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UN-Klimakonferenz startet: Letzter Aufruf für die Weltgemeinschaft

Experten halten das 1,5-Grad-Ziel beim Klimaschutz für nicht verhandelbar. Deutschland droht eine Erwärmung um 4,6 Grad bis 2100.
/ Friedhelm Greis , dpa
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Klimaschutzaktivisten fordern vor der COP26 mehr als nur eine Netto-CO2-Neutralität. (Bild: Yves Herman/Reuters)
Klimaschutzaktivisten fordern vor der COP26 mehr als nur eine Netto-CO2-Neutralität. Bild: Yves Herman/Reuters

Zum Start der UN-Klimakonferenz COP26 in Glasgow appellieren Klimaexperten an die Politik, die menschengemachte Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. "Ein Anstieg um 1,5 Grad ist keine willkürliche Zahl, es ist keine politische Zahl. Es ist eine planetare Grenze" , sagte Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dem Guardian(öffnet im neuen Fenster) . "Jeder Bruchteil eines Grades mehr ist gefährlich" , sagte Rockström. Ein Temperaturanstieg um mehr als 1,5 Grad würde das Risiko irreversibler Klimaänderungen enorm erhöhen, sagte er.

In Glasgow beraten auf Einladung der Vereinten Nationen(öffnet im neuen Fenster) Regierungsvertreter aus rund 200 Staaten zwei Wochen lang, wie die Menschheit die beschleunigte Erderwärmung noch auf ein erträgliches Maß eindämmen kann. Es reisen voraussichtlich etwa 25.000 Menschen an, darunter Tausende Journalisten und Klimaschutzaktivisten.

Nach Einschätzung des Weltklimarats (IPCC) ist der Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen in den vergangenen Jahrzehnten eindeutig auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen. Die Zunahme könnte bis Mitte dieses Jahrhunderts jedoch, verglichen mit der Referenzperiode von 1850 bis 1900, auf einen Bereich zwischen 1,2 und 2,0 Grad begrenzt werden, wenn die CO2-Emissionen stark reduziert und bis 2060 auf null gesenkt würden.

Warnung vor Kipppunkten

Rockström warnte vor irreversiblen Veränderungen, falls das 1,5-Grad-Ziel nicht erreicht würde. So könnte das vollständige Verschwinden des arktischen Sommereises zu Verstärkungseffekten führen, was sogar den Golfstrom gefährde .

In Deutschland könnte bei einer nur moderaten Begrenzung der globalen Erderwärmung der Temperaturanstieg deutlich stärker ausfallen.

Deutschland droht Erwärmung um 4,6 Grad

Das geht aus Modellrechnungen der Nichtregierungsorganisation Berkeley Earth hervor. Diese hat Projektionen für die einzelnen Staaten veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster) . Demnach droht Deutschland eine Erwärmung um 4,6 Grad Celsius bis zum Jahr 2100, falls bis 2050 der CO2-Ausstoß nur stabilisiert und die Klimaneutralität erst zum Jahrhundertende erreicht wird.

Während die globale Durchschnittstemperatur dann um 2,7 Grad höher liegen soll, läge der Anstieg in Deutschland fast zwei Grad darüber. Schon jetzt liegen die Durchschnittstemperaturen in Deutschland 2,3 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Weltweit sind es bislang 1,3 Grad. Der Projektion zufolge stabilisiert sich in Deutschland die Erwärmung auf 3 Grad Celsius, falls der Ausstoß von CO2 schnell gesenkt und die Klimaneutralität schon 2080 erreicht wird.

Ob sich die Weltgemeinschaft in Glasgow tatsächlich auf eine radikale Senkung der CO2-Emissionen einigen kann, ist aber fraglich. Umweltverbände und auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres hatten vorab kritisiert, dass viele Staaten in den zwei Jahren seit der jüngsten UN-Konferenz in Madrid ihre Pläne zum Klimaschutz nicht ausreichend verschärft und den notwendigen raschen Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas verschleppt haben.

Johnson warnt vor Absturz der Zivilisation

Der britische Premierminister Boris Johnson als Gastgeber der Konferenz kritisierte vorab die krassen Defizite im Kampf gegen die Erderwärmung. "Die Menschheit als Ganzes liegt zur Halbzeit 1:5 hinten" , sagte Johnson am Samstag. "Wir haben die Möglichkeit auszugleichen, die Position zu retten, zurückzukommen – aber es wird eine Menge Kraft kosten" , sagte er dem Guardian zufolge(öffnet im neuen Fenster) .

Mit Blick auf die unzureichenden Zusagen der allermeisten Staaten zum Klimaschutz verwies Johnson auf die Geschichte. "Wenn etwas schiefgeht, kann es mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit schief gehen" , sagte er. "Das hat man beim Fall des Römischen Reichs gesehen, und ich fürchte, dass wir auch einen Absturz unserer Zivilisation, unserer Welt sehen könnten, falls wir es nicht schaffen, den Klimawandel zu bekämpfen."

G20-Gipfel ohne konkrete Maßnahmen

Ein eher schwaches Signal dürfte bereits vom Treffen der großen Wirtschaftsmächte (G20) in Rom ausgehen. Im Abschlusskommuniqué des G20-Gipfels sehen sich Staaten weiter den Zielen der Pariser Klimakonferenz von 2015 verpflichtet, die Erderwärmung "deutlich unter zwei Grad zu halten und Bemühungen zu verfolgen, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen" . Unklar blieb hingegen nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa, welche konkreten Maßnahmen die G20-Gruppe ergreifen will, um diese Ziele auch zu erfüllen.

Ein jüngster Entwurf des Kommuniqués, der der dpa vorliegt, hatte ursprünglich angestrebte Zielvorgaben und konkrete Zusagen deutlich verwässert. Es gab darin nicht einmal eine Einigung auf "sofortiges Handeln" , wie es in einem früheren Text noch geheißen hatte. Bei der Kohlendioxidneutralität gab es auch keine Fortschritte. War ursprünglich 2050 als Zieldatum angestrebt worden, war in dem Entwurf allgemeiner von "Mitte des Jahrhunderts" die Rede.

Aktivisten hatten eigentlich auf ein "starkes Signal" der G20 für die Weltklimakonferenz gehofft, die am Sonntag in Glasgow begann. Der Gruppe der Wirtschaftsmächte kommt eine wichtige Rolle zu, weil sie für rund 80 Prozent der globalen Treibhausgase verantwortlich ist.

Klimaexperte Jan Kowalzig von Oxfam zeigte sich von der Erklärung der G20 wenig beeindruckt. Sie sei "kein Fortschritt gegenüber Paris" . Eine Umsetzung des 1,5 Grad-Zieles erfordere auch eine "sofortige Nachbesserung der gerade erst überarbeiteten, aber insgesamt immer noch viel zu schwachen Klimaziele der Länder unter dem Abkommen" .


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