Programmierer werden wertvoller als Rechenzeit

Dabei ist beachtenswert, dass Thompson und Ritchie mit ihrer Entscheidung, Unix nicht in Assembler zu schreiben, ein neues Paradigma schufen. Zuvor galt es als ausgemacht, dass Rechenzeit wertvoller war als die Arbeitszeit von Entwicklern. Wenn also Programmierer monatelang über kryptischer Maschinensprache brüteten, um Bugs zu finden - und dabei einige ihren Verstand verloren, wie das Byte-Magazin in einem Artikel 1983 anmerkte -, war das akzeptabler, als wenn sie teure Ressourcen auf Großrechnern beanspruchten, um in neumodischen Hochsprachen zu coden.

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Thompsons und Ritchies Herangehensweise entspricht dem modernen Ansatz, dass Computer stets schneller und preiswerter werden und im Gegensatz dazu die Kosten für menschliche Arbeit ansteigen. Aber es war nicht nur dieses neue, arbeitserleichternde Paradigma, das Unix ab Mitte der 1970er Jahre besonders für Universitäten weltweit attraktiv machte. Es war auch noch kostenlos.

Bell Labs hatte mit Unix ein sehr fortschrittliches, stabiles Multitasking und mehrbenutzerfähiges Betriebssystem - aber Geld verdienen ließ sich mit dem Projekt von Thompson und Ritchie nicht. Das lag an einem Gerichtsentscheid aus dem Jahr 1956.

Seit dieser Zeit war es Bell Labs' Muttergesellschaft AT&T untersagt, sich in anderen Märkten als Telekommunikation zu betätigen. Softwareverkauf war also für Bell Labs kein Geschäftsmodell. Trotzdem war das Unternehmen verpflichtet, alle Produkte auf Anfrage zu lizenzieren. So konnten Lehreinrichtungen das Betriebssystem inklusive Quellcode für lediglich den Preis der Datenträger erwerben. Das sorgte dafür, dass bereits 1978 über 600 Universitäten und Schulen Unix einsetzten.

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Angeblich kopierte Ken Thompson die Disketten in den Anfangstagen mitunter selbst und signierte sie sogar. Der Nachteil, dass die Anwenderschaft ohne jegliche Herstellerunterstützung auskommen musste, relativierte sich schnell. Überall gründeten sich Unix-Benutzergruppen, die Wissen und Software bereitwillig teilten. Sie bildeten die Basis für den weltweiten Siegeszug des Systems.

  • Eine PDP-11 zählte zu den ersten Zielen für die Portierung von Unix. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
  • Auf einer PDP-7 programmierte Ken Thompson die Anfänge von Unix. (Bild: DEC)
  • Die erste Dokumentation für Unix erschien Anfang der 1970er Jahre. (Bild: AT&T Bell Labs)
  • Der GE 635 Mainframe war ein raumfüllender Koloss - und sehr, sehr teuer. (Bild: General Electrics)
  • Der Quellcode von Space Travel ist erhalten geblieben, aber das Spiel selbst existiert nicht mehr. (Bild: AT&T Bell Labs)
  • Anmerkungen im Quellcode von Unix (Bild: AT&T Bell Labs)
  • Für den Vektorbildschirm mussten Anpassungen im Code vorgenommen werden. (Bild: AT&T Bell Labs)
Anmerkungen im Quellcode von Unix (Bild: AT&T Bell Labs)

Unix verbreitete sich auf Grund seiner Portierbarkeit plattformübergreifend und ließ sich durch die eigene Programmiersprache C verhältnismäßig leicht anpassen. Eine Distribution, die an der kalifornischen Universität Berkeley entwickelt wurde, ist auch heute noch bekannt: BSD.

Ab den 1980er Jahren existierten viele verschiedene unixoide Systeme und lizenzierte Varianten, die nun auch im kommerziellen Bereich zum Einsatz kamen. Zunehmend bestanden nämlich die Absolventen der computerwissenschaftlichen Studiengänge, die an Unix und seine Werkzeuge gewöhnt waren, darauf, es auch im professionellen Arbeitsumfeld einzusetzen.

Um dem Wildwuchs zu begegnen, wurde 1988 der POSIX-Standard verabschiedet, der Unix-Schnittstellen vereinheitlichte. Kritik an der Fragmentierung des Betriebssystems gab es aber auch aus der Nutzerschaft, so entstand die erste Bewegung für freie Software in Reaktion auf die zunehmend proprietäre Entwicklung von Unix.

Unter dem Kürzel GNU - für GNU is not Unix - wurden erste Programme von der Free Software Foundation publiziert, die 1991 auch die Aufmerksamkeit eines finnischen Studenten namens Linus Thorvalds erregten. Sein Projekt, einen eigenen Kernel für ein unixoides Betriebssystem zu schreiben, mündete im derzeit weltweit meistverwendeten freien OS: Linux.

Unix-Urversion wiederbelebt

Ken Thompson und Dennis Ritchie arbeiteten bis in die 2000er Jahre weiter bei Bell Labs, dann verließ Thompson das Unternehmen und Ritchie ging in den Ruhestand. Er verstarb 2011 im Alter von 70 Jahren.

Von den Unix-Ursprüngen lässt sich 50 Jahre später erstaunlich wenig online erleben. Das Spiel Space Travel wurde bislang nicht erfolgreich emuliert, die erste Version des Betriebssystems konnte aber immerhin 2019 auf einer restaurierten PDP-7 zum Laufen gebracht werden.

Dennis Ritchie fasste in einem Vortrag 1979 seine Erinnerungen an die Frühzeit der Entwicklung so zusammen: "Das Tröstliche an alten Erinnerungen ist die Tendenz, dass alles einen rosigen Schimmer bekommt. Die Programmierumgebung der frühen Unix-Versionen erscheint, wie sie hier beschrieben ist, extrem rau und primitiv. (...) Trotzdem kam uns das zu dieser Zeit nicht so vor. Die Erinnerung hält sich an dem fest, was gut war und blieb - und an der Freude, Fortschritte zu machen, die das Leben verbesserten."

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 Von Multics zu Unics zu Unix
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zilti 05. Jul 2020

Von mir auch danke! Unser neues Projekt auf der Arbeit nutzt gerade FreeBSD... ich mag...

Trollversteher 24. Jun 2020

Auch wenn es sicher nur eine Fussnote in der Unix Geschichte war - auch Commodore hat...

43rtgfj5 24. Jun 2020

Kann ich auch nicht bestötigen. Also dass Programmierkenntnisse irgendeine Voraussetzung...

flow77 23. Jun 2020

Was hat der Root mit Cloud-Speicher zu tun? was machst du wenn sich der username ändert...

spamio 23. Jun 2020

The Idea Factory von Jon Gertner. Nettes Buch über Bells Labs, also auch die Entwicklung...



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