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Testprojekt bei Frankfurt: Der ÖPNV fährt in die autonome Zukunft

Im Rhein-Main-Gebiet sind künftig selbstfahrende Autos mit Regelgeschwindigkeit unterwegs. Eine Person soll fünf Fahrzeuge aus der Ferne überwachen.
/ Friedhelm Greis
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Solche Elektroautos vom Typ Nio ES8 kommen im RMV zum Einsatz. (Bild: VDV)
Solche Elektroautos vom Typ Nio ES8 kommen im RMV zum Einsatz. Bild: VDV

Das autonome Fahren im öffentlichen Nahverkehr soll im kommenden Jahr in Deutschland Realität werden. "Geplant ist, dass die deutschlandweiten ersten Fahrzeuge im autonomen Level 4 durch Darmstadt und den Kreis Offenbach fahren" , teilte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) am 20. Juni 2022 auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main mit(öffnet im neuen Fenster) . Demnach wollen der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und die Deutsche Bahn mit deren Tochterfirmen Ioki und Clevershuttle das Angebot gemeinsam realisieren.

Die Automatisierungsstufe 4 bedeutet, dass die Fahrzeuge auf bestimmten Strecken ohne menschliche Sicherheitsfahrer unterwegs sein dürfen. Zu Testbeginn sind aber noch Sicherheitsfahrer in den Fahrzeugen vorgesehen.

Das Projekt soll im Laufe des Jahres 2023 starten und bis Ende 2024 laufen. Ioki soll dazu die On-Demand-Software liefern, während Clevershuttle zusammen mit den lokalen Partnern Heag und KVG-OF den lokalen Betrieb umsetzt. Über die Ioki-Software können Kunden beispielsweise Fahrten mit den autonomen Autos bestellen. Zudem ist Ioki für den Matching-Algorithmus zuständig, der ähnliche Fahrten bündelt. Die Fahrtkosten setzen sich aus einem Grundpreis und einem entfernungsbasierten Anteil zusammen.

Strategische Partnerschaft mit Mobileye

Clevershuttle hingegen kümmert sich um die Fahrzeuge sowie die datenbasierte Nachfrageprognose und die Einsatzplanung. Das Berliner Unternehmen betreibt in Darmstadt bereits den Shuttleservice Heinerliner (öffnet im neuen Fenster) und südlich von Frankfurt und Offenbach den Hopper. Im Projekt sind laut Mitteilung "die Großstadt Frankfurt, Landkreise am Rande der Metropole und ländliche Landkreise vertreten, also die komplette Vielfalt der Siedlungsstrukturen Deutschlands" .

Die autonomen Fahrzeuge liefert die Intel-Tochterfirma Mobileye. Dazu hat die Bahn im April 2022 eine "strategische Partnerschaft" mit dem israelischen Unternehmen vereinbart(öffnet im neuen Fenster) . Mobileye hatte auf der IAA 2021 in München erste Projekte für den Level-4-Modus in Deutschland angekündigt. "Erfahrungen aus Tests in München haben die hohe Zuverlässigkeit des Systems unter Beweis gestellt" , schreibt Clevershuttle.

Technische Aufsicht überwacht die Autos

Möglich wird der großflächige Test in Regelgeschwindigkeit durch eine Änderung des Straßenverkehrsgesetzes, die vom Bundestag im Mai 2021 beschlossen wurde . Dadurch dürfen Fahrzeuge in "festgelegten Betriebsbereichen" autonom unterwegs sein, wenn eine sogenannte Technische Aufsicht "jederzeit" während des Betriebs das Kraftfahrzeug deaktivieren oder alternative Fahrmanöver freigeben kann. Zu diesem Zweck sind "ausreichend stabile und vor unautorisierten Eingriffen geschützte Funkverbindungen" sicherzustellen.

Für die Technische Aufsicht ist bei dem Projekt Clevershuttle zuständig. Dazu sollen bereits bestehende Büros an den Standorten zu einer Leitstelle ausgebaut werden. Derzeit plant das Unternehmen, dass eine Person künftig fünf Fahrzeuge beaufsichtigt. Anders als von der Bundesregierung ursprünglich geplant , müssen diese keinen Abschluss als Techniker oder einen Studienabschluss in den Fachrichtungen Maschinenbau, Fahrzeugtechnik, Elektrotechnik oder Luft- und Raumfahrttechnik/Luftfahrzeugtechnik vorweisen können.

Nicht nur Ingenieure und Techniker

Der Bundesrat hat stattdessen beschlossen (PDF)(öffnet im neuen Fenster) , dass dazu auch speziell geschulte Personen in der Lage sind, "die über mindestens drei Jahre Berufserfahrung im Bereich des Verkehrs- oder Kraftfahrzeugwesens verfügen." Die Schulung sei mit einer praktischen Prüfung einschließlich der Bewältigung simulierter Betriebsstörungen abzuschließen. Clevershuttle will das Aufsichtspersonal in der Leitstelle von Ingenieuren anleiten lassen.

Die Aufsicht darf bei Problemen aus der Ferne Routen freigeben, die das Fahrzeug vorschlägt. Generell sollen die Fahrzeuge Kollisionen vermeiden. Ist dies nicht mehr möglich, "darf der Schutz der anderen Teilnehmenden des umgebenden Verkehrs und der unbeteiligten Dritten nicht nachrangig gegenüber dem Schutz der Insassen des autonom fahrenden Kraftfahrzeugs erfolgen" .

15 vollelektrische Nio ES8

In dem Projekt kommen 15 Fahrzeuge zum Einsatz. Dabei handelt es sich um das SUV ES8 des chinesischen Anbieters Nio, der sich auf Elektroautos mit Batteriewechsel spezialisiert hat . Für das Testprojekt sind jedoch keine Batteriewechsel vorgesehen. "Die Nio ES8 sind so konzipiert, dass die Batterieladung für einen ganzen Tag Betrieb ausreicht" , sagte ein Mobileye-Sprecher auf Anfrage.

Mobileye stattet die Fahrzeuge mit der erforderlichen Sensorik und der Software aus. Das autonome System basiert auf acht EyeQ5-SoCs (System on Chips). Die 2020 vorgestellten Chips(öffnet im neuen Fenster) erreichen eine Leistung von 24 Tera-Operationen pro Sekunde (Tops) bei einem Verbrauch von 10 Watt.

Der vollständige Sensorsatz des Mobileye-Systems (PDF)(öffnet im neuen Fenster) besteht aus 13 Kameras, drei Fernbereichs-Laserscannern (Lidar), sechs Nahbereichs-Lidaren und sechs Radarsensoren. Neben Sensoren nutzt das System eine crowdbasierte Karte sowie ein formales Modell für sichere Fahrentscheidungen (Responsibility-Sensitive Safety [RSS] / Verantwortungsbewusste Sicherheit).

Eine Kommunikation mit der Infrastruktur, wie bei einem Testprojekt in Hamburg , ist hingegen in Hessen nicht geplant. Die Technik sei so konzipiert, dass sie ohne eine solche Kommunikation auskomme, sagte ein Sprecher und fügte hinzu: "Durch die Mobileye Crowdsourced-Mapping-Technologie REM und das RSS-Fahrmodell haben die Fahrzeuge nicht nur vom Start weg Kenntnis über die Umgebung, sondern können sich auch sofort an veränderte Straßensituationen anpassen."

On-Demand-Verkehre nur autonom rentabel

Hinter dem Konzept des RMW stehen Bestrebungen der Verkehrsverbünde, den bedarfsorientierten Verkehr künftig auszubauen. "On-Demand-Verkehre sind für Fahrgäste hochattraktiv und bieten damit große Potenziale für die Mobilitätswende. Großflächig sind sie aber nur im autonomen Betrieb wirtschaftlich darstellbar. Deshalb wollen wir ab dem nächsten Jahr erstmals autonome Fahrzeuge im Regelbetrieb in zwei Regionen testen" , sagte RMV-Geschäftsführer Knut Ringat.

Ähnlich äußerte sich Vorstandschef Jörg Sandvoß von der DB Regio: "Autonomes Fahren auf Abruf ist ein wichtiger Schritt für ein besseres ÖPNV-Angebot in der Fläche und damit mehr klimafreundliche Mobilität für alle Menschen in Deutschland." Aber erst mit fahrerlosen Shuttles, die mit normaler Geschwindigkeit unterwegs seien, "schaffen wir einen ÖPNV, in den die Menschen überall und zu jeder Zeit einsteigen können" .

Testprojekte in ganz Deutschland

Testprojekte mit autonomen Kleinbussen, sogenannte People Mover, gibt es bereits seit einigen Jahren in Deutschland. Dabei kommen häufig Fahrzeuge des französischen Anbieters Easymile zum Einsatz. Die Stadt Monheim, die seit 2019 autonome Busse testet , rechnet erst vom Jahr 2025 an mit dem Einsatz der Fahrzeuge ohne menschlichen Sicherheitsfahrer. Einen Testbetrieb nach Level 4 hat Easymile bereits im Oktober 2020 auf dem privaten Greentec-Campus im schleswig-holsteinischen Enge-Sande gestartet(öffnet im neuen Fenster) . Dabei wird das Fahrzeug sowohl in der Zentrale von Easymile als auch in der Zentrale des Campus überwacht.


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