Vernetztes Fahren: Wie mit Fantasiezahlen Politik gemacht wird
Zahlen sind etwas Feines. Man kann in der Politik viel behaupten, aber wenn man es mit konkreten Zahlen belegen kann, wirkt eine Aussage um ein Vielfaches glaubwürdiger. Mindestens 6,4-mal so glaubwürdig – grob geschätzt. Was wirklich hinter bestimmten Zahlen steckt, wird häufig nicht infrage gestellt und lässt sich bisweilen gar nicht mehr überprüfen. Falls doch, kann man dabei Erstaunliches entdecken. Wir haben uns beim Thema autonomes Fahren auf die Suche gemacht.
So haben wir etwa einen Satz gefunden, der sich in einem Antrag der Bundestagsfraktionen von Union und SPD zum Thema Intelligente Mobilität(öffnet im neuen Fenster) findet. "Für das automatisierte Fahren bedarf es eines flächendeckend schnellen Internets in Deutschland. Denn das Datenvolumen, das ein Fahrzeug pro gefahrene Stunde sendet und empfängt, wird sich von heute rd. 27 MByte auf rund 215 MByte im Jahr 2020 vervielfachen." Wer so genaue Angaben machen kann, wird die Zahlen schon belegen und nachweisen könnten. Sollte man denken.
Autohersteller wundern sich
Die Aussage der beiden Sätze scheint ebenfalls klar: Weil automatisierte Autos viele Daten mit allen möglichen Verkehrsdiensten austauschen, entstehen in Zukunft ein hohes Datenvolumen und die Notwendigkeit für ein schnelles Internet. Die Hersteller von hochautomatisierten Autos sollten daher ungefähr wissen, wie viele Daten ihre Autos mit ihrem Backend, Kartendiensten oder untereinander austauschen und ob die genannten Zahlen zutreffen.
Unsere Anfrage bei BMW, Daimler und Audi löste bei den Herstellern aber eher Verwunderung und Verwirrung aus. "Die Höhe der Daten können wir weder bestätigen noch dementieren, da sie (natürlich) abhängig von der Menge der Daten sein wird, die dann 2020 im Umlauf sein werden. Und das genau zu prognostizieren, fällt aufgrund der vielen damit zusammenhängenden Komponenten schwer" , antwortet beispielsweise Daimler.
Ähnlich reagiert BMW. "Die genannten Werte können wir für unsere Fahrzeuge derzeit nicht bestätigen. Ein durchschnittliches Fahrzeug überträgt typischerweise circa zwischen 20 und 30 MByte pro Monat" , teilte die Pressestelle mit und ergänzte: "Wir gehen davon aus, dass sich das Datenvolumen mit zunehmender Automatisierung und Digitalisierung deutlich erhöhen wird. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine genauen Aussagen zu dem Datenvolumen machen können, welche unsere Fahrzeuge mittelfristig in Zukunft senden und empfangen werden." Bei Audi will man überhaupt keine Stellungnahme zu den Zahlen abgeben.
Radio und Fernsehen zählen mit
Wenn schon die Hersteller keine Angaben machen können, sollten zumindest die Fraktionen von Union und SPD wissen, woher die Werte kommen. "Die Zahlen stammen vom Nationalen IT-Gipfel der Bundesregierung 2014, im Strategiepapier der Arbeitsgruppe 8" , heißt es auf Anfrage von Golem.de. In der Tat findet sich ein entsprechendes Papier im Netz(öffnet im neuen Fenster) . Darin heißt es auf Seite 7: "Das durch Fahrzeuge generierte mobile Datenvolumen wird mit intelligenter Mobilität stark zunehmen. Schon heute senden und empfangen Automobile umgerechnet rd. 27 MByte an Daten pro gefahrene Stunde über Mobilfunk, analoges und digitales Radio sowie – mit noch geringer Verbreitung – terrestrisches Fernsehen."
Werden hier tatsächlich Mobilfunk, Radio und Fernsehen in einen Topf geworfen? Und was hat das mit vernetzten Autos zu tun? Zumal die quantitativen Anteile der einzelnen Übertragungsmedien überhaupt nicht genannt werden. Im Bundestagspapier ist von diesen unterschiedlichen Medien nicht mehr die Rede. Sicher nicht ganz zufällig. Was ebenfalls verwundert: In dem Strategiepapier findet sich keine Zahl über das Datenvolumen im Jahr 2020. Aber auch hier können die Fraktionen weiterhelfen. Diese Zahl von rund 215 MByte pro Stunde stamme aus einer früheren Version. In der endgültigen Fassung sei sie dann gestrichen worden. Dem Entwurf zufolge, der Golem.de vorliegt, erhöht sich das Volumen "durch zusätzliche vernetzte Dienste aus dem Bereich der intelligenten Mobilität" . Was immer damit gemeint ist.
Anteil der Autofunktionen nur minimal
Aber wer hat das Papier letztendlich formuliert? In einer Fußnote heißt es: "Quelle: IT-Gipfel 2014, Arbeitsgruppe 8, A.T. Kearney" . Offenbar hat das international tätige Beratungsunternehmen A.T. Kearney(öffnet im neuen Fenster) das Papier im Auftrag der Bundesregierung erstellt und die Zahlen berechnet. Eine Nachfrage in dessen Düsseldorfer Niederlassung sollte daher weiterführen.
Über mehrere Umwege findet sich dann wirklich der Mitarbeiter, der die Zahlen berechnet hat. Nach seinen Angaben schlüsselt sich das Datenvolumen von 27 MByte im Jahr 2015 wie folgt auf: Fahrassistenz und Telemetrieschnittstelle rund 0,03 MByte, Navigation rund 0,2 MByte, Kommunikation und Arbeiten rund 0,03 MByte, Radio rund 22,5 MByte (Äquivalent), Video rund 4,0 MByte (Äquivalent). Mit anderen Worten: Das Datenvolumen der reinen Autofunktionen kommt mit 0,23 MByte gerade einmal auf 0,85 Prozent des Gesamtvolumens. Der Radioempfang im Auto, der mit Internet reichlich wenig zu tun hat, macht hingegen mit 83 Prozent den Löwenanteil aus.
Pferd wird von hinten aufgezäumt
Ändert sich an dieser Verteilung wenigstens etwas bis 2020? Schließlich teilte die Unionsfraktion auf Anfrage von Golem.de mit: "Ein Treiber für diesen Anstieg [auf 215 MByte] sind vernetzte Assistenz- und Monitoring-Systeme, die Echtzeit-Verkehrsinformationen und dynamische Verkehrskarten empfangen sowie Telemetriedaten zur Ferndiagnose, prädiktiven Fahrzeug-Instandhaltung und nutzungsbasierten Kfz-Versicherung vom Fahrzeug aus senden." Doch nach Angaben von A.T. Kearney verteilt sich das Datenvolumen im Jahr 2020 wie folgt: Fahrassistenz und Telemetrieschnittstelle rund 0,3 MByte, Navigation rund 1,2 MByte, Kommunikation und Arbeiten rund 2,3 MByte, Radio rund 34,5 MByte, Video rund 176,5 MByte.
Das Datenvolumen der Autofunktionen steigt also in fünf Jahren von 0,23 MByte auf 1,4 MByte pro Stunde. Ein wirklich starker Treiber. Der Anteil am Gesamtvolumen sinkt sogar auf 0,65 Prozent. Das deckt sich mit Recherchen von Golem.de, wonach selbst die hochpräzisen Karten sehr datensparsam aktualisiert werden sollen . Das Car-to-X-Angebot für Daimlers neue E-Klasse soll nur wenige MByte an Daten im Jahr übermitteln .
Die Behauptungen der Fraktionen sind durch die Zahlen aus dem Strategiepapier daher überhaupt nicht gedeckt. Im Gegenteil: Hier wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Erst wenn ein flächendeckend schnelles Internet per LTE oder 5G zur Verfügung steht, wird es überhaupt möglich sein, beim Autofahren Videostreams zu schauen. Mit dem Autofahren selbst und mit intelligenter Mobilität hat das aber rein gar nichts zu tun. Auch Daimler und BWM gehen davon aus, dass der Traffic nur durch Entertainment-Dienste deutlich steigen wird.
Unklare Nutzung von mobilen Diensten
Ob die Autofahrer diese Möglichkeit dann aber nutzen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Berater von A.T. Kearney beriefen sich für ihr Papier unter anderem auf Prognosen des Netzwerkanbieters Cisco(öffnet im neuen Fenster) , wonach der weltweite mobile Daten-Traffic im Jahr 2020 achtmal so groß sein wird wie noch 2015. Dabei soll der Videoanteil bei 75 Prozent liegen. Daraus wurde dann irgendwie die Zahl von 176,5 MByte abgeleitet, die jedes Auto pro Stunde an Videodaten abrufen soll.
Allerdings geht die Cisco-Studie selbst davon aus, dass 55 Prozent des Datenvolumens zu Hause über WLAN abgerufen werden. Zudem rechnet die Studie damit, dass sich der Videotraffic vor allem auf die Abendstunden beschränkt, während tagsüber normale Webdienste genutzt würden. Während der meisten Autofahrten werden wohl auch im Jahr 2020 tagsüber keine Videos geschaut. Selbst wenn es technisch möglich und rechtlich erlaubt wäre.
Videonutzung nur eingeschränkt sinnvoll
Letzteres dürfte im Jahr 2020 aber nur bei wenigen Fahrzeugen der Fall sein. Die ersten hochautomatisierten Fahrzeuge mit Autobahnpiloten kommen wohl erst 2018 auf den deutschen Markt. Bis zum Jahr 2020 haben daher nur wenige Autofahrer überhaupt die Möglichkeit, sich während der Fahrt Videos anzuschauen. Die Zahlen aus der Studie und dem Bundestagsantrag erwecken aber den Eindruck, als sei das in wenigen Jahren bei allen Autos schon Standard. Allein aus Sicherheitsgründen sollten die Autofahrer in vernetzten, aber nicht autonomen Autos keine Videos schauen dürfen. Sinnvoll wäre lediglich, dass Mitfahrer sich über den WLAN-Hotspot des Autos einwählen, um Streamingdienste zu nutzen.
Hierbei können aber gerade bei Videos hohe Datenkosten anfallen, so dass am Ende doch eher die mitgebrachte DVD geschaut wird. A.T. Kearney geht zwar davon aus, dass die Preise für Datenvolumen bis 2020 eher fallen werden. Warum beim Autofahren aber Geld für Videos ausgegeben werden soll, wenn Radio kostenlos und Webdienste viel günstiger genutzt werden können, ist wenig plausibel. Die Verkehrsforscherin Barbara Lenz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin hat laut Spiegel herausgefunden, dass die meisten Menschen die Zeit am liebsten dazu nutzen würden, die vorbeiziehende Landschaft zu genießen.
Autoindustrie wird für dumm verkauft
Die von A.T. Kearney genannte Zahl von 215 MByte beruht daher auf so vielen spekulativen Annahmen, dass sie für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema nicht geeignet ist. Daher war es wohl eine gute Idee, sie nicht in die endgültige Fassung des Strategiepapiers von 2014 aufzunehmen. Das hat die Bundestagsfraktionen aber nicht davon abgehalten, sie für ihren Antrag zu verwenden, der am 25. Februar 2016 vom Bundestag beschlossen wurde(öffnet im neuen Fenster) .
Unklar bleibt jedoch, warum die Politik mit Hilfe dieser Fantasiezahlen den Ausbau des Mobilfunknetzes für Standards wie LTE Advanced oder 5G legitimieren möchte. Zwar gibt es in der Tat mögliche Anwendungen für Car-to-Car-Kommunikation, die auch per Mobilfunk realisiert werden könnten . Der Datenaustausch erfolgt dabei jedoch innerhalb einer LTE-Mobilfunkzelle und nicht über das Internet. Zudem ergibt sich die Notwendigkeit solch geringer Latenzzeiten lediglich auf Autobahnen und das ließe sich auch per WLAN-Technik umsetzen. Ein flächendeckender Ausbau eines schnellen Internets lässt sich damit nicht begründen. Hier wird Internet pauschal mit mobiler Kommunikation gleichgesetzt.
Fraktionen fordern weiter Spezialdienste
Das gilt auch für die Einführung von sogenannten Spezialdiensten. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) hat in einer umfangreichen Studie erläutert, warum für hochautomatisiertes Fahren die Netzneutralität nicht eingeschränkt werden müsste. Eine Car-to-X-Kommunikation, um vor einem unerwarteten Stauende zu warnen, lasse sich problemlos ohne "industriepolitische oder regulatorische Aktivitäten" zur Netzneutralität realisieren. Darauf antwortete die Unionsfraktion: "Die Studie schließt damit nicht aus, dass es weitere Anwendungsfälle gibt, für die ergänzende regulatorische oder industriepolitische Maßnahmen erforderlich sind." Das stimmt. Allerdings scheinen derzeit weder das Fraunhofer-Institut noch die Fraktionen solche Anwendungen zu kennen.
Glaubt die Politik vielleicht, dass sich automatisierte Fahrzeuge nur verkaufen werden, wenn die Autofahrer dann auf der Autobahn Videostreams anschauen können? Das wäre derzeit die einzige Möglichkeit, um einen Zusammenhang zwischen autonomen Autos und der Notwendigkeit zu konstruieren, ein erhöhtes Datenvolumen flächendeckend zur Verfügung stellen zu müssen. Oder ist es am Ende so, dass die Zahlen des Strategiepapiers tatsächlich einfach als Fakt genommen und von der Politik nie infrage gestellt wurden? Die Vehemenz, mit der hochrangige Politiker wie EU-Digitalkommissar Günther Oettinger und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das Märchen vom internetgesteuerten Auto verbreiten , lassen eine interessengesteuerte Kampagne vermuten. Die Art und Weise, wie die Automobilindustrie dabei vor den Karren der Mobilfunkkonzerne gespannt wird, ist eine besonders intelligente Form der Mobilität.
Besser fantasievolle Politik als Fantasiezahlen
"Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast" , ist ein Bonmot, das häufig Winston Churchill zugeschrieben wird. Dabei stammt es offenbar gar nicht von dem britischen Premier selbst, sondern wurde ihm von den Nazis in den Mund gelegt, um damit britische Kriegsstatistiken pauschal zu diskreditieren(öffnet im neuen Fenster) . Denn zuverlässige Zahlen sind in der politischen Debatte unverzichtbar. An den beiden anfangs zitierten Sätzen mit ihren dubiosen Zahlen lässt sich aber leider das ganze Elend der deutschen Netzpolitik ablesen. Anstatt eine fantasievolle Politik zu machen, wird mit Fantasiezahlen und technischer Ahnungslosigkeit lieber das Geschäft der großen Telekommunikationskonzerne betrieben.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)
- Anzeige Hier geht es zur Nokia Streaming Box 8000 bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.