Selbst der Google-Chef schlägt ernste Töne an

Die Dokumentation The Internet's Own Boy setzt gleich am ersten Abend den Ton für die kommenden Tage. Der Film erinnert an den Hacker und Aktivisten Aaron Swartz, der sich im Frühjahr 2013 das Leben nahm, weil ihm wegen des illegalen Downloads von wissenschaftlichen Texten eine jahrzehntelange Strafe drohte. Der 26-Jährige kämpfte für unbedingte Informationsfreiheit und glaubte an die Macht des Netzes. Hier in Austin ist er zum Märtyrer geworden. Wir, das Netz, gegen euch, die Regierung.

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Auch zum Videogespräch mit Julian Assange am Samstag pilgerten die Techies. Assange saß in der ecuadorianischen Botschaft in London, in der er sich seit Juni 2012 aufhält. Auf der weißen Wand hinter ihm prangte das animierte Wikileaks-Symbol - eine Sanduhr, in der die korrupte Welt, wie wir sie kennen, in eine neue, bessere, transparentere zerläuft. "Lass mich das Publikum sehen", forderte Assange - und Moderator Benjamin Palmer dreht die kleine Webcam in die große Halle.

Dann griff der Wikileaks-Gründer zu gewohnt großen Worten, die die Menge in der großen Halle immer wieder mit Unterbrechungen erreichten. Aus dem Interview wurde eine einstündige Rede. Nur die Macht der Menschen, schwörte Assange die Zuhörer ein, könne die Macht von Behörden wie der National Security Agency (NSA) zurückdrängen. "Wir alle müssen etwas tun", sagte er. Assange sprach über die großen Themen, die die Besucher beschäftigen: Überwachung durch Regierungen, Onlinedemokratie und die Zukunft des Internets.

"Wie konnte es passieren, dass das Internet, das viele als das großartigste Werkzeug menschlicher Emanzipation gesehen haben, übernommen und Teil der aggressivsten Form staatlicher Überwachung wurde, die wir je gesehen haben?", fragte der Wikileaks-Gründer. Und bringt damit das Grundgefühl der Techgemeinde in Austin auf den Punkt, die doch eigentlich hier zusammenkommt, um sich selbst und den Fortschritt und die Freiheit von Ideen zu feiern.

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Noch vor vier Jahren, so Assange, sei das Netz ein apolitischer Ort gewesen. Die Nutzer hätten das Gefühl gehabt, dies sei ein geschlossener Raum, der ihnen und ihren Freunden gehöre. Erst die großen Enthüllungen, darunter die seiner eigenen Organisation zum Irakkrieg, hätten die Augen der Masse der Internetnutzer geöffnet.

Das Internet beschleunigt Revolutionen

Und plötzlich ist das Thema überall, auch hier in Austin. Selbst Google-Chairman Eric Schmidt schlug in seiner Diskussion am ersten Tag ernste Töne an. Er redete über die Revolution in der Ukraine. Smartphones und Internet, sagte der Manager, hätten dafür gesorgt, dass Revolutionen schneller zu starten, aber schwieriger zu beenden seien. Er sprach über die Regime in Syrien und Nordkorea, erzählte von Aktivisten, die wegen ihrer Einträge auf Netzwerken wie Facebook getötet werden und von Kontrollpunkten, an denen die Soldaten nach Logins und Smartphone verlangen. Die Diktatoren von heute, sagte Schmidt, schalteten das Netz nicht mehr ab, sondern infiltrierten und manipulierten die Informationen.

Viele Besucher in Austin fanden den Auftritt von Schmidt befremdlich. War es doch der Google-Manager, der vor nicht allzu langer Zeit riet, etwas, das man über sich nicht online lesen wolle, solle man doch einfach nicht machen.

Jetzt schlägt sich Schmidt auf die Seite der Besucher, geriert sich als Verfechter des freien Netzes. Was die NSA gemacht habe, sei "bedenklich", sagte er. Die Behörde speichere auf Verdacht die Daten von Millionen von Menschen, "um 57 zu fassen". Deshalb sei es wichtig, für die Freiheit zu kämpfen. Und Google will sich als Teil des Kampfes präsentieren. Die Informationen bei Google, versprach er, seien sicher. Aber auch: Die kompromisslose Veröffentlichung von Daten sei bedenklich, weil dabei Menschen zu Schaden kommen könnten, sagte Schmidt - und meinte damit Snowden.

Dessen Ruhm schadet das nicht. Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, ließ Snowden am Montagmorgen aus der Ferne grüßen. "Er möchte dir danken", sagt Moderator Ben Wizner. Und die Halle applaudiert.

Stehende Ovationen für Snowden

Dann setzt Snowden noch einmal zum Appell an. Die Gesellschaft, sagt er von der Leinwand in Austin herab, basiere auf dem Versprechen, dass Informationen und Eigentum geschützt seien. "Still und heimlich hat die US-Regierung unsere Verfassung uminterpretiert." Hinter ihm an der Wand hängt der erste Zusatz der US-Verfassung: der Schutz der Meinungsfreiheit. Die Verantwortlichen müssten dafür zur Rechenschaft gezogen werden, es brauche eine Organisation, die den Kongress überwacht. Dann kommen die Fragen per Twitter. Warum ist es schlimmer, wenn die Regierung unsere Daten sammelt, als wenn das Facebook und Google tun? "Die Regierung hat Macht über uns, sie haben Polizei und Militär, sie können uns im wahrsten Sinne des Wortes umbringen und einsperren", sagt Snowden aus seinem russischen Exil. Warum ist das Problem in den USA größer als anderswo? "Wir haben die Firmen, die weltweit genutzt werden, die anderen Länder schicken ihre Daten an uns", erklärt Snowden.

Ob all das den Preis wert war, den er gezahlt habe, lautet die letzte Frage. "Absolut", sagt er. Dann bekommt er stehende Ovationen.

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 Überwachung: Die SXSW macht Ernst
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