Entwickler im Ukrainekrieg: "Wir werden unter allen Bedingungen weiterarbeiten"

Die Entwicklerin Vlada ist nach Berlin geflohen, ihr Kollege Andrii arbeitet weiter in Kyjiw. So erleben sie den Krieg in der Ukraine.

Artikel von Daniel Ziegener veröffentlicht am
Die ukrainische Hauptstadt Kyjiw befindet sich im Belagerungszustand.
Die ukrainische Hauptstadt Kyjiw befindet sich im Belagerungszustand. (Bild: Reuters)

Vor ein paar Wochen war Vlada noch in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Heute sitzt sie auf einem Sofa in einer fremden Wohnung in Berlin. Die IT-Managerin und Backend-Entwicklerin hat die Ukraine am 25. Februar zusammen mit ihrem jüngeren Bruder verlassen - am Tag, als sie die ersten Schüsse und Explosionen in der Ferne hören konnten.

Inhalt:
  1. Entwickler im Ukrainekrieg: "Wir werden unter allen Bedingungen weiterarbeiten"
  2. Die IT-Branche hilft, wo sie kann

Am 24. Februar starteten russische Truppen auf Anweisung des Kremls ihren Angriff auf die Ukraine. Was wohl als einfacher Einmarsch des militärisch überlegenen Russlands geplant war, stellt sich drei Wochen später als zäher Zermürbungskrieg heraus. Die ukrainische Bevölkerung leistet Widerstand gegen die vermeintliche "Befreiung" Putins.

So wie Vlada und ihr Bruder wurden Hunderttausende durch den Krieg vertrieben. Viele von ihnen erreichen über das benachbarte Polen auch deutsche Städte. Migrationsforscher halten es für möglich, dass bis zu zehn Millionen Menschen durch den Krieg vertrieben werden - das wäre fast ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung. Doch trotz des Krieges geht die Arbeit bei vielen Unternehmen so gut wie möglich weiter.

Ein Stück Normalität im Belagerungszustand

"Es gibt Strom. Es gibt das Internet. Wir können arbeiten und das Unternehmen am Laufen halten", sagt Andrii. Er ist einer von Vladas Kollegen. Im Gegensatz zu ihr sind Andrii und die meisten Mitarbeiter eines E-Commerce-Anbieters in Kyjiw geblieben. "Wir werden unter allen Bedingungen weiterarbeiten, alles ist gesichert. Wir werden auch in Kriegszeiten weiterarbeiten", sagt er. "Natürlich auch, wenn wir den Krieg gewonnen haben."

Russische Truppen rücken derweil immer weiter auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw zu. Dennoch halten ihre Bewohner so viel Normalität aufrecht wie möglich. "Die öffentlichen Versorgungseinrichtungen funktionieren", berichtet Andrii. "Licht, Wasserversorgung, Müllabfuhr, Strom, Heizung, Internet, Fernsehen - alles ist da."

Aber es gibt auch Einschränkungen. Öffentliche Verkehrsmittel fahren nur noch selten. Die Geschäfte sind nicht mehr durchgehend geöffnet. "Menschen, die nicht arbeiten müssen, versuchen nur wenn nötig rauszugehen." Die Menschen kommunizieren hauptsächlich auf digitalem Weg, nachts gilt eine Ausgangssperre.

Der Krieg erreicht Kyjiw

Der Front-End-Entwickler arbeitet von seiner Wohnung aus. Die Bedingungen dort seien gut. "Ich kann in nahe gelegenen Geschäften Lebensmittel kaufen und habe stabiles Internet." Einige Nachbarn hätten Kyjiw bereits verlassen, aber im Hof seien noch immer Kinderstimmen zu hören. Kinderstimmen und immer wieder auch Explosionen in der Ferne.

"Vom Balkon meines Hauses aus kann ich in der Ferne das Gebäude sehen, das von der Rakete des Angreifers in der Lobanovsky Avenue getroffen wurde", berichtet Andrii. Russische Truppen beschießen und treffen immer wieder Wohnhäuser am Rand der Stadt, die in Friedenszeiten fast drei Millionen Einwohner hat.

Über die genauen Opferzahlen herrscht Unklarheit. Die UN bestätigte bisher mindestens 636 Tote und 1.125 verletzte Zivilisten. Nach ukrainischen Angaben wurden allein in der belagerten Hafenstadt Mariupol mehr als 2.000 Menschen getötet.

Flucht aus der Ukraine nach Berlin

Wann und ob sie zu ihren Kollegen zurückkehren kann, weiß Vlada noch nicht. Vorerst sucht sie gemeinsam mit einer Freundin eine Wohnung in Berlin. Auch wenn sie wie viele andere schnell eine private Unterkunft gefunden hat, geht sie davon aus, eine längerfristige Lösung zu brauchen. Ihr fünfzehn Jahre alter Bruder soll, sobald es möglich ist, wieder zur Schule gehen.

Drei Wochen nach Beginn des Angriffs ist unklar, wie lange der Krieg noch dauern wird. Noch hat Vlada regelmäßig Kontakt mit ihren Angehörigen und Kollegen in der Ukraine. Von einer Kollegin aus dem Umland der Hauptstadt hat sie schon länger nichts gehört. Ob es nur eine unterbrochene Internetverbindung oder Schlimmeres ist, weiß sie nicht.

Auf ihrer Flucht hörte Vlada selbst in Lwiw noch Luftschutzsirenen. Die westukrainische Stadt nahe der Grenze zu Polen gilt als vergleichsweise sicher. Doch auch hier schlägt das russische Militär zu. Beim Angriff auf einen Übungsplatz sollen vor wenigen Tagen 35 Menschen getötet worden sein. Wie viele Ukrainer bittet Vlada die internationale Gemeinschaft um die Einrichtung einer Flugverbotszone.

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