Urban Legends: Schneewittchen und die sieben Hoaxe

Ein entführtes Kind wird ohne Organe tot aufgefunden, die zerstückelten Körper von zwei jungen Frauen werden einige Zeit nach ihrem Verschwinden entdeckt. Ähnliche Geschichten, andere Herkunft: ein Facebook-Hoax vom April 2013(öffnet im neuen Fenster) und ein Märchen der Gebrüder Grimm(öffnet im neuen Fenster) . Keine der Geschichten ist wahr, beide sind unzählige Male weitererzählt worden, geteilt, wie es bei Facebook heißt. Urban Legends, Urbane Legenden oder Hoaxe - sind sie die Märchen von heute?
Psychoanalytiker beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Bedeutung von Märchen(öffnet im neuen Fenster) . Ihre These: In den Geschichten spiegeln sich tiefe menschliche Erfahrungen und Ängste(öffnet im neuen Fenster) .
Das sieht auch Frank Ziemann so, sein Thema sind aber die Hoaxe. Der Berliner nennt sie Geschichten, die mit "einer diffusen, indifferenten Angst spielen" . Seit 15 Jahren ist Ziemann auf der Jagd nach den Urbanen Legenden. Wie die Gebrüder Grimm sammelt er sie und schreibt sie unter hoax-info.de(öffnet im neuen Fenster) auf. Aber nicht zur Unterhaltung, sondern zur Aufklärung.
Der spendable Herrscher und die böse Königin
Wie die Geschichte von Bill Gates(öffnet im neuen Fenster) , der sein Vermögen verschenken will an diejenigen, die eine E-Mail mit dieser Information teilen. Im Jahr 1999 zum ersten Mal als Ketten-Mail verbreitet, wird die Nachricht seitdem immer wieder geteilt - mittlerweile auch auf den sozialen Netzwerken(öffnet im neuen Fenster) .
Im Laufe der Zeit verändern sich laut Ziemann die Inhalte. "Bei der Bill-Gates-Nachricht kamen immer weitere Absätze hinzu. Auch die zu verschenkende Summe wurde immer höher." Die Mail wurde in mehrere Sprachen übersetzt und weiter angepasst. Stille Post im digitalen Zeitalter.
Auch die Gebrüder Grimm mussten ihre Texte umschreiben und sich nach den Bedürfnissen der Leser richten(öffnet im neuen Fenster) . Die böse Königin bei Schneewittchen war in der ersten Fassung des Textes nicht deren Stiefmutter, sondern die leibliche Mutter. Zu brutal für Kinder. Also wurde umgeschrieben.
Der vergiftete Knochen
Andere Nachrichten lassen sich nicht so einfach als Hoax erkennen. Die Geschichte vom vergifteten Hund(öffnet im neuen Fenster) zum Beispiel. Dessen Besitzer hat bei einer bekannten deutschen Ladenkette einen vergifteten Kauknochen gekauft. Der Hund starb. Urbane Legende oder wahr?
Die Website Mimikama.at, die vor Hoaxen warnt, schreibt: "Ob das wirklich passiert ist, kann man nicht sagen, da man nicht mehr nachvollziehen kann, wer der eigentliche Ersteller des Beitrages ist und ob wirklich der Knochen daran schuld ist."
Auch ein Facebook-Post über einen Entführer(öffnet im neuen Fenster) , der in einem nordrhein-westfälischen Kurort angeblich Schulkinder in sein Auto lockt, konnte anfangs nicht gedeutet werden. Bis die Polizei den Beitrag als Hoax enttarnte: "Solche Falschmeldungen [...] machen uns die Arbeit schwer, weil plötzlich jeder dunkle Wagen verdächtig ist und Eltern sowie Kinder unnötig in Panik geraten." Ein Problem für die Ermittler.
Aber ob wahr oder nicht, ist laut Ziemann nicht entscheidend. Wichtig ist, dass die Geschichte so passiert sein könnte. "Solche Geschichten funktionieren nur, wenn sie etwas Plausibles enthalten."
Vorstellbar müssen die Urbanen Legenden also sein. Am besten ein Körnchen Wahrheit enthalten. So wie das bekannteste moderne Märchen von der Vogelspinne in der Yucca-Palme(öffnet im neuen Fenster) , die mit der Pflanze importiert wurde und eine ältere Frau beim Gießen fast zu Tode erschreckte. Immerhin, in Bananenkisten gab es das schon(öffnet im neuen Fenster) . "Viele Nutzer der Facebook-Community sind bereits so sehr verunsichert, dass sie mittlerweile nicht mehr unterscheiden können, was echt und was ein Fake ist" , schreibt Mimikama.
Kennzeichnend bei Hoaxen ist laut Ziemann die Erzählweise: Es gebe immer einen angeblichen persönlichen Bezug, der Ersteller der Statusmeldung ist selten selbst betroffen. "Hoaxe werden immer aus der Sicht von dritten Personen geschildert." Ein Bekannter einer Bekannten kennt jemanden, dem Folgendes passiert ist.
Die tödliche Grillparty
So wie bei Ingrid, die beim Grillen einen Schlaganfall erlitt und später starb(öffnet im neuen Fenster) , weil niemand die Schlaganfallsignale beachtet hatte. Die Meldung ist nicht aus Sicht der Angehörigen geschrieben, sondern aus der einer dritten, unbeteiligten Person.
Die Meldung endet übrigens mit Hinweisen, wie jeder medizinische Laie einen Schlaganfall erkennen kann. Erste-Hilfe-Kurs mit Facebook? Besser gleich den Notarzt anrufen. Bei einem Schlaganfall ist Zeit Hirn, wie Ärzte sagen. Ziemann hat die Meldung mit in seine Hoax-Liste aufgenommen, weil der Nutzer nicht erkennen kann, welche medizinischen Tipps darin richtig sind.
Der Spion im Wohnzimmer
Der skurrilste Eintrag in Ziemanns Hoax-Liste: Im Jahr 2001 verteilten Fernsehsender eine Scheibe aus lichtempfindlichem Material, die bei entsprechenden Sendungen auf den Fernsehbildschirm geklebt werden konnte. Das Material wurde belichtet und der Besitzer konnte an einem Gewinnspiel teilnehmen. Der belichtete Sticker galt als Beweis, dass die Sendung geschaut wurde.
In einer Hoax-Meldung(öffnet im neuen Fenster) hieß es, im Dotwin sei ein "CC128-A4 Controller" verbaut, der einen 128 Kilobyte Speicher besitzt. Die Membran des Stickers sei "an drei Stellen mit einem DA-Wandler verbunden" . Dieser sollte angeblich Stimmenprofile speichern und an die GEZ übermitteln können, um Schwarzseher ausfindig zu machen.
Ziemann besorgte sich einen Sticker und nahm ihn auseinander. Das Ergebnis: Der Dotwin bestand aus einem Stück Pappe mit Löchern, Schutzfolie und einem lichtempfindlichen Material. Die Meldung war erfunden. Einige Menschen hatte sie trotzdem in Angst und Schrecken versetzt.
So wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Ursprünglich waren diese nicht für Kinder, sondern für Erwachsene geschrieben. Ein Berliner Psychologe ist der Meinung: Märchenwelten sind wie Fantasiereisen(öffnet im neuen Fenster) (PDF) und ein Katalysator für die seelische Entwicklung eines Menschen. Vielleicht sind Hoaxe tatsächlich die Märchen des digitalen Zeitalters. Und das Netz ist der Psychotherapeut.



