Blackmagic.
Außerdem gibt es einen Detektor(öffnet im neuen Fenster) für langweilige Passagen - wir sind uns allerdings nicht sicher, ob der vollkommen ernst gemeint ist. Auch kollaboratives Arbeiten ist in Resolve möglich, dabei werden unter anderem Dienste wie Dropbox unterstützt, es existieren aber auch eigene Serverlösungen(öffnet im neuen Fenster) von Blackmagic Design.
Bei so viel Licht gibt es natürlich auch Schatten: Uns stürzte Resolve während der Arbeit zweimal komplett ab, was zum Glück keinerlei Datenverlust zur Folge hatte. Aber da die automatische Speicherung nicht als Standard aktiviert ist, gab es einen Schreckmoment. Außerdem finden wir die Archivierung von Projekten als großen "Dateihaufen" mit lediglich den im Projekt verwendeten Dateien eher gewöhnungsbedürftig. Was, wenn wir später mal eine nicht verwendete Datei brauchen? Die ist dann nicht im Archiv enthalten.
Werkzeugpaneele und Fenster können nicht granular angepasst oder auf einen zweiten Bildschirm abgedockt werden, Titel und Generatoren tauchen nicht automatisch in der Liste unserer verwendeten Medien auf, und ab und zu erschien die Aufforderung, für einen bestimmten Effekt die Studio-Version zu erwerben.
Studio oder nicht?
Sie kostet 375 Euro und bietet(öffnet im neuen Fenster) neben den erwähnten Effekten auch Optionen für 10-Bit-Material, höhere Ausgabe-Auflösungen als 4K, Objektivkorrekturen, erweiterte KI-Funktionen und mehr Audio-Features. Für die meisten Schnittprojekte dürfte allerdings die kostenlose Version ausreichen. Alternativ kann man sich natürlich auch am mobilen Schnitt unterwegs versuchen, denn Resolve hat mit Version 18 einen kostenlosen iPad-Ableger bekommen. Der ist für Apples M1 und M2 optimiert, sollte mit Einschränkungen aber auch auf älteren Geräten laufen.
Beschnitten ist iPad-Resolve aber ohnehin: Es gibt nur zwei Arbeitsbereiche, die zu einem späteren Zeitpunkt durch die volle Desktop-Funktionalität ergänzt werden sollen. Sie umfassen derzeit den Schnitt und die Farbkorrektur. Das Wichtigste ist aber, dass sich Projekte von der Desktop-Version ohne Probleme öffnen, bearbeiten und zurückübertragen lassen. Das Schneiden mit dem Touchscreen mag nicht allen passen - aber alternativ können ja Tastatur und Maus angeschlossen werden und auch der Stylus wird unterstützt.










Bearbeiten und rendern geht auf unserem älteren iPad Air (A14) flott und im Allgemeinen finden wir die App eine gelungene Ergänzung für den Schnitt unterwegs. Wie auch für die Desktop-Version gibt es eine Studio-Variante, die für 115 Euro per In-App-Kauf erworben werden kann. Sie scheint im Moment jedoch lediglich mehr Effektfilter zu bieten, was sich aber ändern kann, schließlich ist die App erst seit kurzer Zeit erhältlich.
Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Thema Stabilität: Premiere Pro hat den Ruf, häufig abzustürzen, wir hatten in den vergangenen Jahren aber kaum mit solchen Problemen zu kämpfen. Was hingegen regelmäßig passierte, war der Crash des Nvidia-Grafiktreibers. Das resultierte darin, dass sich Videos nicht mehr abspielen ließen, und konnte nur durch einen Neustart des Systems behoben werden, einen Datenverlust erlitten wir nie. Resolve hingegen scheint eher im Komplettpaket abzustürzen, ein Muster konnten wir in der kurzen Zeit, die wir produktiv damit arbeiten, nicht erkennen - aber auch hier war kein Datenverlust zu verzeichnen.
Verfügbarkeit und Fazit
Davinci Resolve für Desktop ist kostenlos für Windows, MacOS und Linux beim Hersteller verfügbar(öffnet im neuen Fenster) , die Studio-Version kann dort für 345 Euro gekauft werden - sie liegt mitunter aber auch der Hardware(öffnet im neuen Fenster) von Blackmagic bei. Die Version(öffnet im neuen Fenster) für iPad ist ebenfalls kostenfrei, per In-App-Kauf lässt sie sich für 115 Euro auf Studio umstellen.
Fazit
Wer sich schon immer gefragt hat, wie die Welt wohl abseits der gewohnten Schnittsoftware von Adobe, Apple oder Avid aussieht, hat definitiv Grund, Davinci Resolve eine Chance zu geben. Nicht nur ist das Programm zunächst kostenlos - es bietet in dieser Version auch so ziemlich alle Funktionen, die wir für den Alltag benötigen.
Die Arbeitsumgebungen sind sinnvoll aufgebaut und lassen sich fast ohne Verzögerung mit einem Mausklick wechseln. Dabei ist jede davon im Grunde genommen ein eigenes Programm, das man sich zu installieren, zu öffnen und zu warten spart. Sicherlich gibt es Funktionen, die man beim beispielsweise beim Umstieg von Premiere Pro vermissen wird: Uns fällt da die automatische Transkription für Untertitel ein. Wer After Effects durch den Fusion-Arbeitsbereich ersetzen möchte, wird schnell auf das Problem stoßen, dass es auf Stock-Plattformen kaum Vorlagen für Kompositionen gibt.
Dafür lässt Resolve nach einer kurzen Einarbeitungszeit umso mehr Raum für die eigene Kreativität, weil es nicht aus lauter nachträglich hinzugefügten, schwer auffindbaren und leistungshungrigen Features besteht. Dass die ebenfalls kostenlose iPad-App noch nicht alle Desktop-Funktionen hat, finden wir verschmerzbar. Schließlich ist am wichtigsten, dass der Transfer und die Bearbeitung von Projekten über die Plattformen hinweg möglich sind.
Weil Blackmagic nicht nur Resolve anbietet, ist die Integration mit Hardware des Herstellers entsprechend nahtlos. So bekommt man dedizierte Paneele(öffnet im neuen Fenster) , Konsolen(öffnet im neuen Fenster) und sogar Tastaturen(öffnet im neuen Fenster) , die mit der Software harmonieren. Diesen liegt meist auch eine Studio-Version von Resolve bei.
Wir jedenfalls sind auf das erwachsen gewordene Davinci Resolve umgestiegen und öffnen Adobes Premiere Pro vorerst nur noch zum Transkribieren. Außerdem freuen wir uns darauf, die Linux-Version auszuprobieren - eine Aussage, die man wohl selten in Zusammenhang mit professioneller Schnittsoftware liest.



