Überwachung: Staatstrojaner auf Ernährungsforscher angesetzt

Mit perfiden Hackingmethoden sollten mehrere mexikanische Wissenschaftler und Aktivisten ausspioniert werden - nur, weil sie eine Steuer auf Softdrinks befürworten.

Artikel von Patrick Beuth/Zeit Online veröffentlicht am
In Mexiko gibt es eine Steuer auf Softdrinks - und mächtige Gegner dieser Steuer.
In Mexiko gibt es eine Steuer auf Softdrinks - und mächtige Gegner dieser Steuer. (Bild: Edgard Garrido/Reuters)

Was haben die Menschenrechte in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit den Ernährungsgewohnheiten der Mexikaner gemeinsam? Nichts, sollte man meinen. Doch gibt es eine Verbindung. Sie läuft über Kanada und Israel und hat etwas mit Aktivisten, ihren mächtigen Gegnern und raffinierten Hacks zu tun.

Inhalt:
  1. Überwachung: Staatstrojaner auf Ernährungsforscher angesetzt
  2. Mexiko ist Kunde der NSO Group

Wer der Verbindung nachspüren will, muss zunächst nach Hamburg reisen. Dort halten Bill Marczak und John Scott-Railton Ende Dezember auf dem 33. Chaos Communication Congress (33C3) einen launigen Vortrag über die Überwachungsmethoden von staatlichen Organisationen und wie man sie aufdeckt. Marczak und Scott-Railton arbeiten für das Citizen Lab, eine weltweit einmalige Einrichtung an der Universität von Toronto, Kanada, die vor allem für eines bekannt ist: Dort werden Staatstrojaner aufgedeckt.

Die beiden Forscher sprechen unter anderem über den Menschenrechtsaktivisten Ahmed Mansoor aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er hatte sich im August 2016 an das Citizen Lab gewandt, weil er verdächtige SMS erhalten hatte. Nun fürchtete Mansoor, wegen seiner Arbeit (nicht zum ersten Mal) ins Visier der herrschenden Klasse geraten zu sein. Was die Trojanerjäger fanden, als sie die fraglichen SMS untersuchten, war technisch so beeindruckend wie erschreckend: Wer auch immer Mansoor hacken wollte, verknüpfte gleich drei bisher unbekannte Sicherheitslücken miteinander, um aus der Ferne eine ausgefeilte Überwachungssoftware namens Pegasus auf dem iPhone des Aktivisten installieren zu können. Mit ihr hätte der Angreifer praktisch alles mitlesen und -hören können, was Mansoor tut: Anrufe, Nachrichten, E-Mails, Standortdaten, Fotos, Kalendereinträge, Kontakte, aufgerufene Websites.

Drei solcher Zero-day genannten Lücken auf ein Mal, gegen die es zudem noch keine Abwehrmaßnahme gibt, sind ein Vermögen wert. Erst recht wenn sie einen iPhone-Jailbreak aus der Ferne ermöglichen. Die Apple-Geräte gelten als überdurchschnittlich sicher und Jailbreaks - das Umgehen der Nutzungsbeschränkungen für die Installation von Programmen, die nicht aus dem offiziellen App Store kommen - sind schon recht komplex, wenn man das Gerät vor sich liegen hat. Für die Steigerung, einen remote jailbreak aus der Ferne, hatte eine Firma im vergangenen Jahr eine Million US-Dollar geboten, später sogar 1,5 Millionen.

Stellenmarkt
  1. Softwareentwickler - CAD/PLM (m/w/d)
    Hays AG, Esslingen
  2. Systemadministrator (m/w/d) für UNIX / Oracle
    Bayerische Versorgungskammer, München
Detailsuche

Das Citizen Lab konnte nicht beweisen, wer die mächtige, teure Hackingmethode an Mansoor ausprobieren wollte. Aber die Forscher sind sich sicher, wer sie erfunden hat: das israelische Unternehmen NSO Group, an dem eine US-Investmentfirma die Mehrheit hält. Dafür spricht unter anderem, dass die zur Überwachung notwendige Serverinfrastruktur dem Unternehmen zugeordnet werden konnte (Details sind hier nachzulesen). So berichten es Bill Marczak und John Scott-Railton in Hamburg.

Wer kriminell ist, entscheiden die Kunden

Firmen wie NSO verkaufen ihr Wissen über bisher unbekannte Sicherheitslücken und die darauf zugeschnittenen Hackingwerkzeuge offiziell nur an Regierungsorganisationen. Diese sollen dann damit Kriminelle überwachen können. Wer aber als kriminell gilt, entscheiden die Kunden. Weshalb immer wieder kritische Journalisten, Dissidenten, Anwälte und Aktivisten Opfer solcher Hacks werden und letztlich identifiziert, verhaftet und mitunter auch gefoltert werden.

Die raffinierte Methode, mit der Mansoor ausgetrickst werden sollte, ist nun am anderen Ende der Welt abermals aufgetaucht, in Mexiko. Dort sollten offenbar mindestens zwei Mitarbeiter von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen sowie ein führender Wissenschaftler des Nationalen Gesundheitsinstituts INSP ausspioniert werden.

Verstörende SMS

Alle drei sind lautstarke Unterstützer der 2014 eingeführten Soda-Steuer. Die hat dazu geführt, dass der Preis für Softdrinks gestiegen ist. Das war politisch gewollt. Höhere Preise sollen vor allem Kinder dazu bewegen, auf gesündere Alternativen auszuweichen. In Mexiko, schreibt die New York Times, sterben jedes Jahr mehr Menschen an den Folgen von übergewichtsbedingten Krankheiten als durch Gewaltverbrechen. Mitte 2016 starteten verschiedene Organisationen - darunter die von Dr. Simón Barquera vom INSP und die der beiden anderen NGO-Mitarbeiter - eine Medienkampagne mit dem Ziel, die Steuer zu verdoppeln.

Eine Woche später erhielten sie die ersten Phishing-SMS. Barquera bekam gleich mehrere, eine verstörender als die andere. Seine Tochter habe einen schweren Unfall gehabt, hieß es in einer Nachricht, er möge bitte auf den folgenden Link klicken, um zu sehen, in welchem Krankenhaus sie liege. Ein angeblicher Freund schrieb, sein Vater sei gerade gestorben, anbei ein Link für die Informationen zur Beerdigung, zu der Barquera doch hoffentlich komme. In einer weiteren SMS stand: "Du bist ein Arschloch, Simón. Während du arbeitest, ficke ich deine Frau, hier ist ein Foto."

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed
Mexiko ist Kunde der NSO Group 
  1. 1
  2. 2
  3.  


Signator 15. Feb 2017

§20 auch Widerstandsrecht genannt. https://de.wikipedia.org/wiki/Widerstandsrecht Besagt...

blariog 15. Feb 2017

Troll dich einfach...

User_x 14. Feb 2017

Man kann sich rühmen das eine politische Organisation etwas gutes ist und eine kriminelle...

gelöscht 14. Feb 2017

Das ist die Geldelite (große Konzerne) und die Politik Elite. Von denen ist keiner links...



Aktuell auf der Startseite von Golem.de
25 Jahre Dungeon Keeper
Wir sind wieder richtig böse!

Nicht Held, sondern Monster: Darum geht's in Dungeon Keeper von Peter Molyneux. Golem.de hat neu gespielt - und einen bösen Bug gefunden.
Von Andreas Altenheimer

25 Jahre Dungeon Keeper: Wir sind wieder richtig böse!
Artikel
  1. bZ4X: Toyota bietet Rückkauf seiner zurückgerufenen E-Autos an
    bZ4X
    Toyota bietet Rückkauf seiner zurückgerufenen E-Autos an

    Toyota bietet Kunden den Rückkauf seiner Elektro-SUVs an, nachdem diese im Juni wegen loser Radnabenschrauben zurückgerufen wurden.

  2. Laptops: Vom Bastel-Linux zum heimlichen Liebling der Entwickler
    Laptops
    Vom Bastel-Linux zum heimlichen Liebling der Entwickler

    Noch vor einem Jahrzehnt gab es kaum Laptops mit vorinstalliertem Linux. Inzwischen liefern das aber sogar die drei weltgrößten Hersteller - ein überraschender Siegeszug.

  3. SMS: Lindner bat Porsche-Chef um Argumentationshilfe bei E-Fuels
    SMS
    Lindner bat Porsche-Chef um Argumentationshilfe bei E-Fuels

    Der Bundesfinanzminister hat den Porsche-Chef erst nach der Entscheidung kontaktiert, die Ausnahme für E-Fuels in die EU-Verhandlungen einzubringen.

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • MindStar (u. a. Samsung 980 1 TB 77€ und ASRock RX 6800 639€ ) • Alternate (u. a. Corsair Vengeance LPX 8 GB DDR4-3200 34,98€ ) • AOC GM200 6,29€ • be quiet! Deals • SSV bei Saturn (u. a. WD_BLACK SN850 1 TB 119€) • Weekend Sale bei Alternate • PDP Victrix Gambit 63,16€ [Werbung]
    •  /