Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Verbraucherschützer: Teslas neue Assistenzsysteme noch zu unzuverlässig

In den USA gibt es Kritik an Teslas Werbeversprechen beim autonomen Fahren . Manche Funktionen seien "richtig gefährlich" , sagen Verbraucherschützer.
/ Friedhelm Greis
92 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Der Autopilot-Modus von Tesla sorgt immer wieder für Kritik. (Bild: Werner Pluta/Golem.de)
Der Autopilot-Modus von Tesla sorgt immer wieder für Kritik. Bild: Werner Pluta/Golem.de

Die US-Verbraucherschutzorganisation Consumer Reports (CR) hat bei den Assistenzsystemen des Elektroautoherstellers Tesla zahlreiche Mängel festgestellt. "Bei unseren Untersuchungen haben wir bemerkt, dass einige der Funktionen den Kunden trotz des extrem hohen Kaufpreises keinen wirklichen Nutzen bringen" , sagte CR-Autotester Jake Fisher(öffnet im neuen Fenster) . Zudem erfordere das Zusatzpaket für "volles autonomes Fahren" weiterhin eine erhebliche Aufmerksamkeit des Fahrers.

Tesla vermarktet seine Fahrassistenzsysteme seit Jahren unter der Bezeichnung "Autopilot" , obwohl sie rechtlich erst ein sogenanntes teilautomatisiertes System der Stufe 2 darstellen, das permanent vom Fahrer überwacht werden muss. In den USA bescheinigt das Unternehmen dem 8.000 Dollar teuren Paket die "volle Selbstfahrfähigkeit" (Full Self-Driving Capability). Enthalten sind darin die Funktionen "Mit Autopilot navigieren" , "Smartes Herbeirufen" , "Autoparken" und "Ampel-/Stoppschild-Erkennung" . Getestet wurden zudem das einfache Herbeirufen und der Spurwechselassistent.

Die Funktionen Smartes Herbeirufen (Smart Summon) und die Stoppschildererkennung hat Tesla in Deutschland für die "nahe Zukunft" angekündigt. Zuletzt hat das Landgericht München die Tesla-Werbung für den Autopilot als irreführend verboten . Damit wurden dem Elektroautohersteller verschiedene Werbeaussagen zu seinen Fahrassistenzsystemen untersagt.

Nur Spurwechselassistent funktioniert gut

Richtig zufrieden waren die Verbraucherschützer eigentlich nur mit dem Spurwechselassistenten. Dieser wechselt beispielsweise auf der Autobahn die Spur, wenn der Fahrer den Blinker eingeschaltet hat. Auch in diesem Fall bleibt der Fahrer dafür verantwortlich, dass die Fahrbahn wirklich frei ist und sich von hinten kein Fahrzeug nähert.

Die anderen Funktionen reagierten den Testern zufolge hingegen unzuverlässig und uneinheitlich. So sei beispielsweise beim selbstständigen Einparken nicht nachvollziehbar, warum ein und dieselbe Parklücke einmal von System erkannt werde, das andere Mal aber nicht. Zudem hätten die Teslas oft so schräg eingeparkt, dass man sich als Autofahrer beim Aussteigen dafür schämen würde, sagte Fahrzeugprüferin Kelly Funkhouser.

Selbst das einfache "Herbeirufen" , um beispielsweise das Auto ohne Fahrer in eine Parklücke hineinzufahren, habe nicht zuverlässig funktioniert. So habe ein Testfahrzeug noch halb aus der Lücke herausgeschaut oder sei schräg stehengeblieben und habe sich abgeschaltet. Kurioserweise warne Teslas Handbuch für das Model 3 sogar davor, dass die Sensoren in engen Parklücken möglicherweise nicht richtig funktionierten. "Leider gibt Tesla für Summon keinen optimalen Verwendungszweck an, was uns ratlos macht, wofür das System wirklich gedacht ist, wenn nicht zum Parken auf engstem Raum" , sagt Funkhouser und fügt hinzu: "Sie müssen das Auto während dieser Manöver auch sehr genau beobachten, um sicherzustellen, dass es mit nichts kollidiert."

Unsichere Fahrten auf Parkplätzen

Noch unzufriedener zeigten sich die Tester mit dem "Smarten Herbeirufen" . Die Funktion soll es beispielsweise ermöglichen, in einem Parkhaus das Auto selbstständig über eine größere Strecke in eine Parklücke fahren zu lassen oder es später aus dieser Lücke wieder zu einem bestimmten Punkt zu bestellen. "Selbst wenn Smart Summon in der Lage war, an dem angegebenen Ort anzukommen, war es zeitweilig auf der falschen Fahrspur des Parkplatzes unterwegs, hielt nicht an Stoppschildern an, machte einen großen Bogen und steuerte auf geparkte Autos zu, um dann im Rückwärtsgang eine Kollision zu vermeiden" , lautet das Fazit der Verbraucherschützer.

Dem Bericht zufolge hat sich die Funktion nach ihrem Start im September 2019 offenbar nicht wesentlich verbessert. Bereits damals gab es Berichte(öffnet im neuen Fenster) über "Chaos auf den Parkplätzen" , nachdem Tesla-Nutzer ihre Autos herbeirufen wollten. "Manchmal schien es unberechenbar" , sagt Funkhouser. Die Verbraucherschützer gingen davon aus, "dass ein Kunde, nachdem er das inkonsistente Verhalten des Systems festgestellt hat, es wahrscheinlich nicht mehr verwenden wird" .

Autopilot unzuverlässig

Unzuverlässig ist nach Einschätzung von CR auch der erweiterte Autopilot von Tesla. Dieser soll beispielsweise An- und Auffahrten an Autobahnen meistern und dabei Spurwechsel vorschlagen und den Blinker setzen. "In einem Fall ignorierte das System vollständig die Ausfahrt, die es nehmen sollte. Dies hat unseren Tester nicht nur von seiner Route abgebracht, sondern auch das Auto auf eine Spur für Fahrgemeinschaften geführt, obwohl nur eine Person im Auto saß" , kritisiert CR.

Tesla Autopilot ausprobiert
Tesla Autopilot ausprobiert (01:37)

In einem anderen Fall habe sich das System unvermutet abgeschaltet, was den Fahrer in der Situation mit starkem Verkehr und herannahender Auffahrt verwirrt habe. Doch genau in solchen Situation könne man es als Fahrer am wenigsten gebrauchen, von einem nicht funktionierenden Assistenzsystem abgelenkt zu werden.

Schildererkennung nicht ganz ausgereift

Darüber hinaus bemängelten die Tester, dass der Tesla im Autopilot-Modus dauerhaft auf der Überholspur unterwegs gewesen sei, obwohl auf die mittlere oder rechte Spur hätte gewechselt werden können. Als bedenklich wird die Möglichkeit eingestuft, einen selbstständigen Fahrbahnwechsel zuzulassen, ohne dass der Fahrer dafür den Blinker betätigen muss oder vom System auf den geplanten Spurwechsel hingewiesen wird. Fisher bezeichnete diese Einstellung als "besorgniserregend, wenn nicht sogar richtig gefährlich" . Fahrer könnten durch einen unerwarteten und unsicheren Spurwechsel auf der Autobahn erschreckt werden.

Noch nicht ganz ausgereift erscheint den Verbraucherschützern die automatische Erkennung von Ampeln und Stoppschildern. Laut Tesla stoppt das Fahrzeug an Kreuzungen selbstständig und fährt dann weiter, wenn das Fahrpedal betätigt wird. Allerdings sei das System so programmiert, dass es auch an grünen Ampeln anhalte, schreibt CR. Zudem habe es gelegentlich viel zu weit vor einem Stoppschild gebremst, so dass der Fahrer mehrfach beschleunigen musste, um bis an die Kreuzung zu gelangen.

Kritik an Beta-Versionen

Manche Stoppschilder seien wiederum gar nicht erkannt worden, so dass eine Vollbremsung erforderlich gewesen sei. In Kreisverkehren habe das System an jeder Ausfahrt angehalten. In anderen Fällen habe der Tesla vor einem Vorfahrt-gewähren-Schild angehalten, obwohl die Kreuzung frei gewesen sei. "Wir glauben, dass die Ampel- und Stoppschildsteuerung von Tesla in der aktuellen Version den Fahrer mehr verwirren und ablenken wird" , sagt Fisher.

Abschließend kritisieren die Verbraucherschützer das Vorgehen Teslas, bestimmte Funktionen zunächst als Beta-Versionen freizugeben. Tesla habe auf die Anfrage, wie sich Beta-Funktionen aus Sicht der Fahrer von anderen Funktionen unterscheiden ließen, nicht reagiert. "Tesla hat wiederholt grobe Beta-Funktionen eingeführt, von denen einige die Sicherheit von Personen gefährden könnten und nur auf einer privaten Teststrecke oder auf einem Testgelände verwendet werden sollten" , sagte William Wallace, Sicherheitsexperte bei CR.

Auch wenn Tesla die getesteten Funktionen noch verbessern wolle, scheinen sie den hohen Preis von 8.000 US-Dollar nicht wert zu sein, schreibt die Organisation. Das Fazit von Funkhouser lautet: "Tesla hat sich offenbar darauf konzentriert, der Autohersteller mit den meisten Funktionen zu sein, anstatt sicherzustellen, dass die Funktionen gut funktionieren. Die Zeit und Energie könnten besser für die Entwicklung eines Fahrerüberwachungssystems für den Autopilot aufgewendet werden, um Sicherheit und Nutzen dieses Systems deutlich zu verbessern."

Level 3 bald erlaubt

Vom kommenden Jahr an können in Deutschland auch hochautomatisierte Systeme der Stufe 3 zugelassen werden . Diese erlauben dann Nebentätigkeiten wie das Bearbeiten von E-Mails während des Fahrens. Ob und wann Tesla eine Level-3-Funktion anbietet, ist unklar.

Der Autokonzern Daimler hat inzwischen angekündigt, im zweiten Halbjahr 2021 für die neue S-Klasse von Mercedes einen selbstfahrenden Staupiloten anzubieten . Dabei setzt Mercedes im Gegensatz zu Tesla auch auf einen Laserscanner zur Umfelderkennung. Zudem gibt es redundante Steuerungs- und Bremssysteme.


Relevante Themen