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Ukrainekrieg: Russland könnte Waffen auch ohne westliche Technik bauen

In russischen Waffensystemen finden sich viele elektronische Bauteile westlicher Firmen. Die können daran nichts ändern, zudem könnte China den Großteil ersetzen.
/ Johannes Hiltscher
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Auch die Stealth-Drohne Suchoi S-70 nutzt westliche Technik - die sich mit chinesischer ersetzen ließe. (Bild: Russisches Verteidigungsministerium)
Auch die Stealth-Drohne Suchoi S-70 nutzt westliche Technik - die sich mit chinesischer ersetzen ließe. Bild: Russisches Verteidigungsministerium

Minutiös dokumentiert der ukrainische Militär-Nachrichtendienst GUR auf einer Homepage(öffnet im neuen Fenster) in russischen Waffen gefundene Chips und andere Bauteile westlicher Unternehmen. Würden nicht die Sanktionen umgangen, so scheint es, gingen Russland bald Drohnen, ballistische Raketen und Marschflugkörper aus. Einfach, weil die Elektronik fehlt. Auch die Stealth-Drone Suchoi S-70 scheint Russland nicht ohne westliche Technik bauen zu können . Doch dieser Eindruck ist falsch.

Denn ein Blick auf die Komponenten zeigt: Den Großteil könnte Russland problemlos durch Entsprechungen chinesischer Hersteller ersetzen. Es handelt sich dabei vielfach um sehr einfache Bauteile, von Dioden und Transistoren über Netzteile bis hin zu Spannungsreglern oder einfachen Logikbausteinen. Auch bei den komplexeren, wie Speichern oder FPGAs, handelt es sich weder um modernste Bauteile, noch sind sie für den militärischen Einsatz qualifiziert.

In der Hyperschallrakete Kinzhal etwa sind zwar eine Reihe FPGAs und andere komplexere Bauteile wie Analog-Digital-Wandler und ein Signalprozessor verbaut. Die sind aber jahrzehntealt und werden großenteils gar nicht mehr hergestellt. Andere sind so alltäglich, dass es unmöglich ist, jeden Abnehmer zu kontrollieren.

Hersteller haben keine Kontrolle mehr über Bauteile

Das bedeutet allerdings ein Dilemma: Die Hersteller der Komponenten müssen sich regelmäßig rechtfertigen, da sie im Verdacht stehen, ihre Kunden nicht ordentlich zu kontrollieren. Dabei haben sie effektiv bei keiner Komponente überhaupt eine Möglichkeit dazu.

Die ganz alten Teile verkaufen sie gar nicht mehr selbst, und auch die anderen befinden sich so weit im Umlauf, dass eine Kontrolle unmöglich ist. Das zeigt etwa der FPGA Zynq XC7Z100 von AMD, der in der S-70 gefunden wurde: Während über Digikey, einen offiziellen Distributor, gerade einmal rund 30 zu bekommen sind, bietet ein Händler bei Aliexpress 300 an – zu einem Bruchteil des Preises. Ob die, wie beworben, neu sind, darf bezweifelt werden. Dennoch dürften sich ausreichend funktionsfähige Chips beziehen lassen. Gleiches gilt für die Jetson TX2 von Nvidia mit Tegra X2, die in Lancet-3-Drohnen gefunden wurden.

Der modernste Chip ist sieben Jahre alt

Der XC7Z100 und Tegra X2 sind so ziemlich die modernsten und komplexesten Chips, die uns aufgefallen sind. Aber selbst sie sind seit zwölf und sieben Jahren auf dem Markt, entsprechend groß ist die im Umlauf befindliche Menge. Und in der Zeit sind chinesische Anbieter wie Gowin entstanden, die auch komplexe Halbleiter wie ältere FPGAs problemlos ersetzen können. Ein kleineres Modell haben wir getestet . Als Alternative für den Tegra X2 von einem chinesischen Hersteller kommen einem RISC-V-Chips wie der Spacemit K1 ( Test ) in den Sinn.

Die westlichen Bauteile zu ersetzen, scheint aber nicht einmal erforderlich zu sein. Dass Russland noch immer westliche Komponenten nutzt, zeigt, dass der Nachschub nicht so schwer zu beschaffen ist, dass ein aufwendiges Re-Design erforderlich wäre. Denkbar ist auch, dass sich die russischen Hersteller vor Kriegsbeginn eingedeckt haben – was allerdings die Frage aufwerfen würde, wie lange die Vorräte halten.

Das soll nicht heißen, dass die Sanktionen gegen Russland sinnlos sind. Es zeigt vielmehr, wie aufwendig sie umzusetzen sind – und dass man von ihnen keine Wunder erwarten sollte. Und die Dokumentationsarbeit des GUR zeigt, dass selbst modernste Waffensysteme mit verhältnismäßig einfacher Hardware ausgestattet sind.


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