Umbau von Twitter: Wie das System Musk funktioniert
Als im vergangenen Juli die Twitter-Übernahme durch den Multimilliardär Elon Musk vorübergehend abgesagt wurde , dürften die Mitarbeiter des Kurznachrichtendienstes kollektiv aufgeatmet haben. Was bis dahin über den Führungsstil des exzentrischen Tesla-Chefs bekannt war , ließ für das Personal wenig Gutes erwarten. Nach den ersten Wochen ist klar, dass Musk sein bisheriges Führungskonzept gnadenlos durchzieht. Ob das in einer Firma funktioniert, die er nicht selbst aufgebaut hat, ist aber mehr als fraglich.
Aus der Sicht der Aktionäre hat das frühere Twitter-Management unter Parag Agrawal natürlich richtig gehandelt, als es die abgesagte Übernahme für den Preis von 44 Milliarden US-Dollar vor Gericht durchsetzte. Denn für die früheren Anteilseigner war der Verkauf zum Kurs von 54,20 US-Dollar je Aktie zweifellos ein gutes Geschäft. Allerdings auch ein Deal, den die Twitter-Beschäftigen und wohl auch die Nutzer jetzt ausbaden müssen.
Hohe Zinslast durch Kredite
Vor der Übernahme hat Twitter aus wirtschaftlicher Sicht leidlich gut funktioniert. Doch nun muss das Unternehmen zusätzlich aus eigener Kraft die Zinszahlungen erwirtschaften, die mit einem Kredit in Höhe von 13 Milliarden US-Dollar verbunden sind. Um die Kosten zu senken, hat Musk in den vergangenen Tagen bereits die Hälfte der festangestellten Mitarbeiter und Tausende Leiharbeiter entlassen .
Doch das reicht ihm nicht aus. Die verbliebenen Mitarbeiter sollen künftig nicht nur effizienter und besser arbeiten, sondern ihm auch nicht widersprechen. Tun sie es doch, werden sie öffentlich von ihrem neuen Chef gefeuert. Medienberichten zufolge lässt er sogar intern und extern systematisch nach kritischen Mitarbeitern suchen , um sie anschließend zu entlassen. Nach dem Rausschmiss machte er sich noch über die entlassenen Entwickler lustig(öffnet im neuen Fenster) : "Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich diese Genies entlassen habe. Ihr immenses Talent wird zweifellos an anderer Stelle von großem Nutzen sein."
Überstunden als Normalfall
Was er will, hat er nun offenbar in einer internen E-Mail deutlich gemacht(öffnet im neuen Fenster) : Twitter 2.0 werde "extrem hart" , mit langen und intensiven Arbeitszeiten. Die Mitarbeiter sollten das Angebot akzeptieren oder das Unternehmen mit einer Abfindung verlassen. Wie in seinen anderen Firmen verlangt Musk künftig auch von Twitter-Mitarbeitern eine hohe Aufopferungsbereitschaft und absolute Gefolgschaft. Nur "außergewöhnliche Leistungen" reichten ihm aus.
In seinen Jahren als Chef von SpaceX und Tesla hat es Musk immer wieder geschafft, seine ehrgeizigen Ziele und Ambitionen auf seine Mitarbeiter zu übertragen. "Die Beschäftigten fürchten ihn. Sie bewundern ihn. Sie geben ihr Leben für ihn auf und das meistens alles gleichzeitig" , schreibt der Journalist Ashlee Vance, der mit seiner Musk-Biografie (Wie Elon Musk die Welt verändert) einen guten Eindruck über die Ambitionen und Charakterzüge des gebürtigen Südafrikaners vermittelt.
Wer als Ingenieur und Entwickler in einem revolutionären Unternehmen arbeiten möchte, ist bei SpaceX oder Tesla an der richtigen Stelle. Wo traditionelle Firmen zögerlich sind, geht Musk hohe Risiken ein. Immer wieder schienen SpaceX oder Tesla kurz vor dem Aus zu stehen. Immer wieder wurden die ehrgeizigen Ziele verfehlt. Dennoch gelang es Musk und seinen Mitarbeitern regelmäßig, erfolgreich aus der sprichwörtlichen Produktionshölle hervorzugehen.
Musk scheint bei seinen Mitarbeitern das Konzept der Selbstausbeutung perfektioniert zu haben.
Musk duldet keinen Widerspruch
So zitiert Vance den SpaceX-Ingenieur Kevin Brogan: "Der ideale SpaceX-Mitarbeiter ist jemand wie Steve Davis, Leiter des Bereichs Zukunftsprojekte. Er arbeitet seit Jahren jeden Tag 16 Stunden. Damit erledigt er mehr als elf Leute, die zusammen an etwas arbeiten."
Da sich Musk gerne in kleinste Details einmischt, kennt er im Zweifel die Mitarbeiter, die für ein Problem verantwortlich sind. Widerspruch duldet er nicht, mit dieser Einschätzung hielt ein früherer Tesla-Mitarbeiter im Gespräch mit Golem.de nicht hinterm Berg. Ein Vorschlag könne ihm nur ausgeredet werden, wenn dieser aus physikalischen Gründen nicht umsetzbar sei, heißt es auch bei Vance.
Dennoch konstatiert dieser: "Die meisten Beschäftigten bei SpaceX waren begeistert davon, Teil dieses Abenteuers zu sein und versuchten, sich von Musks brutalen Anforderungen und seinem harschen Verhalten nicht abschrecken zu lassen." Der Vorteil von Musks Detailverliebtheit: Wenn es sein muss, setzt er alle Hebel in Bewegung, um ein Problem zu lösen. Wenn die Mitarbeiter nach ein paar Jahren ausgebrannt sind und nicht auf demselben Niveau arbeiten können, werden sie durch neue ersetzt.
Twitter ist (noch) anders als Tesla
Doch zwischen Twitter und den anderen Unternehmen Musks gibt es große Unterschiede. So hat er SpaceX oder Tesla selbst aufgebaut. Wer dort arbeiten will, dürfte wissen, worauf er sich einlässt. Die Aussicht, dass die eigenen Ideen schnell umgesetzt und nicht in zähen Powerpoint-Meetings und mühsamen Entscheidungsprozessen ausgebremst werden, ist weiterhin attraktiv.
Twitter ist hingegen ein etabliertes Social-Media-Unternehmen, das sich technisch groß nicht von anderen Plattformen wie Facebook, Instagram, Reddit oder Tumblr unterscheiden dürfte. Die Herausforderung besteht vor allem darin, die Infrastruktur unter sehr flexiblen und im Grunde nicht vorhersehbaren Nutzerzugriffen am Laufen zu halten und neue Funktionen zu integrieren, ohne dass es zu Problemen kommt.
Der regulatorische Aufwand, der beispielsweise die Moderation von Inhalten betrifft, steht hingegen auf einem ganz anderen Blatt. Schränkt Twitter künftig diesen Bereich ein, dürfte es nicht nur Ärger mit staatlichen Behörden geben, sondern könnte auch zum Exodus von Werbekunden führen, falls die Diskussionen zu stark in extremistische Positionen entgleiten.
Musks Pläne bedeuten daher einen völligen Bruch mit der bisherigen Unternehmenskultur von Twitter. Jeder Mitarbeiter muss sich die Frage beantworten, ob er unter den neuen Vorgaben bereit ist, weiterhin für den Kurznachrichtendienst zu arbeiten. Dafür kann es durchaus Gründe geben.
Warum sollte man künftig für Twitter arbeiten?
Einem Bericht der New York Times zufolge(öffnet im neuen Fenster) hat Musk versucht, die Mitarbeiter von Twitter mit Firmenanteilen zu ködern. Am vergangenen Montag habe er in einer kurzen Nachricht erklärt, dass "außergewöhnliche Mengen an Aktien für außergewöhnliche Leistungen vergeben werden" .
Musk habe die Struktur mit der Arbeitsweise bei SpaceX verglichen, aber keine weiteren Details genannt. Zwar ist Twitter seit dem Verkauf nicht mehr an der Börse gelistet, doch die Anteile könnten für Mitarbeiter dennoch zu Geld gemacht werden. Wie viel die Anteile nach einer Pleite von Twitter noch wert sein dürften, ist hingegen unklar. Musks hat die Bankenkredite offenbar mit Tesla-Anteilen abgesichert.
Große Pläne für die Alleskönner-App X
Zudem könnten etliche Mitarbeiter nach einer Entlassung ihre Aufenthaltserlaubnis für die USA verlieren. Angesichts der aktuellen Entlassungswelle im Silicon Valley dürfte es inzwischen schwieriger geworden sein, einen neuen Job zu finden.
Zu guter Letzt könnten Entwickler auch eine Herausforderung darin sehen, die ambitionierten Pläne Musks für Twitter künftig umzusetzen. Auf die Frage, ob die Twitter künftig auch Telekommunikationsdienste wie Whatsapp ersetzen könne, antwortete Musk(öffnet im neuen Fenster) : "X wird die Alleskönner-App sein." Ebenso wie die chinesische App Wechat könnte X dann neben Messaging noch Bezahlfunktionen oder weitere Dienste enthalten.
Wenn es nach Musk geht, wird Twitter künftig zu einem ganz anderen Dienst und Unternehmen. Dafür ist er bereit, sich von allen Mitarbeitern zu trennen, die sich nicht hundertfünfzigprozentig hinter seinen Kurs stellen. Wie immer bei Musk ist der Einsatz hoch. Ziehen die Mitarbeiter, Nutzer und Werbekunden nicht mit, könnte das Ende von Twitter schneller kommen als gedacht. Hat er aber damit Erfolg, wird der reichste Mann der Welt vielleicht noch ein bisschen reicher. Wie viele Menschen sich dafür selbst ausgebeutet haben oder sich einen neuen Job suchen mussten, ist ihm dabei völlig egal.
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