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US-Unfallbehörde: NTSB gibt Tesla und Apple Mitschuld an tödlichem Unfall

Nach einem tödlichen Unfall mit einem Tesla in Kalifornien fordert die zuständige US-Behörde Konsequenzen. So könnte der Einsatz des sogenannten Autopiloten eingeschränkt werden. Smartphones sollen Fahrer nicht mehr ablenken dürfen.
/ Friedhelm Greis
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Der Unfallort auf dem Highway 101 im Silicon Valley (Bild: NTSB)
Der Unfallort auf dem Highway 101 im Silicon Valley Bild: NTSB

Nach der fast zweijährigen Analyse eines tödlichen Unfalls mit einem Tesla im Autopilot-Modus fordert die US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB zahlreiche Konsequenzen. Dabei geht es unter anderem darum, die Ablenkung von Autofahrern durch Smartphones oder andere elektronische Geräte einzudämmen. Hersteller sollen ablenkende Funktionen automatisch deaktivieren, wenn sich ein Fahrzeug bewegt. Darüber hinaus soll überprüft werden, ob Teslas Assistenzsysteme ein übermäßiges Sicherheitsrisiko darstellen. Bei dem Unfall am 23. März 2018 auf dem US-Highway 101 im Silicon Valley war ein Tesla Model X frontal auf einen Betonmauer geprallt, weil der sogenannte Autopilot die Fahrbahnmarkierung nicht erkannte und der Fahrer abgelenkt war.

In einer dreistündigen öffentlichen Anhörung des National Transportation Safety Boards (NTSB) am 25. Februar 2020 kritisierte dessen Vorsitzender Robert Sumwalt scharf das Verhalten von Autofahrern, die sich zu sehr auf die Fähigkeiten der Assistenzsysteme verließen. "Dieser tragische Unfall zeigt deutlich die Einschränkungen der Assistenzsysteme, die den Verbrauchern heute zur Verfügung stehen. Derzeit steht US-Verbrauchern kein Fahrzeug zur Verfügung, das autonom fährt. Punkt", sagte Sumwalt laut Pressemitteilung(öffnet im neuen Fenster).

Im konkreten Fall soll der Fahrer sich zuvor sogar darüber beschwert haben, dass sein Auto an dieser Stelle der Straße nicht mehr die Fahrbahn erkenne und falsch reagiere. "Diese halbautonomen Fahrzeuge können dazu führen, dass Fahrer nachlässig, höchst nachlässig, mit den Systemen umgehen. Und es wird deutlich, dass Smartphones sie manipulieren und so süchtig machen können, dass die Leute sie nicht mehr aus der Hand legen,"sagte Sumwalt laut The Verge(öffnet im neuen Fenster).

Sieben Sicherheitsrisiken ermittelt

Im vorläufigen Abschlussbericht der Untersuchung (PDF)(öffnet im neuen Fenster) werden als wahrscheinliche Unfallursache vier Gründe genannt. An erster Stelle stehen dabei die Einschränkungen des Autopilot-Systems, wodurch das Fahrzeug nicht mehr in der Spur gehalten, sondern gegen eine Mauer gelenkt wurde. Dann folgt die Unaufmerksamkeit des Fahrers, der wahrscheinlich durch eine Spiele-App auf seinem iPhone abgelenkt gewesen sei und sich zu sehr auf den Autopiloten verlassen habe. Die unwirksame Fahrerüberwachung habe ebenfalls zum Unfall beigetragen, da sie die Nachlässigkeit des Fahrers begünstigt habe.

Bei den sieben ermittelten Sicherheitsrisiken wird die Ablenkung des Fahrers an erster Stelle genannt. "Der Fahrer benutzte ein vom Unternehmen bereitgestelltes Telefon, aber sein Arbeitgeber, Apple Inc., hatte keine Richtlinie, die die Verwendung von Mobiltelefonen während der Fahrt verhinderte", heißt es weiter. "Eine strikte Unternehmenspolitik mit strengen Konsequenzen für die Nutzung tragbarer elektronischer Geräte während der Fahrt ist eine wirksame Strategie, um die tödlichen Folgen durch abgelenktes Fahren zu verhindern", schreibt die NTSB.

Autopilot überall aktivierbar

Zudem hätten die Hinweise und Warnungen bei der damals im Model X eingesetzten Fahrerüberwachung nicht ausgereicht, um eine Kollision zu verhindern oder deren Folgen zu verringern. Dem vorläufigen Unfallbericht vom Juni 2018 zufolge wurde der "Autopilot" auf der halbstündigen Fahrt vor dem Unfall viermal aktiviert, zuletzt ununterbrochen in den letzten knapp 19 Minuten vor dem Crash.

In dieser Zeit wurde der Fahrer von der sogenannten Freihanderkennung zweimal optisch und einmal akustisch aufgefordert, die Hand ans Steuer zu legen. Allerdings erfolgte die letzte Warnung 15 Minuten vor dem Crash. In der letzten Minute vor dem Unfall hatte der Fahrer 34 Sekunden lang die Hand am Steuer. Doch in den letzten Sekunden vor der Kollision kontrollierte er offenbar nicht mehr das Verhalten des Fahrzeugs. Inzwischen fordert der "Autopilot" in Europa den Fahrer nach 15 Sekunden dazu auf, die Hand wieder ans Lenkrad zu legen. Allerdings hält die NTSB die Messung der Lenkradaktivität für ungeeignet, um die Aufmerksamkeit des Fahrers tatsächlich zu erkennen. Stattdessen sollten andere Verfahren entwickelt werden.

Ebenfalls wird bemängelt, dass sich der "Autopilot" auch in solchen Situationen aktivieren lasse, die eigentlich nicht dafür vorgesehen seien. Anders als beispielsweise beim BMW i3, dessen Stauassistent sich aus Sicherheitsgründen nur auf der Autobahn und autobahnähnlichen Straßen aktivieren lässt, gibt es für Teslas Autopilot-Funktion keine entsprechenden Einschränkungen, solange das System überhaupt die Fahrbahnmarkierungen erkennt. Die NTSB kritisiert in diesem Zusammenhang, dass die US-Bundesbehörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit (NHTSA) noch kein Verfahren entwickelt habe, um die Sicherheitsvorkehrungen von Herstellern beim Einsatz teilautomatisierter Assistenzsysteme überprüfen zu können.

Notbremsassistent nicht zuverlässig

Ein Sicherheitsproblem besteht nach Ansicht der Unfallbehörde auch darin, dass der Notbremsassistent des Model X die Betonmauer nicht erkannte. Daher beschleunigte das Auto in den Sekunden vor dem Unfall sogar noch auf die zuvor eingestellte Höchstgeschwindigkeit, anstatt eine Notbremsung einzuleiten. "Damit teilautomatisierte Systeme sicher in einer Umgebung mit hohen Geschwindigkeiten eingesetzt werden können, müssen die Systeme zur Vermeidung von Kollisionen in der Lage sein, potenzielle Gefahren wirksam zu erkennen und Fahrer davor zu warnen", heißt es in dem Bericht.

Anders als andere Autohersteller verzichtet Tesla beim automatisierten und autonomen Fahren auf den Einsatz von Laserscannern zur Umfelderkennung. Stattdessen setzt Firmenchef Elon Musk auf zahlreiche Kameras sowie Radar und Ultraschallsensoren. Der Vorteil eines Laserscanners: Anders als bei Kameras ist keine Bilderkennung erforderlich, um ein Objekt in einer bestimmten Entfernung detektieren zu können. Auch wenn das System ein Objekt nicht erkennen und klassifizieren kann, weiß es dennoch, dass sich offenbar ein Gegenstand auf dem geplanten Fahrweg befindet, dem ausgewichen werden muss.

Kritik an Untätigkeit von Behörden

Nach Angaben von The Verge(öffnet im neuen Fenster) wiesen Unfallermittler in der Anhörung vom Dienstag darauf hin, dass kamerabasierte Systeme dabei an ihre Grenzen stoßen könnten. Laut US-Medienberichten hat die NHTSA bereits 14 Untersuchungen von Unfällen gestartet, bei denen die Nutzung des sogenannten Autopiloten oder anderer Assistenzsysteme eine Rolle gespielt haben könnte. Zuletzt fuhr Ende 2019 ein Model 3 im US-Bundesstaat Indiana gegen ein geparktes Feuerwehrauto. In mehreren Fällen kam es zu tödlichen Unfällen, weil Tesla-Fahrzeuge einen querenden Lkw nicht erkannten.

Nach Ansicht der NTSB stellt die Tatsache, dass das US-Verkehrsministerium und die NHTSA den Bereich der Assistenzsysteme bislang nicht regulieren, ebenfalls ein Sicherheitsproblem dar. Das betrifft laut der Behörde auch die bislang fehlenden Vorgaben für eine Black Box, die Fahrzeugdaten aufzeichnet. Zu guter Letzt mahnt die NTSB die zeitnahe Reparatur von Sicherheitseinrichtungen auf den US-Highways an. So war an der Unfallstelle ein beschädigter Anpralldämpfer nach einem vorangegangen Unfall nicht wieder repariert worden. Bei einem reparierten Anpralldämpfer hätte der Fahrer den Unfall vermutlich überlebt.

Automatische Deaktivierung beim Autofahren

Neben einigen sinnvollen Forderungen zur Verkehrssicherheit, was den Einsatz teilautomatisierter Systeme betrifft, verlangt die NTSB von den Smartphone-Herstellern eine "automatische Deaktivierung aller Funkionen, die einen Fahrer ablenken können, wenn sich ein Fahrzeug bewegt". Das Gerät solle dann lediglich in Notfällen genutzt werden können. Hersteller wie Apple, Google, HTC, Lenovo, LG, Motorola, Nokia, Samsung und Sony sollen demnach diese Mechanismus auf allen neuen Geräten standardmäßig installieren und bei bereits ausgelieferten Geräten nachrüsten.

Wie die Geräte unterscheiden sollen, ob sie vom Fahrer oder Beifahrer verwendet werden oder der Nutzer gerade in einem Bus sitzt, ist jedoch unklar. Zudem verfügen iPhones bereits über die Option Beim Fahren nicht stören(öffnet im neuen Fenster). Ist sie aktiv, werden Textnachrichten und Mitteilungen stummgeschaltet oder nur stark eingeschränkt empfangen. Vom iPhone-Hersteller Apple wird zudem gefordert, seinen Angestellten und freien Mitarbeitern zu verbieten, elektronische Geräte außer in Notfällen beim Fahren einzusetzen.

Tesla antwortet seit 881 Tagen nicht

Das Problem der NTSB: Die Behörde kann nicht selbst Maßnahmen durchsetzen, sondern lediglich Empfehlungen erteilen. In diesem Zusammenhang kritisiert NTSB-Präsident Sumwalt, dass Tesla bis heute nicht auf Empfehlungen reagiert habe, die die Behörde schon im Jahr 2017 zur Nutzung von Fahrassistenzsystemen herausgegeben habe. Während fünf andere Hersteller innerhalb der gesetzten Frist von 90 Tagen reagiert hätten (PDF(öffnet im neuen Fenster)), sei von Tesla bis heute keine Antwort auf das Schreiben gekommen. "Es ist schon 881 Tage her, dass diese Empfehlungen an Tesla geschickt wurden, und wir haben nichts gehört", sagte Sumwalt nach Angaben von The Verge(öffnet im neuen Fenster).

Der ausführliche Abschlussbericht der Untersuchung soll in einigen Wochen veröffentlicht werden.


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