Entwickler im Ukrainekrieg: "Wir werden unter allen Bedingungen weiterarbeiten"

Vor ein paar Wochen war Vlada noch in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Heute sitzt sie auf einem Sofa in einer fremden Wohnung in Berlin. Die IT-Managerin und Backend-Entwicklerin hat die Ukraine am 25. Februar zusammen mit ihrem jüngeren Bruder verlassen – am Tag, als sie die ersten Schüsse und Explosionen in der Ferne hören konnten.
Am 24. Februar starteten russische Truppen auf Anweisung des Kremls ihren Angriff auf die Ukraine. Was wohl als einfacher Einmarsch des militärisch überlegenen Russlands geplant war, stellt sich drei Wochen später als zäher Zermürbungskrieg heraus. Die ukrainische Bevölkerung leistet Widerstand gegen die vermeintliche "Befreiung" Putins.
So wie Vlada und ihr Bruder wurden Hunderttausende durch den Krieg vertrieben. Viele von ihnen erreichen über das benachbarte Polen auch deutsche Städte. Migrationsforscher halten es für möglich, dass bis zu zehn Millionen Menschen durch den Krieg vertrieben werden – das wäre fast ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung. Doch trotz des Krieges geht die Arbeit bei vielen Unternehmen so gut wie möglich weiter.
Ein Stück Normalität im Belagerungszustand
"Es gibt Strom. Es gibt das Internet. Wir können arbeiten und das Unternehmen am Laufen halten" , sagt Andrii. Er ist einer von Vladas Kollegen. Im Gegensatz zu ihr sind Andrii und die meisten Mitarbeiter eines E-Commerce-Anbieters in Kyjiw geblieben. "Wir werden unter allen Bedingungen weiterarbeiten , alles ist gesichert. Wir werden auch in Kriegszeiten weiterarbeiten" , sagt er. "Natürlich auch, wenn wir den Krieg gewonnen haben."
Russische Truppen rücken derweil immer weiter auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw zu. Dennoch halten ihre Bewohner so viel Normalität aufrecht wie möglich. "Die öffentlichen Versorgungseinrichtungen funktionieren" , berichtet Andrii. "Licht, Wasserversorgung, Müllabfuhr, Strom, Heizung, Internet, Fernsehen – alles ist da."
Aber es gibt auch Einschränkungen. Öffentliche Verkehrsmittel fahren nur noch selten. Die Geschäfte sind nicht mehr durchgehend geöffnet. "Menschen, die nicht arbeiten müssen, versuchen nur wenn nötig rauszugehen." Die Menschen kommunizieren hauptsächlich auf digitalem Weg, nachts gilt eine Ausgangssperre.
Der Krieg erreicht Kyjiw
Der Front-End-Entwickler arbeitet von seiner Wohnung aus. Die Bedingungen dort seien gut. "Ich kann in nahe gelegenen Geschäften Lebensmittel kaufen und habe stabiles Internet." Einige Nachbarn hätten Kyjiw bereits verlassen, aber im Hof seien noch immer Kinderstimmen zu hören. Kinderstimmen und immer wieder auch Explosionen in der Ferne.
"Vom Balkon meines Hauses aus kann ich in der Ferne das Gebäude sehen, das von der Rakete des Angreifers in der Lobanovsky Avenue getroffen wurde" , berichtet Andrii. Russische Truppen beschießen und treffen immer wieder Wohnhäuser am Rand der Stadt, die in Friedenszeiten fast drei Millionen Einwohner hat.
Über die genauen Opferzahlen herrscht Unklarheit. Die UN bestätigte bisher mindestens 636 Tote und 1.125 verletzte Zivilisten. Nach ukrainischen Angaben wurden allein in der belagerten Hafenstadt Mariupol mehr als 2.000 Menschen getötet.
Flucht aus der Ukraine nach Berlin
Wann und ob sie zu ihren Kollegen zurückkehren kann, weiß Vlada noch nicht. Vorerst sucht sie gemeinsam mit einer Freundin eine Wohnung in Berlin. Auch wenn sie wie viele andere schnell eine private Unterkunft gefunden hat, geht sie davon aus, eine längerfristige Lösung zu brauchen. Ihr fünfzehn Jahre alter Bruder soll, sobald es möglich ist, wieder zur Schule gehen.
Drei Wochen nach Beginn des Angriffs ist unklar, wie lange der Krieg noch dauern wird. Noch hat Vlada regelmäßig Kontakt mit ihren Angehörigen und Kollegen in der Ukraine. Von einer Kollegin aus dem Umland der Hauptstadt hat sie schon länger nichts gehört. Ob es nur eine unterbrochene Internetverbindung oder Schlimmeres ist, weiß sie nicht.
Auf ihrer Flucht hörte Vlada selbst in Lwiw noch Luftschutzsirenen. Die westukrainische Stadt nahe der Grenze zu Polen gilt als vergleichsweise sicher. Doch auch hier schlägt das russische Militär zu. Beim Angriff auf einen Übungsplatz sollen vor wenigen Tagen 35 Menschen getötet worden sein(öffnet im neuen Fenster) . Wie viele Ukrainer bittet Vlada die internationale Gemeinschaft um die Einrichtung einer Flugverbotszone.
Die IT-Branche hilft, wo sie kann
Die Mitgliedstaaten der NATO halten sich aus Sorge vor einer weiteren Eskalation des Krieges mit militärischen Eingriffen jedoch zurück. Stattdessen wird auf wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland gesetzt . US-amerikanische Internetkonzerne wie Meta und Alphabet ziehen sich schrittweise vom russischen Markt zurück, um über die russische Bevölkerung den Druck auf Wladimir Putin zu erhöhen.
In Deutschland versuchen kleinere IT-Unternehmen zu tun, was sie können. Beispielsweise stellte das Spielestudio Rockfish Games im März 20 Schlafplätze für Geflüchtete in ihren Büroräumen in Hamburg zur Verfügung. Viele der ersten in Deutschland angekommenen Ukrainer sind bisher bei Privatpersonen untergekommen. Innerhalb weniger Tage stellten die Unternehmer Ivan Kychatyi und Nikita Overchyk mit UA Talents eine Jobplattform für geflüchtete Ukrainer ins Netz. 5.000 Stellen sollen dort laut eigenen Angaben gelistet sein. Falls Vlada nicht zeitnah nach Kyjiw zurückkehren kann, sollte es ihr nicht schwerfallen, in Berlin einen Job zu finden. Sie ist gut ausgebildet, hat als Backend-Programmiererin und IT-Managerin gearbeitet. In Deutschland mangelt es an solchen Fachkräften .
Für viele andere Geflüchteten dürfte es ein größeres Problem sein. Schon jetzt haben 175.000 geflüchtete Menschen Deutschland erreicht(öffnet im neuen Fenster) . Mehr als zwei Millionen haben das Land nach Angaben der UN verlassen. Unter den Geflüchteten sind viele Frauen, die auch in der Ukraine in geringerem Maß in der IT-Branche arbeiten.
Kommunikation wird eingeschränkt
Im Gespräch checkt Vlada immer wieder ihr Smartphone, schaut, ob sie neue Nachrichten erhalten hat. Familie und Freunde sind weiterhin in der Ukraine. Sie erzählt, dass einige ihrer Familienmitglieder in Russland leben. "Die sind kein Teil der Familie mehr" , wirft ihr Bruder ein. Die russische Propaganda hat auch sie erreicht und sie an den Berichten von Vlada zweifeln lassen.
Bevor sie den Kontakt über den Angriff abgebrochen hat, schrieb Vlada ihnen Direktnachrichten über Instagram. Das soziale Netzwerk wird in Russland mittlerweile blockiert. Der Kreml schränkt mit solchen Maßnahmen nicht nur den Zugang zu Informationen ein, sondern schneidet auch die eigene Bevölkerung von der Außenwelt ab – und von ihren Angehörigen in der Ukraine. Dem Land, das Russland angeblich befreien will.
NATO und EU halten sich aus den Kampfhandlungen bisher raus. Dafür wird ein Informationskrieg mit Russland geführt. Plattformanbieter und Nachrichtenorganisationen versuchen die Verbreitung von Falschmeldungen einzudämmen und gleichzeitig Informationen für die Menschen in der Ukraine, aber auch Belarus und Russland zugänglich zu machen.
An der Waffe bereit
Noch ist Andrii in Kyjiw erreichbar. "Bis jetzt sind wir sicher" , sagt er. "So sicher, wie man es unter diesen Umständen sein kann." Einige seiner 30 Kollegen seien so nah an den Kampfhandlungen, dass sie ihnen nicht entgehen können, ansonsten laufe die Arbeit so weit, wie es gehe, weiter.
Die eigene Infrastruktur ihres Unternehmens sei dezentralisiert genug aufgebaut, dass sie selbst den schlimmsten Fall überstehen könnte. Allerdings wirft Andrii die Frage auf, wie lange Russland seine Angriffe auf die Ukraine beschränken würde. "Denken Sie darüber nach, wie anfällig Europa für Angriffe ist" , sagt er mit Blick auf Langstreckenraketen, die russische Truppen schon jetzt einsetzen würden.
Auch wenn er momentan noch arbeiten kann, weiß Andrii, dass es keine Garantie für seine Sicherheit gibt. Er könnte auch vom Büro im Stadtzentrum arbeiten, "allerdings ist es bequemer von zu Hause aus" , weil er so die Fahrt spart. Im unterirdischen Schutzraum gibt es keine Möglichkeit zu arbeiten, aber den suche er ohnehin nicht auf, obwohl er sagt: "Mir ist klar, dass der Raketen- und Artilleriebeschuss jeden Moment beginnen kann." Für solche Fälle könnte er in eine Tiefgarage gehen.
Mit jedem Tag, an dem die russischen Truppen näher an das Stadtzentrum vorrücken, wird auch ein direkter Angriff auf Kyjiw wahrscheinlicher. "In diesem Fall bin ich an den Waffen bereit. Ich bin in der Reserve" , sagt der Entwickler Andrii. Die russischen Truppen sieht er als "faschistische Besatzer" – und er ist bereit, gegen diese zu kämpfen.
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