Wo es noch Probleme gibt
Trotz Automatisierung klappt es aber ohne Programmierkenntnisse noch nicht. Die KI hat Mühe, Fehler zuverlässig zu beheben, und dreht sich oft im Kreis: Ein Fix behebt Bug A, erzeugt aber Bug B, der nächste bringt Bug A zurück. In solchen Momenten muss ein menschlicher Entwickler eingreifen.
Auch bei der Feinjustierung stieß die KI an Grenzen: Die mobile Optimierung geriet so umständlich, dass ich die paar nötigen CSS-Zeilen schließlich selbst schrieb.
Der generierte Code ist nicht gerade Clean Code: Viel Logik wurde dupliziert, die Architektur ist unsauber, Wartung wird erschwert. Kein Wunder, dass Linux-Erfinder Linus Torvalds warnt, solchen KI-Code produktiv einzusetzen(öffnet im neuen Fenster) . Trotz dieser Probleme hat Vibe Coding klare Stärken, besonders beim schnellen Prototyping.
Turbo für Bootstrapping
Bei all den Problemen darf man nicht übersehen, wo Vibe Coding heute schon überzeugt. Für Prototyping und MVP-Entwicklung ist der Ansatz ein echter Turbo. In ein bis zwei Stunden lässt sich eine funktionsfähige Anwendung mit Login, Datenbank und externen APIs hochziehen, was klassisch mehrere Tage dauert.
So können Solopreneurinnen und -preneure oder kleine Teams auch ohne große Entwicklerkapazität funktionsfähige Prototypen bauen . Warum wochenlang in Figma an Designs feilen, wenn man Testnutzern schon morgen einen klickbaren Prototyp präsentieren kann?
Auch bestehende Projekte profitieren unter Umständen von diesem Tempo. Wer seiner Anwendung spontan einen Blog oder ein kleines Zusatzfeature spendieren will, kann die KI dafür in kurzer Zeit ein Modul ergänzen lassen, anstatt es auf die lange Bank zu schieben.
Kurzum: Vibe Coding ersetzt noch kein eingespieltes Dev-Team, aber es kann Innovationszyklen enorm beschleunigen.
Wiederum würde ich Vibe Coding derzeit nicht auf eine Legacy-Anwendung ohne offene API loslassen, dafür ist die Methode bisher nicht reif genug. Nach meiner Erfahrung braucht es weiterhin Programmier-Know-how, um Fehler auszubügeln.
Bei neuen Projekten auf der grünen Wiese kann Vibe Coding jedoch seine Stärken ausspielen.
Fazit
Ist Vibe Coding die Revolution? Ich glaube, noch nicht. Wenn sich das Ganze jedoch so weiterentwickelt, sind selbst Personen, die noch nie " Hello World " geschrieben haben, irgendwann in der Lage, ihre eigene SaaS online zu stellen, wir vibecoden uns dorthin. Ich denke auch, dass es nicht mehr lange dauert, bis das erste mit 100 Millionen US-Dollar bewertete Start-up angibt, komplett via Vibe Coding entstanden zu sein.
Heutige Reibungspunkte könnten bald verschwinden. Man stelle sich eine Agenten-KI vor, die eigenständig Cloud-Accounts konfiguriert, API-Schlüssel verwaltet und Deployments durchführt. Dann würden viele Hürden wegfallen.
Vibe Coding ersetzt zwar noch keine professionelle Softwareentwicklung, doch meine anfängliche Skepsis ist einem vorsichtigen Optimismus gewichen. Ich sehe Vibe Coding nach dem Selbstversuch nicht mehr als Spielerei, sondern als nützliches Werkzeug: eines, das sich rasant weiterentwickelt und unsere Art zu programmieren beeinflussen könnte.
Oliver Jessner(öffnet im neuen Fenster) bringt 15 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung und Unternehmertum mit und schreibt über Wirtschaft, New Work, Start-ups und KI.
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