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USA: Die falsche Toleranz im Silicon Valley muss endlich aufhören

Github wirft einen Juden raus, der vor Nazis warnt, weil das den Betrieb stört. Das ist moralisch verkommen - wie üblich im Silicon Valley .
/ Sebastian Grüner
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Besser Nazis ausgrenzen, als die, die auf Nazis hinweisen. (Bild: Pixabay)
Besser Nazis ausgrenzen, als die, die auf Nazis hinweisen. Bild: Pixabay

Die von weißen(öffnet im neuen Fenster) Entwicklern dominierte Bro-Kultur im Silicon Valley hat in der Vergangenheit immer wieder gefährliche Probleme verursacht, etwa bei der Gesichtserkennung . Aber auch in den Firmen selbst führt sie immer wieder zu Spannungen. Github hat nun offenbar einen Juden entlassen, der am Tag des Sturms auf das Kapitol seine Kollegen vor "Nazis" gewarnt hatte, weil das im Unternehmen zu große Diskussionen entfacht hatte, wie Business Insider berichtet(öffnet im neuen Fenster) . Dieser moralische Absturz ist eigentlich nur noch durch eine direkte Zusammenarbeit mit Rechtsextremisten zu überbieten, für das Silicon Valley aber leider nicht unüblich.

Dass das Unternehmen Github - und vor allem seine Geschäftsführung - nur wenig moralische Integrität hat, ist nichts Neues. So arbeitet der Code-Hoster etwa weiter mit der US-Einwanderungspolizei ICE zusammen . Die von ICE betriebenen Lager werden unter anderem von dem im Zweiten Weltkrieg in einem Lager für japanische Amerikaner internierten George Takei(öffnet im neuen Fenster) als "Konzentrationslager" bezeichnet. Diese Geschäfte macht Github offenbar für eine Ausnahmegenehmigung der US-Regierung, um seine Dienste im Iran verkaufen zu können - einem terroristischen Gottesstaat, der grundlegende Menschenrechte nicht akzeptiert.

Auch wenn deshalb bereits einige Github-Angestellte gekündigt haben, galt die Belegschaft des Code-Hosters doch bisher als positives Beispiel für Offenheit und Aufgeschlossenheit. So bemüht sich Github seit Jahren um eine hohe Diversität in seiner Belegschaft und unterstützt dafür zahlreiche interne Initiativen(öffnet im neuen Fenster) .

Diskussion spaltet Github-Belegschaft

Doch davon hat sich das Unternehmen nun endgültig verabschiedet. Laut dem Bericht schrieb der gekündigte Angestellte, der anonym bleiben möchte: "Passt auf euch auf, Freunde. Die Nazis sind da." Noch am Tag dieser Warnung soll der Angestellte von der Personalabteilung dafür gerügt und zwei Tage darauf entlassen worden sein. Github dementiert diese Vorgänge nicht grundsätzlich.

Ursache für den Rausschmiss war dem Bericht zufolge offenbar, dass die Warnung vor Nazis in dem internen Chat des Unternehmens von einem anderen Angestellten als "spaltende Rhetorik" kritisiert wurde. Das wiederum führte wohl zu einer großen internen Diskussion bei Github, die die Belegschaft spaltete und damit zu einem entsprechend schlechten Betriebsklima führte. Es gibt kaum Zweifel daran, dass dies wirklich so passiert sein könnte. Immerhin betont die Unternehmensführung weiter, dass Github Wert lege auf einen "respektvollen, professionellen Umgang" . Gut möglich also, dass die interne Diskussion schnell eskaliert ist.

Aber wer will schon mit Menschen zusammenarbeiten, die Nazis nicht als Nazis erkennen wollen und diese Bezeichnung als spaltend empfinden? Inzwischen fordern auch mehr als 200 Angestellte in einem internen Brief, dass sich die Unternehmensführung klar zu dem Vorfall positionieren soll.

Keine Toleranz für Rechtsextreme in der IT

Die Bezeichnung "Nazi" ist dabei, wohlgemerkt, definitiv richtig gewählt. Unter den Putschisten waren nicht nur die rassistische Südstaaten-Flagge zu sehen, die Sklaverei verherrlicht, sondern auch Hakenkreuz-Fahnen. Hinzu kommen Symbole auf T-Shirts wie "Auschwitz-Wächter" , "Arbeit macht frei" , oder "6MWE" - das steht für "Sechs Millionen waren nicht genug" und verherrlicht die Shoah. Wer, wenn nicht ein Jude, dessen Familienangehörige von Nazis ermordet worden sind, wie es in dem Bericht heißt, sollte seine Kollegen vor Nazis warnen dürfen?

Das sieht inzwischen auch Github-Chef Nat Friedman so, der aber erst auf massiven Druck der Angestellten nicht nur den Sturm auf das Kapitol verurteilt, sondern auch Antisemitismus, Neonazismus und White Supremacy. Bezeichnend ist jedoch, dass das viel zu spät kam. Dass die Umstände der Kündigung nun "überprüft" werden sollen, reicht nicht aus. Der Skandal ist, dass es überhaupt zu der Kündigung und der internen Diskussion kommen konnte. In der Unternehmenskultur vorher war der Betriebsfrieden ohne Reibungspunkte und ohne klare Haltung offenbar wichtiger.

Das hat nun dazu geführt, dass derjenige, der auf Rechtsextremisten hinweist, mit Konsequenzen bestraft wird. Ein Muster, das sich in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft in den USA wie auch in Deutschland häufig wiederholt. Wirklich überraschend ist das also leider nicht, sondern reiht sich schlicht in eine lange Liste ein. Dazu gehören etwa übliche Verhaltensregeln in IT-Unternehmen des Silicon Valley, die politische und kontroverse Diskussionen möglichst vom Arbeitsplatz fernhalten sollen. Der Github-Konkurrent Gitlab hatte solch ein Diskussionsverbot sogar öffentlich im Unternehmensleitfaden festgelegt.

Maßnahmen müssen früher ansetzen

Nur gibt es eben keinen Mittelweg zwischen Faschismus und Antifaschismus. An den Reaktionen rund um den Sturm auf das Kapitol zeigt sich, dass große IT-Unternehmen im Silicon Valley das nicht verstanden haben. So musste es erst zu einem Putschversuch kommen, damit Twitter endlich Donald Trump blockiert , damit AWS endlich das Hosting von Parler beendet oder damit die Konzerne endlich Wahlkampfspenden für Putschisten und Anti-Demokraten beenden .

Die falsch verstandene Toleranz gegenüber diskriminierenden Ideologien, die die Unternehmen in den vergangenen Jahren an den Tag gelegt haben, hat letztlich nur zu der Aufwiegelung geführt, die ihren vorläufigen Höhepunkt in dem Sturm auf das Kapitol gefunden hat und weiter großes Gefahrenpotenzial hat. Spätestens seit der Formulierung des Toleranz-Paradoxons(öffnet im neuen Fenster) durch Karl Popper, sollte die Welt aber wissen, dass Intoleranz nicht toleriert werden darf.

Das muss endlich auch bei den Verantwortlichen ankommen, so dass diese IT-Projekte wie die Zusammenarbeit mit ICE endlich beenden oder ihre nun an den Tag gelegte PR-Haltung auch intern kommunizieren und für eine Unternehmenskultur sorgen, in der Rassismus, Faschismus und Rechtsextremismus nicht nur kritisiert werden dürfen, sondern auch müssen - und entsprechend gehandelt wird.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)


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