Ukrainekrieg: Mit schwimmenden Drohnen gegen Russland

Zum zweiten Mal ist die Brücke über die Straße von Kertsch, die Russland mit der Halbinsel Krim verbindet, angegriffen und beschädigt worden. Bei dem Angriff kamen mutmaßlich unbemannte Schiffe(öffnet im neuen Fenster) zum Einsatz. Zwei Explosionen in der Nacht zum 17. Juli 2023 (Ortszeit) beschädigten die Fahrbahn der Brücke. Zwei Menschen kamen dabei nach offiziellen russischen Angaben ums Leben. Der Angriff ist prestigeträchtig: Mit der 19 Kilometer langen Brücke(öffnet im neuen Fenster) - eigentlich sind es zwei, eine Straßen- und eine Eisenbahnbrücke - zementierte Russland die Annexion der Krim. Wladimir Putin eröffnete sie 2018 persönlich am Steuer eines Lkw. Daneben ist sie aber auch ein strategisch wichtiger Nachschubweg für die russischen Truppen an der Front.
Die ukrainische Seite hat die Verantwortung für den Angriff übernommen. Ein Beamter sagte dem US-Fernsehsender CNN(öffnet im neuen Fenster) , es habe sich um eine gemeinsame Aktion des Geheimdienstes SBU und der Marine gehandelt. Der Angriff soll mit unbemannten Systemen durchgeführt worden sein.
Drohnen greifen Sewastopol an
Bereits im vergangenen Jahr gab es Berichte über schwimmende ukrainische Drohnen : Ende Oktober 2022 griffen sieben kleine unbemannte Schiffe und neun unbemannte Fluggeräte den Hafen von Sewastopol an und beschädigten eine Fregatte und ein Minensuchboot. Die Fregatte war laut der britischen Tageszeitung The Guardian(öffnet im neuen Fenster) die Admiral Makarow, die seit der Versenkung des Raketenkreuzers Moskwa im April 2022 das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte ist.
Das Ergebnis war zwar nicht sehr eindrucksvoll. Größer dürfte der psychologische Effekt gewesen sein. Für die russische Marine bedeutet das, dass sie auch in einem geschützten Hafen nicht vor Angriffen sicher ist. Trotz des Ausbaus der Sicherheitsmaßnahmen gelangten im März und April erneut Schwimmdrohnen bis in den inneren Hafen von Sewastopol. Auch am 16. Juli wurde die Hafenstadt wieder angegriffen, wie ein auf Twitter veröffentlichtes Video(öffnet im neuen Fenster) zeigt.
Der Aufwand ist nicht groß. "Ein Jetski(öffnet im neuen Fenster) , eine Kamera, ein Kompass - und Sprengstoff. Damit kann man schon mal viel machen" , sagte Sebastian Bruns vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel (Paywall)(öffnet im neuen Fenster) . "Für die Ukrainer stehen Aufwand und Ertrag beim Einsatz von unbemannten Wasserfahrzeugen in einem guten Verhältnis."
Eine Drohne wurde angeschwemmt
Die schwimmenden Drohnen der ersten Generation waren unbemannte Boote von knapp 6 Metern Länge(öffnet im neuen Fenster) . Zur Navigation waren sie mit einer Kamera sowie Kommunikationstechnik, etwa von Starlink ausgestattet, die Rümpfe waren mit bis zu 200 Kilogramm Sprengstoff vollgestopft. Im September 2022 wurde bei Sewastopol ein solches Drohnenboot angeschwemmt(öffnet im neuen Fenster) .
Die Rümpfe sind zwar niedrig und flach, so dass sie nicht so gut auszumachen sind. Dennoch lassen sie sich erfassen und bekämpfen. Mehr Probleme wird der russischen Armee wohl die neue Generation der ukrainischen Schwimmdrohnen bereiten.
Neue Unterwasserdrohnen sind schwer zu erkennen
Die Toloka TLK 150 hat einen schlanken Rumpf, der sich unter der Wasseroberfläche befindet, wie das französische, auf Marinethemen spezialisierte Onlinenachrichtengebot Naval News berichtet(öffnet im neuen Fenster) . Angetrieben wird die Toloka von zwei Elektromotoren.
Über Wasser ist nur eine Gondel mit Kamera und Kommunikationstechnik, vergleichbar dem Seerohr eines U-Bootes. Damit ist die TLK 150 sehr viel schwerer zu erkennen als die bisher genutzten unbemannten Schiffe. "Das macht Aufklärung und Bekämpfung wesentlich schwieriger" , sagte Bruns.
Vorgestellt wurde sie von Brave1(öffnet im neuen Fenster) , einer ukrainischen Regierungsorganisation, die die Entwicklung neuartiger Waffensysteme fördert. Viel Sprengstoff wird die 2,50 Meter langen Toloka nicht tragen können. Es ist aber möglich, dass sie auch zu Aufklärungszwecken eingesetzt wird. Brave1 hat zudem zwei größere Entwürfe gezeigt: Die TLK-400 soll 4 bis 6 Meter, TLK-1000 sogar 12 Meter lang sein. Letztere verfügt über vier Motoren. Es ist jedoch unklar ist, ob diese beiden Modelle auch schon gebaut wurden.
Wo starteten die Drohnen?
Bemerkenswert ist die Entfernung, über die die Angriffe ausgeführt wurden: Sewastopol liegt an der Westseite der Krim. Zwischen dem Hafen und ukrainisch kontrolliertem Gebiet liegen mehr als 300 Kilometer Wasser. Bis zur Brücke von Kertsch sind es mehr als 1.300 Kilometer. Das übersteigt die Reichweite der Wasserdrohnen. Möglich ist, dass ein Mutterschiff sie ins Zielgebiet gebracht und ausgesetzt hat.
Wie bei allen militärischen Konflikten seit der Jahrtausendwende sind auch in diesem solche unbemannten Systeme im Einsatz. So werden handelsübliche Drohnen wie die des chinesischen Marktführers DJI und sogar selbst gebaute zur Aufklärung an der Front und zur Unterstützung der Artillerie eingesetzt. Die ukrainische Seite nutzt dazu auch Drohnen des deutschen Unternehmens Quantum Systems aus Gilching bei München.
Zum Einsatz kommen aber nicht nur Aufklärungs-, sondern auch Kampfdrohnen. So erzielte die Ukraine beispielsweise mit der in der Türkei gebauten Kampfdrohne Bayraktar TB2 zu Anfang einige Erfolge.
Drohnen warten auf ein Ziel
Daneben wird auch Loitering Munition (etwa: herumlungernde Munition) genutzt. Das sind Kamikazedrohnen mit panzerbrechender Munition, die bis zu einer halben Stunde in der Luft bleiben können, um auf ein Fahrzeug oder ein anderes Ziel zu warten, in das sie gesteuert werden.
Loitering Munition gibt es auch auf See: Die US-Marine hat laut Naval News(öffnet im neuen Fenster) gerade acht solcher Drohnenboote in Dienst gestellt. Auch die Tolokas sollen über eine Schläferfunktion verfügen. Die TLK 150 soll bis zu drei Monate in einem Seegebiet auf ein geeignetes Ziel lauern können.



