Livestreams ohne Nachrichtenwert
Warum Fake News und Verschwörungslügen im Fall Guthrie so schnell die Runde machten und so viele Menschen aufhetzten, liegt wohl unter anderem an dem zunehmenden Wunsch, rund um die Uhr informiert zu sein. Bilder zeigen, wie dichtgedrängt in dieser Zeit Livestreamer, Podcaster und Amateurdetektive vor der Auffahrt zu Nancy-Guthries-Haus standen.
Zum Schutz vor der Sonne hatten sie mobile Sonnenschutz-Pavillons aufgebaut, am Rande der Szenerie ist mindestens ein Zelt zu sehen(öffnet im neuen Fenster). Bildlich passierte in diesen Livestreams, sieht man von vorbeifahrenden Fahrzeugen ab, nichts. Gleichwohl erreichten sie hohe Zuschauerzahlen – mutmaßlich, weil sie zunächst das Gefühl vermittelten, bei der Jagd auf den oder die Täter dabei sein zu können.
In den parallel mitlaufenden Chats konnten sich die Fans zudem über den Fall unterhalten, Neuigkeiten besprechen und spekulieren. Wie immer fanden sich dabei auch Trolle ein, die sich einen Spaß daraus machten, die Community mit haltlosen Spekulationen oder Fake News aufzuhetzen. Diese Spekulationen und Fake News wurden dann oft von den Streamern aufgegriffen, die offenkundig dankbar für jedes neue Thema waren und so zur Verbreitung von Lügengeschichten beitrugen.
Parallelen zum gestrandeten Ostsee-Wal
In Deutschland sollte es noch zwei Monate dauern, bis ein ähnliches Phänomen Zigtausende Menschen in seinen Bann schlug. Die Livestreams des mehrmals in der Ostsee gestrandeten Buckelwals hatten, sieht man von gelegentlichen Interviews mit Politikern und Fans vor Ort ab, ebenfalls kaum Nachrichtenwert.
Gleichwohl genossen viele Zuschauer offenbar das Gefühl, rund um die Uhr dabei sein zu können. Eine süddeutsche Nachrichtenagentur, die sich bislang auf die "Erstellung und Vermarktung von tagesaktuellen TV-Bildern aus Bayern, Sachsen und Thüringen" spezialisiert hatte, schaffte sich schließlich mit Unterstützung der Zuschauer eine Wärmebild-Kamera an, so dass sie rund um die Uhr kontrollieren konnte, ob der Wal noch atmete.
Auch in diesen Streams wurden rasch Gerüchte und Lügen verbreitet und damit Menschen gezielt in Wut versetzt. Der zuständige Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, erklärte, noch nie in seiner langen politischen Laufbahn eine derart aufgehetzte Stimmung erlebt zu haben.
In Chats und Foren lächerlich gemacht
Diese Stimmung richtete sich nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen alle Experten und Expertinnen, die mit wissenschaftlichen Erkenntnissen gegen eine Rettung des Wals argumentierten(öffnet im neuen Fenster). Manche wollten als Konsequenz nur noch anonym mit der Presse sprechen – in Chats und Foren wurden sie nicht nur lächerlich gemacht, sondern auch persönlich attackiert, gedoxt und bedroht(öffnet im neuen Fenster).
Ähnlich wie in Tucson sahen sich Streamer wie Zuschauer im Recht. Sie beschworen Presse- und Meinungsfreiheit und erklärten immer wieder, dass die Dauerbeobachtung angeblich finstere Machenschaften verhindere.



