Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Ukraine-Krieg: Funkerkrieg und Störsender in der Ukraine

Im Ukraine-Krieg werden Truppenbewegung per Funk abgehört, Sender und Funkdienste aktiv gestört und Amateurfunker beleidigen sich.
/ Sebastian Grüner
110 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Im Ukraine-Krieg agieren auch Amateurfunker. (Bild: Artur Widak via Reuters Connect)
Im Ukraine-Krieg agieren auch Amateurfunker. Bild: Artur Widak via Reuters Connect

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine beschäftigen sich offenbar auch zahlreiche Funkamateure mit der Kommunikationstechnik der Truppen und nutzen dies zum Sammeln von Informationen oder zum Stören der Übertragungen. Denn wie nun unter anderem die Shadowbreak-Gruppe auf Twitter(öffnet im neuen Fenster) mitteilt, kommunizieren die russischen Truppen offenbar größtenteils analog und unverschlüsselt.

Unterstützt wird diese These von Veröffentlichungen des ukrainischen Militärs, die sich wiederum auf Aussagen von Kriegsgefangenen sowie erbeuteten Geräten berufen. Demnach werden oft zivile Funkgeräte oder noch einfachere Geräte im Stil von Walkie-Talkies verwendet, ebenso wie Mobiltelefone.

Unabhängig überprüfen lassen sich solche Aussagen zwar nicht, es gibt jedoch zahlreiche Indizien, die darauf hinweisen. So berichtete die RTL-SDR-Community etwa bereits am Donnerstag, also am Beginn des Einmarschs in die Ukraine, dass die Kommunikation der Luftwaffe im Kurzwellen-Bereich mitgehört werden könne(öffnet im neuen Fenster) .

Dabei ist auf sogenannte Web-SDR verwiesen worden, bei der es sich um eine per Software steuerbare Signalverarbeitung (Software Defined Radio, SDR) handelt, deren empfangene Daten ins Web gestreamt werden. Auf derartige Informationen bezieht sich auch das Shadowbreak-Team, das über Web-SDR und weitere Funkanlagen entsprechende Details sammelt und nun auch online über IPFS zur Verfügung stellt. Diese sollen Rufzeichen zeigen sowie taktische Gespräche und weiteres.

Stören statt mithören

Die Kommunikation über handelsübliche zivile Funkgeräte kann dabei nicht nur mitgehört, sondern auch vergleichsweise leicht aktiv gestört werden, was in der Ukraine wohl offenbar ebenfalls passiert. Dazu reicht es, etwa in Handfunkgeräten das Mikrofon zu manipulieren und den Sendeknopf festzustellen, wie eine Funkamateurin auf Twitter(öffnet im neuen Fenster) beschreibt. Dadurch wird auf der Frequenz dauerhaftes Rauschen gesendet und ist dann blockiert.

Hinzu kommen weitere Möglichkeiten bis hin zu größeren aktiven Störsendern, die sich durch Funkamateure wie auch Militärs wohl schnell umsetzen lassen. Damit lassen sich dann selbst digitale Übertragungen stören, wenn stark genug gesendet wird.

Von besonderem Interesse ist dabei wohl derzeit eine russische Sendestation, die als The Buzzer oder auch UVB-76(öffnet im neuen Fenster) bekannt ist. Details zur Verwendung der Anlage sind nicht offiziell bekannt, eine militärische Nutzung wird jedoch vermutet. Normalerweise sendet die Anlage einen dauerhaften, sich wiederholenden Brummton. Hinzu kommen Nachrichten in russischer Sprache.

Es wird vermutet, dass der Buzzer wie zahlreiche ähnliche Anlagen als Channel Marker dient, um die Frequenz als belegt anzuzeigen, damit sie nicht überlagert oder gestört wird. Im Fall der Übertragung einer Sprachnachricht wäre die Frequenz dann frei. Die Nachrichten lassen sich üblicherweise mithören, sind aber kodiert(öffnet im neuen Fenster) .

Diese Frequenzen der großen Sendeanlage werden nun offenbar auch aktiv in der Ukraine gestört. Wie RTL-SDR berichtet(öffnet im neuen Fenster) , werden auf den entsprechenden Frequenzen inzwischen statt der üblichen Nachrichten Musikstücke gespielt. Ebenso werden auf der Frequenz offenbar Übertragungen ausgespielt, die auf Wasserfalldiagrammen lesbare Nachrichten erzeugen, hinzu kommen zahlreiche weitere Störungen.

Funkamateure berichten inzwischen, dass sich die Kommunikation nicht mehr nur auf die klassischen Kurzwellensender beschränkt. Auch Frequenzen der russischen Meridian-Kommunikationssatelliten(öffnet im neuen Fenster) werden demnach aktiv genutzt beziehungsweise gestört(öffnet im neuen Fenster) , um die Übertragungen zu verhindern. Gestört wird darüber hinaus wohl auch der Paketdatendienst APRS(öffnet im neuen Fenster) , beziehungsweise dessen Internet-Anbindungen APRS-IS. Hier kam es wohl zu einer Art Denial-of-Service-Angriff mit einer Paketflut(öffnet im neuen Fenster) . Ziel es ist auch hier offenbar, die russische Kommunikation zu stören. Ungefährlich ist das jedoch nicht.

Gefährliche Störungen, Beleidigungen und falsche Frequenzen

Bei der aktiven Störung ergeben sich mehrere Probleme für die Funker. So sind Sendeanlagen durch Triangulation leicht lokalisierbar, was vor allem derzeit in der Ukraine große Gefahren birgt. Werden die Anlagen durch russische Truppen eingenommen oder beschossen, droht Lebensgefahr. Selbst der Besitz von Empfangstechnik könnte außerdem als Spionage ausgelegt werden(öffnet im neuen Fenster) . Darüber hinaus ist der Betrieb des Amateurfunks mit Sendeanlage seit dem 24. Februar in der Ukraine komplett verboten(öffnet im neuen Fenster) .

Deutschlands größter Amateurfunkverband, der Deutsche Amateur-Radio-Club(öffnet im neuen Fenster) (Darc), schreibt dazu: "Grundsätzlich gilt jedoch, dass jeder Funkamateur, der aktuell aus der Ukraine sendet, sein Leben riskiert. Sollte man eine ukrainische Station hören, sollte man das auf jeden Fall nicht an die große Glocke hängen. Das Verbreiten von Rufzeichen, Standorten und Frequenzen – egal ob auf Band oder in einem Cluster – sollte auf jeden Fall unterlassen werden."

Auf Grund der Verbreitungswege von Funkwellen lassen sich derartige Störsender theoretisch auch außerhalb der Ukraine aufbauen und betreiben. Allein der Betrieb dieser Sender ist aber je nach Frequenzband schon illegal. Auch das Stören einer anderen Sendeanlage ist nicht legal. Der Darc empfiehlt deshalb seinen Mitgliedern: "In der aktuellen Situation ist das Beste, das wir tun können, das Zuhören." So sollen etwa abgesetzte Notrufe an die Behörden weitergeleitet werden oder Vermisstenmeldungen an das Rote Kreuz.

Beleidigungen und Katz-und-Maus-Spiele

Von allen diese Überlegungen lassen sich einige Funker in der Ukraine oder auch Russland wohl aber nicht beeindrucken und führen einen "Funkerkrieg" . Davon hat zuvor schon die Vereinigung der amerikanischen Funkamateure (ARRL) berichtet(öffnet im neuen Fenster) . Demnach haben sich die Beteiligten auf bestimmten Frequenzen gegenseitig beleidigt. Auf den dazugehörigen Frequenzen wird derzeit wohl wieder aktiver gesendet.

Die Aktivitäten der Beteiligten enthalten neben den beschriebenen Beleidigungen und dem Stören der feindlichen Sender auch noch eine weitere klassische Kriegstaktik in Bezug auf den Funkbetrieb: So werden offenbar gefälschte Frequenzlisten verteilt(öffnet im neuen Fenster) oder auf digitalen Wegen weiterverbreitet, um die beschriebenen Störaktionen zu sabotieren. Das passt in das Bild, dass der erwartete Cyberkrieg derzeit eher nicht stattfindet, sich aber zeigt, dass es sich hier auch um einen Informationskrieg mit viel Propaganda handelt.


Relevante Themen