Verkehr: Und ewig loopt der Hyper

Strecke abgebaut, Partnerschaft beendet, Mietvertrag gekündigt: Es scheint aktuell nicht gut auszusehen für den Hyperloop. Doch wer glaubt, die Luft beim fünften Transportmittel nach Auto, Flugzeug, Schiff und Zug sei raus - oder in dem Fall: rein - liegt falsch.
Hyperloop ist ein Hochgeschwindigkeits-Transportsystem, das in einer Röhre verkehrt, in der ein weitgehendes Vakuum herrscht. Der Plan ist, dort Züge mit Geschwindigkeiten um die 1.000 km/h fahren zu lassen. Wegen des geringen Luftwiderstands soll der Energieaufwand deutlich geringer sein als bei anderen Verkehrsmitteln.
Das Konzept hatte Tesla- und SpaceX-Chef Elon Musk 2013 aufgebracht . Er wollte es jedoch nicht selbst umsetzen, sondern ermunterte andere dazu, indem er das Konzept als Open Source veröffentlichte.
Musk konnte es nicht lassen
Mehrere Unternehmen machten sich an die Arbeit. Doch nach zwei Jahren konnte auch Musk selbst die Finger nicht davon lassen und kündigte an, sein Raumfahrtunternehmen SpaceX werde einen Hyperloop-Wettbewerb durchführen : Teams aus aller Welt sollten einen Pod, also das Hyperloop-Fahrzeug, konstruieren und in der Röhre gegeneinander antreten.

Dafür ließ SpaceX eine 1,6 Kilometer lange Teststrecke auf seinem Firmengelände in Hawthorne im US-Bundesstaat Kalifornien bauen. Mehrfach wetteiferten Teams miteinander um die schönsten und schnellsten Hyperloop-Pods. Besonders erfolgreich schnitt dabei das Team Warr aus München ab .
Doch damit ist Schluss: Die Röhre existiert nicht mehr, SpaceX hat sie kürzlich abbauen lassen. Wo sie gestanden hat, sollen künftig die SpaceX-Beschäftigten ihre Autos abstellen. Immerhin hat Musks Tunnelbauunternehmen The Boring Company angekündigt, einen Hyperloop in Originalgröße zu bauen - die Teströhre hatte einen kleineren Maßstab. Details zu dem neuen Projekt gibt es aber keine.
Was ist los bei Hyperloop One?
Noch düsterer sieht es bei einem anderen Projekt der ersten Stunde aus: Hyperloop One. Im Dezember 2015 fing es an, eine Teststrecke für den Hyperloop zu bauen. Mitte 2017 fanden darin die ersten Testfahrten statt.

Damit gewann das Unternehmen schnell einen neuen Fan: den britischen Geschäftsmann Richard Branson. Dessen Virgin Group investierte 2017 im Zuge einer Finanzierungsrunde in die Firma - mutmaßlich eine größere Summe. Denn danach wurde Hyperloop One in Virgin Hyperloop One umbenannt .
Zunächst war die Partnerschaft auch erfolgreich.
Hyperloop ohne Virgin
So wurde 2019 mit Saudi-Arabien der Bau eines Forschungs- und Entwicklungszentrums inklusive Teststrecke vereinbart . Ende 2020 folgte der sicher größte Erfolg des Unternehmens: Erstmals schwebte in der Teströhre in der Wüste von Nevada eine Kapsel mit zwei Menschen an Bord . Kurz darauf machte Virgin Hyperloop One uns den Mund mit einem Video wässrig, das zeigt, wie eine Fahrt im Hyperloop aussehen könnte .
Danach wurde es allerdings still um das Unternehmen. Anfang dieses Jahres kündigte es an , das Konzept der Personenbeförderung aufzugeben und sich stattdessen auf Gütertransporte per Hyperloop zu konzentrieren.
An dem Projekt auf der arabischen Halbinsel wird festgehalten - Grund ist, dass Hauptanteilseigner der in Dubai ansässige Logistikkonzern DP World ist. Nach dem neuen Konzept sollen jedoch Güter transportiert werden, und zwar zwischen Riad und der rund 850 Kilometer entfernten Hafenstadt Dschidda am Roten Meer.
Über 100 Beschäftigte wurde entlassen
Wegen der Umorientierung hat das Unternehmen seine Belegschaft um etwa die Hälfte verkleinert: 111 Beschäftigte wurden entlassen. Für Partner Virgin war das offensichtlich eine Fehlentscheidung: Anfang November wurde bekannt, dass sich die Virgin Group vollständig aus dem Projekt zurückzieht.

Nach "der Änderung der kurzfristigen Priorität von Virgin Hyperloop" habe die Virgin Group das Ende der Zusammenarbeit beschlossen. Die Marke Virgin werde aus dem Unternehmen entfernt, sagte ein Sprecher der Virgin Group der britischen Tageszeitung The Telegraph(öffnet im neuen Fenster) . Virgin werde zudem seine Anteile verkaufen, erfuhr die Zeitung von einem Informanten.
Et tu, Hyperloop TT?
Der große Konkurrenten Hyperloop TT ist gerade wieder aufgetaucht. 2015 hatte der damalige Chef Dirk Ahlborn im Interview mit Golem.de erklärt, 2018 werde der erste funktionsfähige Hyperloop im Einsatz sein. Schon 2016 zeigte sich, dass daraus nichts würde .

2017 gab das Unternehmen dann bekannt, ein Hyperloop-Forschungs- und Entwicklungszentrum in Toulouse zu errichten, inklusive eigener Teströhre . Darin sollte die erste Kapsel getestet werden, die 2018 in Spanien gebaut wurde .
Inzwischen ist das Testgelände in Südfrankreich verwaist: Ende vergangenen Jahres teilte Hyperloop TT mit, den Standort in Südfrankreich aufzugeben, wie die öffentlich-rechtliche Radiostation France Bleu berichtete(öffnet im neuen Fenster) . Der Rat von Toulouse Métropole stimmte demnach kurz darauf für eine Kündigung des Baupachtvertrags von Hyperloop TT. Er ließ Hyperloop TT aber eine Hintertür offen: Für den Fall, dass das Unternehmen das Projekt wieder aufleben lasse, würde die Region ein anderes Grundstück zur Verfügung stellen.
Immerhin ist das Unternehmen noch existent und aktiv: Gerade hat es die Fusion mit einer Special-Purpose Acquisition Company (Spac) oder Mantelgesellschaft bekannt gegeben, wodurch "das erste börsennotierte Hyperloop-Unternehmen" wird. Gleichzeitig hat sich der Fokus eher in Richtung Nordamerika verschoben, wo das Unternehmen drei Projekte verfolgt. Unter anderem geplant ist eine Test- und Demonstrationsstrecke in Kanada.
Doch das bedeutet nicht das Ende des Rohrpostzuges.
Hyperloopen in Europa
Gehyperloopt wird etwa in den Niederlanden. Das Startup Hardt Hyperloop(öffnet im neuen Fenster) hat 2019 eine Teströhre in Delft in Betrieb genommen . Sie ist zwar nur 30 Meter lang, doch das hat ausgereicht, um die wichtigsten Komponenten des Systems zu testen: das Schweben per Magnet, den Antrieb, das Leitsystem und den Fahrspurwechsel.
Ein neuer Teststand, das European Hyperloop Center(öffnet im neuen Fenster) in Groningen sei im Bau, erzählte Mars Geuze, Manager und einer der Gründer von Hardt Hyperloop, im Gespräch mit Golem.de. In der Teströhre, die 2023 fertig sein soll, könne jeder Akteur seine Hyperloop-Technologien testen.
Etwa 2026 wolle Hardt mit dem Bau der ersten kommerziellen Strecken beginnen, sagte Geuze. "Das heißt, noch vor Ende dieses Jahrzehnts wollen wir den ersten Hyperloop in Betrieb nehmen und können dann mit dem Ausbau des Netzes in Europa und weltweit beginnen." Wo die erste Hyperloop-Strecke entstehen wird, ist noch nicht klar. "Ich bin zuversichtlich, dass wir in Europa einen passenden Ort dafür finden werden."
Italien will den Hyperloop
Interessenten gibt es durchaus. Darunter ist beispielsweise Hamburg , wo der Hafenbetriber Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) zusammen mit Hyperloop TT an einem Frachttransportsystem arbeitet(öffnet im neuen Fenster) . Gerade hat sich auch Italien ins Gespräch gebracht: "Wir werden den Hyperloop bauen" , verkündete der italienische Verkehrsminister Enrico Giovanni in diesem Sommer.

Die erste Strecke solle laut Giovanni in der Region Venetien gebaut werden, von Padua nach Mestre, berichtete der Regionalsender Telenuovo(öffnet im neuen Fenster) . Außerdem werde es eine zweite Strecke geben. Wo diese entstehen werde, verriet der Politiker nicht. Um die Strecke zu bauen, ist Hyperloop TT im Gespräch(öffnet im neuen Fenster) .
In kleinerem Maßstab wird in der Schweiz und in Bayern gehyperloopt: An der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (École polytechnique fédérale de Lausanne, EPFL) ist im vergangenen Jahr eine ringförmige Teststrecke fertiggestellt worden . Dort wollen die EPFL und das Startup Swisspod Antriebs-, Schwebe- und Kinematiksysteme im Maßstab 1:6 testen.
München baut eine Teststrecke
In München wurde kürzlich mit dem Bau einer Teststrecke begonnen . In der 24 Meter langen Röhre soll ab Anfang des kommenden Jahres Hyperloop-Technik getestet werden. Nach Ansicht von Projektleiter Gabriele Semino wird die Technik in etwa zehn Jahren so weit sein, dass erste Strecken gebaut werden können.

In Spanien arbeitet das 2016 gegründete Startup Zeleros(öffnet im neuen Fenster) am Hyperloop - mit ehrgeizigen Zielen: 2030 soll die erste Strecke in Betrieb gehen, 2050 soll bereits ein ganzes Streckennetz existieren. Bisher hat das Unternehmen aus Valencia aber noch nicht einmal eine Teststrecke. Im kommenden Jahr soll eine immerhin vier Kilometer lange Röhre in Spanien zur Verfügung stehen. Unterstützt wird Zeleros vom spanischen Staat.
Ernst wird es in Kanada.
Transpod baut
In der westkanadischen Provinz Alberta sollen schon in wenigen Jahren Kapseln Passagiere und Güter von Edmonton und Calgary oder umgekehrt mit einer Geschwindigkeit von über 1.000 km/h transportieren. Das hat das kanadische Unternehmen Transpod kürzlich bekannt gegeben .
Vorbereitende Bauarbeiten an dem 2020 angekündigten Vorhaben hätten begonnen. Die Umweltverträglichkeitsprüfung sei in Arbeit. Die Kosten des Projekts beziffert das Unternehmen auf etwa 18 Milliarden US-Dollar.
Die Fahrt in der Vakuumröhre soll dabei erst am Stadtrand beginnen. In den Städten wird die Kapsel auf Rädern von Station zu Station fahren. Dann wird sie durch eine Schleuse in die Röhre eintreten. Im Vakuum wird sie dann, angetrieben von vier Linearmotoren, schweben.
Geschwebt wird per Magnet
Dabei wird sie nicht, wie von Musk postuliert, auf einem Luftkissen schweben. "Davon sind alle Unternehmen, die jetzt Hyperloop entwickeln, abgekommen" , sagt Geuze. "Der Hauptgrund dafür ist, dass der Luftspalt so klein ist, dass es sehr schwierig wird, eine solche Infrastruktur zu realisieren." Sie müsste dann nämlich "perfekt gerade sein" , was sehr teuer werde wäre.

Auch im Fernen Osten wird an dem Rohrpostzug entwickelt: Das Korea Railroad Research Institute (KRRI) erreichte mit seinem Hyperloop-System 2020 als erstes in etwa die intendierte Reisegeschwindigkeit: Der Hypertube schaffte über 1.000 km/h .
Allerdings handelte es sich dabei nicht um ein Verkehrsmittel in Originalgröße. Die Testanlage hat nach Angaben des KRRI einen Maßstab von 1:17. Die Kapseln waren 15 Zentimeter oder 30 Zentimeter lang.
In China schaffte ein Hyperloop in Originalgröße kürzlich eine Geschwindigkeit von 130 km/h, wie die Tageszeitung China Daily berichtet(öffnet im neuen Fenster) . Der T-Flight genannte Zug könnte auch schneller - allerdings ist die Teststrecke in Datong in der nordchinesischen Provinz Shanxi nur zwei Kilometer lang - zu kurz, um die Möglichkeiten des T-Flight auszureizen.
In der neuen Röhre wird's schneller
Als Nächstes wollen die Initiatoren, die North University of China und der Rüstungskonzern China Aerospace Science and Industry Corporation (Casic) eine 60 Kilometer lange Teststrecke bauen. Darin soll der T-Flight dann bis zu 1.000 km/h erreichen.

Sollte sich der Hyperloop auf lange Sicht als Transportmittel durchsetzen und die vielen Ansätze zu einem Netz zusammengeschlossen werden, muss sichergestellt sein, dass die verschiedenen Hyperloop-Systeme auch interoperabel sind - anders als auf der Schiene, wo in Europa das Fehlen eines einheitlichen Zugsicherungssystems, einer einheitlichen Spannung oder verschiedene Spurbreiten den grenzüberschreitenden Zugverkehr immer noch behindern.
Damit das in der Röhre nicht passiert, wurde Anfang 2020 eine Standardisierungsorganisation für Hyperloop-Systeme gegründet(öffnet im neuen Fenster) , das Joint Technical Committee 20 (JTC20). Es definiere unter anderem die Schnittstellen zwischen Infrastruktur und Kapsel, damit letztere in allen Röhren unterwegs sein könnten, sagt Geuze.
"Wir befinden uns immer noch in einer Innovationsphase, in der verschiedene technologische Optionen erforscht werden. Ich denke, das ist gut, denn man will die Leistung verschiedener Systeme sehen" , sagt der Hardt-Mitgründer. "Ich bin der Meinung, dass wir als Industrie versagt haben, wenn es verschiedene Hyperloops gibt, die nicht interoperabel sind. Ich denke, es ist absolut wichtig, dass wir am Ende zu einem einzigen System konvergieren."



