Urwahn Waldwiesel im Test: Ein Gravelbike gegen den inneren Schweinehund
Die erste Reaktion auf das Gravelbike von Urwahn fällt stets gleich aus: Da fehlt doch was. Wobei nicht immer das Sitzrohr gemeint ist. Kundige Beobachter finden es deutlich erstaunlicher, dass keine sichtaren Schweißnähte am Metallrahmen vorhanden sind.
Damit wäre das Alleinstellungsmerkmal von Urwahn bereits vorgestellt. Der Rahmen aus Stahl wird in Magdeburg in einem 3D-Druckverfahren hergestellt. Nur die Rohre werden vorgefertigt und an den Verbindungsstellen ist der Rahmen auch weiterhin geschweißt.
Das Ergebnis nennt sich Fairframe(öffnet im neuen Fenster) , auf dessen lokale Wertschöpfung der Hersteller Urwahn viel Wert legt. Die unkonventionelle Fertigung ermöglicht die ungewöhnliche Rahmenform. Die soll allerdings nicht nur auffallen, sondern lässt den Rahmen als Ganzes Stöße abfedern, was ziemlich gut funktioniert. Das zeigte sich im Ansatz schon beim Test des Urwahn Platzhirsch .
Technik aus dem Premiumregal
Passend ausgewählt zeigt sich die Antriebstechnik. Tretlager und Hinterradnabe sind mit einem Riemen verbunden. Geschaltet wird im Tretlager mit einem Getriebe von Pinion namens Smart Shift C1.12i(öffnet im neuen Fenster) .

Die Gangwechsel erfolgen elektrisch und halbautomatisch. Das heißt, dass die Schaltung nach dem Anhalten für das neuerliche Anfahren in einen niedrigen Gang wechselt. Zudem kann man dem System beibringen, die Gänge annähernd automatisch zu wechseln, je nach aufgewendeter Kraft und gefahrener Geschwindigkeit.
Beim Schalten selbst gibt es im Grunde nichts zu beachten. Ob mit oder ohne Last, am Berg oder bei freier Fahrt: die Gänge wechseln nahtlos, stets mit einem feinen elektronischen Surren. Lediglich bei höheren Geschwindigkeiten könnte die ganz große Übersetzung vermisst werden. Man gerät dann etwas zu schnell ins Strampeln.
Motor im Kleinformat
Elektrisch unterstützen soll das kleinste System von Mahle namens X20. Das bietet mit 65 Nm eigentlich immer genug Extraschwung. Zusammen mit dem kleinen Akku mit lediglich 236 Wh wiegt es weniger als 3 kg.
So bleibt auch das Waldwiesel bei nur 15 kg Gesamtgewicht, bei 120 kg Maximalbelastung. Das ginge sicher noch leichter, aber für ein robustes Elektrorad mit Stahlrahmen ist auch dieser Wert ganz respektabel.
Trotz der sehr begrenzten Kapazität des Akkus, der sich fest verbaut im Unterrohr befindet, werden bis zu 100 km Reichweite angegeben. 50 km sollen es mindestens sein. Unsere Testfahrten bestätigen die goldene Mitte. Trotz welligen Profils und häufig höchster Motorleistung werden stets um die 70 km Gesamtreichweite prognostiziert.
Urwahn Waldwiesel: Zubehör und App
Wer möchte, kann sogar einen Zusatzakku mitbestellen, der noch einmal knapp 50 km mehr Reichweite bringt und wie eine Trinkflasche befestigt wird, bei ähnlichem Gewicht. Die 550 Euro dafür kann man sich aber eigentlich sparen.
Das Waldwiesel lässt sich auch ohne Unterstützung gut fahren. Zudem ist das Ladegerät nicht viel größer oder schwerer als ein Zusatzakku und hat im Test in einer Stunde mehr als die halbe Kapazität wiederhergestellt. Eine längere Pause, Lademöglichkeit vorausgesetzt, hat also den gleichen Effekt wie ein Zusatzakku.
Minimale Ausstattung genügt
Die weitere Ausstattung ist optional. Grundlegend finden sich nur noch eine ausführliche, recht umfangreiche und gut bebilderte Beschreibung für die erste Inbetriebnahme inklusive Einführung in die App, ein Päckchen Kaffee und ein Stoffbeutel im Lieferumfang.
Pedale und Schutzbleche lagen bei unserem Exemplar dennoch bei. Allerdings dürften die Pedale sportlichen Ambitionen nur ansatzweise genügen, weshalb sie direkt Klickpedalen weichen mussten. Vom Einbau der metallenen Schutzbleche würden wir an einem sportlichen Rad zudem absehen, da sie das Verletzungsrisiko bei Stürzen erhöhen können.
Sofort startklar
Lob gibt es für die schnelle Inbetriebnahme. Das Rad kommt komplett montiert an, allerdings in einem wirklich gigantischen Karton, den man trotz des moderaten Gewichts lieber zu zweit bewegt. Dann klappt es auch mit dem Herausziehen des Waldwiesels besser, an dem nur noch der Lenker in die richtige Position und den idealen Neigungswinkel gedreht werden muss.
Ist die zugehörige App – Urwahn setzt hier auf die Software von Mahle(öffnet im neuen Fenster) – bereits installiert, ist das Rad nach dem Einschalten fast augenblicklich verknüpft. Das Vorschaubild, auf dem lediglich der Rahmen abgebildet ist, ist allerdings Geschmackssache.
Die App ermöglicht ein präzises Eingreifen in die Motorsteuerung sowie Anpassungen an der elektronischen Schaltung und bietet eine Routenaufzeichnung. Letztere wirkt sehr durchdacht und ist angefüllt mit Zusatzinformationen vom vorherrschenden Wetter bis zur genutzten Akkukapazität.
Im Aufbau erinnert das an die Übersicht bei Strava. Das verwundert nicht, denn die App lässt sich direkt verknüpfen. Der Datenaustausch hat bei uns gut funktioniert und dann steht, zumindest bei einem bezahlten Abonnement, auch eine Navigation zur Verfügung.
Sparsame Steuerung
Schon bei der allerersten Probefahrt gewöhnen wir uns an die Steuerung, denn diese besteht aus einem einzigen Knopf auf dem Oberrohr. Ein Balken aus farbigen LEDs wechselt die Farbe von Weiß über Grün und Orange bis Lila je nach Unterstützunggrad. Wird er kürzer, ist die Akkukapazität gesunken.
Das integrierte Licht, vorn als separater Scheinwerfer, hinten in der Sattelstange verbaut, nutzt einen Helligkeitssensor. Es ist für den Straßenverkehr zugelassen und genügt für Nachtfahrten. Auf komplett unbeleuchteten Passagen würden wir aber eine leistungsstärkere Lichtquelle bevorzugen.
Ansonsten gibt es die gewohnten Hebel für die hydraulischen Scheibenbremsen sowie die beiden Taster für die elektronische Schaltung, die in der App auf Wunsch umgekehrt belegt werden können.
Im Gelände gibt es Nachteile
Das Waldwiesel zeigt sich auf den Ausfahrten als gut voreingestelltes Gravelbike. Man sitzt etwas aufrechter als auf dem Rennrad und gewinnt dadurch Kontrolle beim Fahren sowie Komfort beim Sitzen.
Auf flachen Passagen und sanften Abfahrten muss man sich aber nicht verstecken. Selbst mit mäßiger Fitness sind 30 km/h leicht zu überschreiten, vor allem aber spielt die Motorunterstützung auf flachen Terrain kaum eine Rolle. Die Reichweitenangabe nimmt dann in der App kontinuierlich zu, während die Kapazitätsangabe unverändert bleibt.
Dynamischer Modus treibt an
Bereits auf dem ersten gemeineren Anstieg, in unserem Fall eine 1 km lange Strecke mit teilweise 15 Prozent Steigung, zaubert die eingreifende Unterstützung ein Lächeln ins Gesicht. Das liegt nicht nur am zusätzlichen Schub, der bergauf für ungeahnte Durchschnittsgeschwindigkeiten sorgt, sondern auch an der Art, wie der Motor eingreift.
Die Unterstützung wird als dynamisch beschrieben und unterstreicht die sportlichen Ambitionen des Waldwiesels. Hier wird nicht einfach zusätzliche Kraft auf die Pedale gegeben, sondern es erfolgt eine Anpassung entsprechend der Trittfrequenz und des Geschwindigkeitsprofils. Das soll das Eingreifen des Motors besser an das Fahrverhalten anpassen.
Das gelingt sehr gut, meistens jedenfalls. Praktisch bedeutet es, dass man mit Schwung in den Berg fährt und erst einmal viel eigene Kraft aufwenden muss. Gefühlt setzt die Unterstützung genau dann ein, wenn die Beine gerade schwerer werden.
Motor hilft beim selber Radeln
Der Motor bleibt zudem über den Scheitelpunkt des Anstieg noch aktiv, so dass man schwungvoll weitergetragen wird. Dieses Verhalten sorgt dafür, dass man mehr eigene Kraft einsetzt, als vielleicht nötig wäre.
Im Gelände dagegen führt genau diese Motorsteuerung dazu, dass leichtes Treten bergab das Rad zusätzlich beschleunigt. Auf schwierigem Untergrund oder in unübersichtlichen Situation kann das durchaus gefährlich werden. Es empfiehlt sich, dann die niedrigste Stufe zu wählen.
Mischung gelungen
Ansonsten zeigt sich das Gravelbike fürs Gelände bestens aufgestellt. Das liegt an den gutmütigen Reifen, die mit den Continental Terra Trail sinnvoll gewählt sind. Sie bieten ausreichend Grip und bremsen auf der Straße kaum.
Allerdings sollte man dringend etwas Luft entlassen, weil sie bei Anlieferung mit stolzen 4 bar gefüllt waren. Mehr als 2,5 sollten es für Strecken mit Schotter, Steinen und Wurzeln lieber nicht sein. Auf solchem Untergrund war im Test zudem der Unterschied zu einem klassischen Aluminiumrahmen deutlich zu spüren.
Rahmen hält sein Versprechen
Die ungewöhnliche Form des Stahlrahmens kann wesentlich mehr Stöße aufnehmen und abfedern als gewohnt. Eine zusätzliche Federung scheint damit keine wesentliche Verbesserung zu bringen, vom Komfort einmal abgesehen.
Auch das noch moderate Gewicht von 15 kg spielt beim Steuern und nicht zuletzt beim Tragen über Stämme, Bachläufe oder Treppen eine entscheidende Rolle. Einzig bei zu steilen Abfahrten auf rutschigem Grund wären ein paar Kilogramm weniger sicher von Vorteil. Abgesehen davon steht das Waldwiesel einem Rad ohne Motor in nichts nach.
Elektronische Schaltung, integrierte Lichtanlage und der Extraschub am Berg kommen noch hinzu. Aber wer braucht das, noch dazu an einem Sportgerät, das Kondition und Koordination fördern soll?
Urwahn Waldwiesel: Verfügbarkeit und Fazit
Es ist in erster Linie der innere Schweinehund, der sich mit dem elektrischen Gravelbike besiegen lässt. Selbst mit der leichtesten Unterstützung überredet man sich schneller zu einer längeren Runde, auch bei weniger idealem Wetter.
Zudem lässt sich die eingebaute Kraftreserve gut aufheben, um auf dem Rückweg und zwischendurch Anstiege mit etwas mehr Lockerheit zu nehmen. Dass dabei sportliche Ambitionen nicht auf der Strecke bleiben, liegt zum einen an der Motorsteuerung, die zum Reintreten animiert. Zum anderen kommt der Motor auf ebener Strecke nur selten in die Verlegenheit, aushelfen zu müssen.
Im Gelände müssen keine Defizite befürchtet werden. Das leicht erhöhte Gewicht spielt kaum eine Rolle. Gleichzeitig überzeugt der Stahlrohrrahmen mit seinen federnden Eigenschaften komplett.
Premium spürt und zahlt man
Dafür zahlt man natürlich. Vom kompakten, leichten Antrieb über die elektronische Tretlagerschaltung und den Riemenantrieb bis zum gedruckten Stahlrahmen bekommt man gehobene Technik, deren Einstiegspreis ohne jegliche Extras bei 5.500 Euro liegt. Mit Licht, Schutzblechen, farbiger Rahmengestaltung und Diebstahlschutz sind 6.000 Euro schnell erreicht.

Aber klar, dafür gibt es ein mindestens aufsehenerregendes Gravelbike mit überzeugend abgestimmtem Antriebssystem. An die Gangwechsel auf Knopfdruck kann man sich ebenso problemlos gewöhnen wie an die 65 zusätzlichen Nm, die auch den steilsten Anstieg wesentlich flacher wirken lassen.
Die angegebene Reichweite zwischen 50 und 100 km ist komplett realistisch. Im flachen Gelände dürfte problemlos noch mehr möglich sein. Auf unseren Testfahrten mit vielen Anstiegen und häufig voller Unterstützung gibt das System stets um die 70 km an.
Im Detail noch Verbesserungspotenzial
Die weitere Ausstattung fällt dagegen ein wenig ab. Bremsen, Räder oder Bereifung sind keinesfalls schlecht, liegen aber allenfalls in der Mittelklasse. Gerade die Räder hätten von Haus aus eine Aufwertung verdient, denn die nachträgliche Umrüstung gestaltet sich wegen des Motors alles andere als unkompliziert. Wer an diesem Punkt selbst schon einmal aufgerüstet hat, weiß, wie viel das beim Fahren ausmachen kann.
Gar nicht glücklich macht uns die Position des Ladeanschlusses. Schon nach kürzester Zeit im Gelände ist er mit einer dicken Schmutzschicht überzogen. Und ohne Sattelrohr fehlt die Komponente, die diesen Schlamm abhalten würde. Die mitgelieferten Schutzbleche wären obendrein zu kurz für einen Effekt.
Allerdings verbauen Urwahn und auch Mahle den Antrieb mit dem Anschluss schon länger, so dass zumindest keine technische Beeinträchtigung zu befürchten sein sollte. Häufiges Reinigen und Pflegen ist bei der einfachen Gummikappe aber angeraten.
Technik überzeugt, außer beim Simpelsten
Die App erfüllt ihren Zweck, ermöglicht übersichtliche Eingriffe in die Motorsteuerung und stellt die genutzte Unterstützung gut dar. Noch besser sieht die Routenübersicht aus, auf der alle wichtigen Informationen zusammenfließen. Mit der Verbindung zu Strava kommen weitere Funktionen hinzu. Zu sparsam erscheint aber die Steuerung am Rad selbst. Ein einzelner Knopf zum Wechseln der Unterstützung und vierfarbige LEDs fallen sehr minimalistisch aus, auch wenn im Grunde nicht mehr nötig ist.
Dennoch wären ein kleines Display und der eine oder andere Zusatzknopf schön gewesen. Für alle weiteren Einstellungen muss deshalb stets das Smartphone in die Hand genommen werden, aber das hat man ja ohnehin immer dabei, hoffentlich geladen.
Am Ende sind es aber nicht mehr als Details, die uns weniger gefallen. Mit dem Waldwiesel bekommt man ein überzeugendes Gravelbike, an dem die ganze Elektronik inklusive kleinem Motor keineswegs fehl am Platz wirkt. Und ins Gespräch kommt man dank des Rahmens auch ganz schnell.
| Motor | Mahle X20 Nabenmotor, 36 V |
| Motordaten | 250 W, 65 Nm, 25 km/h |
| Akku / Ladezeit | 236 Wh / 2,5 h |
| Reichweite laut Hersteller | 50 - 100 km |
| Gemessene Reichweite | 70 km |
| Schaltung | Pinion Tretlagerschaltung C1.12i |
| Antrieb | Riemen |
| Gewicht Fahrrad | 15 kg |
| Größe / Gewicht Fahrer | 164 - 194 cm / 105 kg |
| Material Rahmen | Stahl |
| Bremsen | TRP Hywire, 160 mm Scheibe |
| Felgen | DT Swiss E550, 28 Zoll |
| Bereifung | Continental Terra Trail Protection, 45-622 |
| Lichtanlage | LED, StVO-konform |
| Rahmengrößen | S 52 cm, M 53 cm, L 54 cm |
| Preis | ab 5.700 Euro |
Verkauft werden die Räder im eigenen Onlineshop(öffnet im neuen Fenster) sowie in am Stammsitz in Magdeburg und den beiden Geschäften in Hamburg und Berlin. Wer bei der Auswahl fast alles abwählt, liegt bei etwa 5.500 Euro. Mit ein paar Extras und ausgefallener Rahmenlackierung sind aber auch 7.000 Euro erreichbar.
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