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U Are the Universe: Der letzte Mensch im All

In dem ukrainischen Science-Fiction -Film sind wir mit einem Weltraumtrucker gemeinsam einsam. Wie wunderschön!
/ Peter Osteried
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Ein Film, der auf den Spuren von Werken wie Dark Star und Spaceman wandelt. (Bild: Pandastorm)
Ein Film, der auf den Spuren von Werken wie Dark Star und Spaceman wandelt. Bild: Pandastorm

Am Anfang steht ein Zeichentrickfilm, der erklärt, welchen Job die Hauptfigur ausübt. Weil der radioaktive Müll auf der Erde immer mehr wurde, suchte man nach neuen Lösungen. Die erfolgversprechendste: den radioaktiven Müll ins All und auf einem Planetoiden zum Absturz zu bringen. Zwei Jahre reist man hin, zwei Jahre zurück, allein mit einem Roboter, einem Fitnessraum und ganz viel Zeit zur Kontemplation.

Die Hauptfigur Andriy ist bereits zum dritten Mal unterwegs. Er mag das Alleinsein, während der Roboter Maxim versucht, ihn mit schlechten Witzen bei Laune zu halten.

Dann geschieht das Unfassbare. Auf der Erde bricht ein atomarer Krieg aus, der den ganzen Planeten zerstört und die Bruchstücke in Richtung von Andriys Schiff schleudert. Dem bleiben nur wenige Stunden, um den Trümmern aus dem Weg zu gehen.

Und dann ist er allein. Der letzte Mensch des Universums. Bis er eine Nachricht von der Französin Catherine erhält, die auf einer Raumstation festsitzt.

Diese Art von Science-Fiction gibt es seit John Carpenters Dark Star und Ridley Scotts Alien . Filme, die im All spielen, es aber als ganz normalen Arbeitsort beschreiben, mit ganz normalen Leuten, die ihren ebenso normalen Jobs nachgehen.

Der Arbeiter im Kosmos

Im Lauf der Jahre haben Filme wie Moon oder Spaceman das Thema aufgegriffen. U Are the Universe ist aber nicht nur ein Film über einen Weltraumfernfahrer, sondern einer über das Ende der Existenz und wie man damit zurechtkommt.

Der kleinbudgetierte Science-Fiction -Film entstand über einen Zeitraum von zehn Jahren. Deutscher Kinostart ist am 4. September.

Der Film ruht auf den Schultern von Schauspieler Volodymyr Kravchuk, auf den Autor und Regisseur Pavlo Ostrikov durch ein Theaterstück aufmerksam wurde. Er ist als Schauspieler allein, Interaktion gibt es nur stimmlich. Einerseits mit Maxim, dem Bordcomputer, andererseits mit Catherine, die 700 Millionen Kilometer entfernt ist.

Ohne Hoffnung verlierst du dein Leben

Es dauert, bis es zu einer echten Konversation kommt, bis dahin erlebt man mit, wie Andriy sich mit der Situation abfindet, wie er eine Radiosendung ins All hinaus schickt, wohl wissend, dass ihm niemand zuhört; wie er isst, was er will, ohne zu rationieren; wie er mit dem Alleinsein zurechtkommt, immer wissend, dass das Ende für ihn bald kommen wird.

Dies ist kein Film darüber, wie die Hauptfigur gerettet wird. Obwohl ... vielleicht ja doch, wenn man diese Rettung anders versteht, als es in Hollywood üblich wäre. Andriys Rettung ist die Interaktion mit Catherine, das Gefühl, jemanden zu haben, eine Verbindung aufzubauen. Für sie riskiert er mit seinem beschädigten Schiff auch die lange Reise, in der Hoffnung, sie irgendwann sehen zu können.

Niemand ist eine Insel

Dreh- und Angelpunkt von U Are the Universe ist der Umstand, dass manche Menschen das Alleinsein vielleicht mögen, aber allein zu sein und der letzte Mensch im Universum zu sein – das ist ein Unterschied. Dieser Unterschied nagt an dem Protagonisten, so dass es später nur noch ein Ziel für ihn geben kann: zu Catherine zu kommen.

Der Film ist aufgeladen mit popkulturellen Referenzen. Solchen, die außerhalb der Ukraine etwas verloren gehen, weil Andriy immer ukrainische Lieder hört (auf Vinyl!), aber auch anderen, die universell sind. Ostrikov zitiert zum Beispiel Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum , und zwar musikalisch und vom Schnitt – aber nicht mit einem Knochen, der in die Luft geworfen wird und im Gegenschnitt im All einem Raumschiff, das ihm gleicht, sondern mit etwas sehr viel Praktischerem. Ein schöner Moment, der schmunzeln lässt, und das in einer Geschichte, die dafür nicht viel Anlass gibt.

Lange Produktion

Das Skript schrieb Ostrikov bereits 2015. Dann begann die lange Phase des Budgetsicherns, was immer wieder zu Verzögerungen führte, bis Ostrikov Anfang 2022 – noch bevor Russland die Ukraine überfiel – die Dreharbeiten abschließen konnte. Seine Hauptdarstellerin Alexia Depicker, die Catherine spricht, traf er dabei nie.

Wie Andriy interagierte er mit ihr nur remote. Fertiggestellt wurde der Film in den darauffolgenden zwei Jahren. Insbesondere die hübschen Effekte benötigten Zeit.

Ein Film über das Menschsein

U Are the Universe ist eine Allegorie auf die Hoffnung, die alle menschliche Existenz ausmacht, selbst in den düstersten Momenten der Einsamkeit. Ebenso geht es um die Liebe, um die Suche nach ihr, mehr noch um das Finden und das Festhalten, aller Widrigkeiten zum Trotz.

Natürlich ließ sich Ostrikov von einigen Filmen inspirieren und beeinflussen, diese Elemente arrangiert er aber um zu einem eigenständigen, von Melancholie getragenen Film, der gerade auch dadurch punktet, dass er den zähen menschlichen Willen zelebriert.

Denn Andriy hat sich in den Kopf gesetzt, Catherine zu sehen, und ordnet dem alles unter. Das gipfelt in einer der schönsten, treffendsten und wundervollsten Schlussszenen, die in ihrer Endgültigkeit Erinnerungen an Lars von Triers Melancholia aufkommen lässt.


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