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Vera C. Rubin Observatory: Die Big-Data-Ära der Astronomie beginnt

Zum Jahreswechsel geht das Teleskop der Superlative in den operativen Betrieb. Es soll die Zahl der Erkenntnisse ins Astronomische steigern.
/ Mathias Küfner
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Das Vera C. Rubin Observatory hat die größte jemals gebaute Kamera. (Bild: Anadolu via Reuters Connect)
Das Vera C. Rubin Observatory hat die größte jemals gebaute Kamera. Bild: Anadolu via Reuters Connect

In manchen Nächten verändert sich der Himmel schneller, als wir hinsehen können. Ein Asteroid taucht auf, eine Supernova zündet, ein fernes Objekt flackert nur wenige Minuten. Bisher war vieles davon Glückssache. Man musste zur richtigen Zeit auf den richtigen Ausschnitt des Himmels schauen.

Mit dem Vera C. Rubin Observatory(öffnet im neuen Fenster) beginnt eine andere Ära der Astronomie. Statt einzelner Beobachtungen produziert Rubin fortlaufend einen gewaltigen Datenstrom, Nacht für Nacht, systematisch, wiederholt – mit einer Kamera, die in Dimensionen denkt, wie man sie eher aus Rechenzentren kennt. Dieser Text erklärt, was das Teleskop technisch so außergewöhnlich macht, welche Rekorde es aufstellt und warum seine Big-Data-Strategie die Suche nach neuen Objekten, Risiken im Erdorbit und sogar nach bislang unbekannten Phänomenen grundlegend verändern könnte.

Zehn Jahre bis zur Fertigstellung

Erste Ideen zum Vera C. Rubin Teleskop, kurz: Rubin, stammen aus den 1990er Jahren. Seit 2003 gibt es ein konkretes Projekt zur Realisierung und ab 2014 wurde an der Errichtung gearbeitet. 2024 konnte der Bau nach mehreren Verzögerungen abgeschlossen werden.

Am 23. Juni 2025 wurden dann die ersten Bilder veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster), die bei vorausgegangenen Testläufen des Vera-C.-Rubin-Teleskops entstanden waren. Diese stammen aus sogenannten First-Light-Tests, bei denen Beobachtungssysteme zum ersten Mal unter realen Bedingungen zeigen können, dass sie wie geplant funktionieren. Bei derart großen Projekten, mit denen die Grenzen des Machbaren verschoben werden, ist ein Erfolg keineswegs selbstverständlich.

Ein Langzeitprojekt

Der operative Betrieb soll zum Jahreswechsel 2025/2026 aufgenommen werden, hier ist eine aktuelle Übersicht über die erreichten Meilensteine(öffnet im neuen Fenster). Da es sich bei Vera C. Rubin aber um ein Langzeitprojekt von wenigstens zehn Jahren handelt, spielen ein paar Wochen keine Rolle. Mit dem Teleskop sollen unter anderem lange Zeitreihen entstehen.

Vera C. Rubin erfasst den Himmel der südlichen Hemisphäre und soll neue Objekte erkennen und zuordnen. Das funktioniert durch die systematische Aufzeichnung auch im Nachgang und auch für Objekte, die durch andere Beobachtungen identifiziert wurden. Das interstellare Objekt 3I/ATLAS(öffnet im neuen Fenster) – auch als C/2025 N1 (ATLAS) bezeichnet – wurde nachträglich in den Testaufnahmen des Vera-C.-Rubin-Teleskops entdeckt. Diese Daten halfen, seine Flugbahn genauer einzugrenzen.

Riesige Datenmengen für die Forschung

Die Suche in schon vorhandenen Aufnahmen, um mit den zusätzlichen Daten aus der Vergangenheit die Prognosen zu verbessern, wird Pre-Discovery genannt. Das Teleskop Vera C. Rubin eröffnet hier neue Möglichkeiten, weil es pauschal und anlasslos große Datenmengen fortlaufend produziert. Damit kann wichtige Forschung betrieben werden.

Die Daten sollen offen für alle Wissenschaftler zur Verfügung gestellt werden, jedoch erst nach einer gewollten Verzögerung von zwei Jahren, also ab 2028. Früher kommt man an die vollständigen Daten heran, wenn man mit einem Land assoziiert ist, das sich an den enormen Baukosten beteiligt. Dennoch entsteht ein bisher nicht dagewesener Datenfundus, denn anders als bei den meisten Observatorien wird nicht projektbezogen nur ein kleiner Himmelsabschnitt untersucht – entsprechend einem vorher genehmigten Forschungsziel.

Durch Rubin entstehen künftig sehr große Datenmengen, die man mit Teleskopen im Weltraum wie dem James Webb(öffnet im neuen Fenster), Hubble(öffnet im neuen Fenster), Euclid(öffnet im neuen Fenster) und das für 2027 geplante Nancy-Grace-Roman-Teleskop(öffnet im neuen Fenster) nicht hätte umsetzen können.

Über Downlinks funken diese im Jahr jeweils etwa 1 bis 20 TByte Daten zur Erde. Durchaus beeindruckende Datenmengen, aber nichts im Vergleich zu einigen irdischen Teleskopen.

Auf der Erde stationierte Teleskope wie ALMA(öffnet im neuen Fenster) (Atacama Large Millimeter/submilimeter Array) und LOFAR(öffnet im neuen Fenster) (Low Frequency Array) erreichen die gleiche Größenordnung in nur einem Tag, wobei Vera C. Rubin mit 20 TByte pro Nacht und 7 PByte pro Jahr den Spitzenplatz einnimmt. Es wird wohl erst von SKA(öffnet im neuen Fenster) (Square Kilometer Array) übertrumpft werden, das voraussichtlich 2029 fertiggestellt sein wird.

Die größte Kamera der Welt

Vera C. Rubin steht zusammen mit dem Gemini Observatorium und dem SOAR(öffnet im neuen Fenster) (Southern Astrophysical Research Telescope) in der Coquimbo-Region in Chile. Es hält den Rekord für die größte Kamera.

201 CCD-Chips liefern insgesamt 3,2 Gigapixel. Die Linse hat einen Durchmesser von 3,4 Metern, der Hauptspiegel 8,4 Meter. Die Kamera wiegt etwa drei Tonnen. Damit wird alle 20 Sekunden eine Belichtung von 15 Sekunden vorgenommen. In den verbleibenden fünf Sekunden richtet sich das Teleskop auf das jeweils neue Beobachtungsfeld aus.

1.000 Aufnahmen pro Nacht

Etwa 1.000 Aufnahmen entstehen so pro Nacht. Mit jeder Aufnahme werden 9,6 Quadratgrad abgedeckt. Der Vollmond würde hier etwa 40-mal in jede der Aufnahmen passen, dennoch könnte die Kamera theoretisch einen Golfball noch in 24 km Entfernung deutlich abbilden.

Der gesamte sichtbare Südhimmel, der etwa 18.000 Quadratgrad umfasst, kann mit 1.875 solcher Aufnahmen erfasst werden. Durch bewusste Überlappungen führt dies zu etwa 2.000 Beobachtungsfeldern, zu denen Vera C. Rubin regelmäßig zurückkehrt, um diese jeweils alle drei bis vier Nächte zu erfassen. Dies folgt keinem starren Raster, sondern kann sich dynamisch an Ereignisse wie Wolken oder besondere Beobachtungsziele anpassen.

Die Mehrfacherfassung kann sowohl für Zeitreihen als auch für tiefe Summenbilder und zur Asteroidenverfolgung genutzt werden. Diese Kombination aus hoher Auflösung, großer räumlicher und großer zeitlicher Abdeckung über zehn Jahre hinweg, macht das Projekt so einzigartig.

Enorme Datenmengen auswerten

Die Auswertung der Daten ist ein mindestens ebenso beeindruckendes Unterfangen. Hierzu gehört das LINCC Framework(öffnet im neuen Fenster): Es werden die großen Rohdatenmengen durch verschiedene Pipelines verarbeitet. Einige sind "near real time" und dienen der Qualitätskontrolle, Kalibrierung und der Analyse transienter Ereignisse.

Viele Pipelines laufen aber auch als Batch im Nachhinein, um Langzeitstatistiken und Bildkombinationen zu berechnen. Wissenschaftler erhalten Zugriff auf eine Vielzahl von Datenprodukten.

Ziel ist es, auch interessante Himmelsereignisse zu entdecken, um zeitnah Alarme verschicken zu können, die es dann wiederum anderen Observatorien ermöglichen, sich aktiv an der Beobachtung besonders relevanter Ereignisse zu beteiligen. Es könnte etwa eine detektierte neue Supernova in einem sehr frühen Stadium detailliert beobachtet werden.

Bisher waren solche Untersuchungen eher glücklichen Zufallsentdeckungen zu verdanken. Künftig darf man mit einer routinierten, zeitnahen Erfassung rechnen.

Objekte entdecken, die der Erde gefährlich werden können

Als dritter Aspekt, neben den Langzeitdaten und den schnellen Alarmen, ergibt sich eine Ergänzung bei der Aufklärung von Objekten, die potenziell den Erdorbit kreuzen könnten. Bisher wurden solche Objekte – etwa 2024 YR4, der mit einer geringen Wahrscheinlichkeit die Erde am 22. Dezember 2032 treffen könnte – durch ATLAS (Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System(öffnet im neuen Fenster)) entdeckt.

Zu diesem automatischen Warnsystem gehört ein Verbund von Observatorien, die den Himmel nach potenziellen Bedrohungen absuchen. Der Zusatz ATLAS in den offiziellen Bezeichnungen der gefundenen Objekte weist auf den Fund durch das Warnsystem hin. Mit Vera C. Rubin können diese Bemühungen entscheidend ergänzt werden.

Milliarden neuer Galaxien entdecken

Schon bei den Testläufen konnte das Teleskop in nur zehn Betriebsstunden etwa 2.000 neue Asteroiden aufspüren, darunter sieben sogenannte NEOs (Near-Earth Objects). Man spekuliert darauf, dass während der gesamten Laufzeit mehrere Hunderttausend neue Asteroiden und viele Tausend Supernovae pro Jahr aufgespürt werden können.

Mehrere Millionen Sterne unserer eigenen Galaxie könnten damit genauer kartografiert werden und mehrere Milliarden neue Galaxien könnten in den zehn Jahren Projektlaufzeit entdeckt werden.

Schon das James-Webb-Teleskop hat uns geholfen, die Schätzungen zur Anzahl der Galaxien zu präzisieren, so dass man heute fundiert von etwa 200 Milliarden Galaxien insgesamt ausgeht. James Webb konnte selbst an unauffällig wirkenden Bereichen am Himmel Abertausende Galaxien finden, ist aber nur in der Lage, einzelne sehr kleine Bereiche genauer zu untersuchen. Mit Vera C. Rubin kann man in die Breite gehen, riesige Areale abbilden und mithilfe von KI-Systemen in den riesigen Datenmengen durch Analyse viel mehr entdecken.

Völlig neue Phänomene finden?

Durch diese Big-Data-Ära in der Astronomie und die heutigen Analysemöglichkeiten der Informatik hofft man darauf, auch neue Phänomene zu finden. Danach konnte man bisher nicht bewusst suchen, weil man von deren Existenz nichts ahnte.

Hierbei muss man Vera C. Rubin stets im Verbund mit vielen weiteren Observatorien und Teleskopen sehen, die sich gegenseitig durch Entdeckungen unterstützen. Der ESA-Satellit Gaia(öffnet im neuen Fenster) erstellt bereits seit dem Jahr 2014 einen Sternenkatalog mit bisher unerreichter Präzision, bildet aber keine Zeitreihen ab.

Auf der Erde entstehen derzeit zudem weitere ELTs (Extremely Large Telescopes). Anders als Rubin, welches das sichtbare Licht benutzt, wird das SKAO (Square Kilometre Array Observatory) im Radiowellenbereich forschen. Sogenannte Radioteleskope machen sich einen Effekt zunutze, bei dem viele große Radarschüsseln zu einem Gesamtteleskop kombiniert werden können. Bekannt sind diese unter anderem aus Filmen wie Contact von 1997(öffnet im neuen Fenster), der auf dem gleichnamigen Roman von Carl Sagan(öffnet im neuen Fenster) aus dem Jahr 1985 beruht.

Der inzwischen verstorbene Autor war selbst Astronom und Astrophysiker, und begeisterte mit der populären Fernsehserie Cosmos: A Personal Voyage(öffnet im neuen Fenster) (deutscher Titel: Kosmos) in den frühen 1980er Jahren eine ganze Generation junger Menschen. Von denen sind manche inzwischen selbst in der Astronomie tätig und liefern Beiträge zu den heutigen Großprojekten. Entsprechend ist es üblich, die Namen solcher wichtiger Personen in den Bezeichnungen von Projekten zu verewigen.

Ganz nah an der Forschung

Das Vera-C.-Rubin-Teleskop ist nach der am 25. Dezember 2016 verstorbenen Astronomin Vera Florcence Cooper Rubin(öffnet im neuen Fenster) benannt, die Pionierarbeit bei der Beobachtung der Galaxy Rotation geleistet hat. Die hier beobachteten Effekte waren unter anderem für die Theorie zur dunklen Materie entscheidend.

Das Teleskop trug nicht von Beginn an den Namen von Rubin. Es wurde zunächst als Large Synoptic Survey Telescope (LSST) geführt. Dieser ursprüngliche Name taucht auch weiterhin an vielen Stellen auf.

Wenn das Teleskop nun schrittweise den Regelbetrieb aufnimmt, wird es zwar bis zum Jahr 2028 dauern, bis die umfangreichen Rohdaten für die Allgemeinheit publiziert werden, aber für Laien und Amateure sind diese ohnehin kaum hilfreich. Einzelne Ergebnisse und aufbereitete Datenpakete wird es aber schon 2026 geben und aktuell werden Ergebnisse aus den Testläufen auf der offiziellen Website(öffnet im neuen Fenster) zur Verfügung gestellt.

Es gibt eine Simulation der neu entdeckten Asteroiden(öffnet im neuen Fenster) sowie einen Skyviewer(öffnet im neuen Fenster), in dem man im Sichtbereich des Teleskops auf Entdeckungsreise gehen kann. Es gibt technische Eckdaten zum Teleskop(öffnet im neuen Fenster), Einblicke in die Datenverarbeitungspipeline(öffnet im neuen Fenster), Erläuterungen zu den geplanten Datenprodukten(öffnet im neuen Fenster) sowie ein Forum(öffnet im neuen Fenster) zum LSST(öffnet im neuen Fenster).

Als Amateur mitmachen

Wer sich sofort impulsiv an die Alarme von Vera C. Rubin anhängen und als Amateurastronom an den derzeitigen Ereignissen teilhaben möchte, findet hier(öffnet im neuen Fenster) viele Informationen und Links. Unterschieden werden muss zwischen den Rohalarmen und den aufbereiteten Alarmen von sogenannten Brokern, die auf Basis der Rohalarme eine Bewertung, Filterung, Analyse und Kategorisierung vornehmen.

Verschiedene Teams und Institutionen betreiben Broker, die sich nach unterschiedlichen Strategien in die Pipelines einklinken und Daten auswerten können. Zwei Beispiele sind Alerce(öffnet im neuen Fenster) und Fink(öffnet im neuen Fenster). Es sollen ausdrücklich auch Citizen-Science-Projekte ermöglicht werden (PDF)(öffnet im neuen Fenster), also Amateur-Projekte.

Technisch kommen in vielen Bereichen Python-APIs und Kafka Messaging Server(öffnet im neuen Fenster) zum Einsatz. Ziel ist es, einen möglichst einfachen Zugriff zu ermöglichen.

Wir stehen am Beginn einer goldenen Ära der Astronomie. Die Anzahl neuer Erkenntnisse dürfte sich in den nächsten Jahren deutlich erhöhen. Auch Laien und Amateure können immer dichter an die Forschung heranrücken und an den Big-Data-Ansätzen der Astronomie partizipieren.

Dass der Betriebsbeginn vieler Projekte genau mit dem KI-Boom zusammentrifft, könnte ein Glücksfall sein und den Erkenntnisgewinn nochmals beschleunigen.


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