Peter Vesterbacka – von wütenden Vögeln zu Bildungscamps und einem Meerestunnel
Den berühmten roten Kapuzenpulli mit dem Logo des von ihm mitentwickelten Erfolgsgames Angry Bird trägt Peter Vesterbacka immer noch – was vor allem daran liegen dürfte, dass er mittlerweile sein Markenzeichen geworden ist. Im Juni 2016 hatte der heute 57-Jährige nach zehn Jahren das Spieleunternehmen Rovio Entertainment verlassen, wo sein Jobtitel offiziell "Mighty Eagle" lautete.
Vesterbacka wollte eigene Start-up-Ideen verwirklichen. Das war abzusehen, denn der Finnlandschwede gründete bereits 2008 in Helsinki eine Start-up- und Technologie-Konferenz namens Slush mit, die vom lokalen Treffen von jungen Unternehmern und Investoren zum internationalen Mega-Event mit Ablegern in unter anderem Japan, China und Deutschland wurde.
Seither sind es vor allem zwei Ideen, die Vesterbacka antreibt – beide werden in Finnland allerdings kritisch gesehen. Während Vesterbackas Vorstellungen von einem modernen Bildungssystem, in dem Spaß und Technik eine zentrale Rolle spielen sollten, um Kinder zum Lernen zu motivieren, durchaus einen Nerv treffen, sind seine Folgerungen daraus aber umstritten.
In einem Interview mit Radio Suomen erklärte Vesterbacka im November 2014, dass Finnlands Ruf als vorbildliches Bildungsland wirtschaftliche Chancen eröffnen könnte. Bildung sei schließlich nach "Lebensmitteln der zweitgrößte Markt der Welt" , entsprechende Konzepte könnten zu Exportschlagern werden(öffnet im neuen Fenster) .
Finnland als "Silicon Valley der Bildung" , wie er es einmal nannte, hat in der Tat ein in Teilen bemerkenswertes Schulsystem. In den Vor- und Einheitsschulen herrscht Lernmittelfreiheit, das heißt, die benötigten Schulbücher werden kostenlos abgegeben. Außerdem müssen das tägliche Mittagessen sowie weitere benötigte Unterrichtsmaterialien nicht bezahlt werden.
Erst ab der 5. Klasse werden Leistungen benotet, ab der neunten müssen Lehrer zusätzlich schriftliche Beurteilungen abgeben. Als nach der ersten Pisa-Erhebung im Jahr 2000 Finnland weltweit als Bildungswunderland bestaunt wurde, wurde kaum beachtet, dass die Ergebnisse nicht durchgängig spitze waren.
Lern-App zum Urknall
Mädchen waren Jungen beispielsweise im Fach Lesen um fast ein ganzes Schuljahr voraus, was unter anderem auch daran lag, dass Jungs Schule langweilig und unwichtig fanden. Kritiker bemängelten außerdem, dass das Konzept, niemanden zurückzulassen, dazu führte, dass besonders begabte Kinder und Jugendliche kaum individuelle Förderung erlebten. Außerdem waren die Schüler Umfragen zufolge unzufrieden mit den Schulen, die als düstere, spaßlose und autoritäre Orte erlebt wurden.
Vesterbackas Idee, das Lernen zu revolutionieren, erschöpfte sich zunächst allerdings nur in der Entwicklung einer allerdings hochgelobten Lern-App zum Thema Urknall und Elemente mit spielerischem Ansatz. Zahlreiche Prominente, darunter auch Vesterbacka, sprachen die im Game vorkommenden Charaktere, entsprechend groß waren die Erwartungen in Finnland an das mit großem Marketingaufwand gestartete Spiel.
Aus den großen Plänen, wie bei den Angry Birds zahlreiche Begleitprodukte auf den Markt zu bringen, wurde jedoch nichts. Rund ein Jahr nach der Veröffentlichung wurde die weitere Entwicklung von Big Bang Legends wegen Qualitätsmängeln eingestellt.
Kritik an Anwerbe-Initiative
Vesterbacka gründete 2020 dann das Unternehmen Finest Future, das es sich zum Ziel setzte, den Fachkräftemangel in Finnland durch die gezielte Anwerbung junger Menschen zu mildern, die in Finnland zur Schule gehen und anschließend ein Studium oder eine Ausbildung beginnen sollten.
Dafür wurde gezielt in Vietnam, China und diversen anderen Ländern junge Menschen geworben, die zunächst daheim ein Jahr lang Finnisch lernen sollen. Bildungsexperten kritisierten die Idee von Anfang an. Die finnischen Steuerzahler müssten praktisch die Kosten für die Ausbildung der Kunden von Finest Future übernehmen, während das Unternehmen gut an unter anderem Sprachlernkursen verdiene.
Umgerechnet rund 14.000 Euro kosten die Onlinekurse beispielsweise jährlich, Präsenzkurse in den Heimatländern der Schule sind dagegen mit fast 3.500 Euro weit teurer. Außerdem sind die Schüler und Schülerinnen erst 16 Jahre alt, wenn sie im Erfolgsfall nach Finnland übersiedeln, wo sie allein und ohne Betreuung in Wohnheimen, als WGs in kommunalen Wohnungen oder seltener in Gastfamilien untergebracht sind.