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Twitter unter Elon Musk: Totalschaden mit Ansage

Seit dem Wochenende können viele Twitter -Nutzer keine Tweets mehr lesen. Für Elon Musk scheint das alles ein Witz zu sein.
/ Daniel Ziegener
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Geht's mit Twitter bergab? (Bild: Bing Image Creator/Golem.de)
Geht's mit Twitter bergab? Bild: Bing Image Creator/Golem.de

Wer am Wochenende in seiner Twitter-Timeline die Reaktionen zum Kinostart des neuesten Indiana-Jones-Films oder Diskussionen über den internationalen Ufo-Tag lesen wollte, ist beim Scrollen schnell auf eine Fehlermeldung gestoßen. "Tweets können zur Zeit nicht abgerufen werden" , hieß es für viele Nutzer(öffnet im neuen Fenster) .

Grund war eine ungewöhnliche Entscheidung von Twitter selbst: Das soziale Netzwerk beschränkt momentan, wie viele Nachrichten seine Nutzer lesen können . Gerade einmal 600 Tweets pro Tag darf man so zu sehen bekommen. Zahlende Nutzer durften immerhin noch 6.000 Tweets lesen, bevor sie sich mit einem anderen sozialen Netzwerk die Zeit vertreiben mussten. Die Limits sollen zwar schrittweise angehoben werden. Im Moment scrollen aber weiterhin viele in das strikte Rate Limit hinein.

Als Grund für diese "temporäre Notfallmaßnahme" gab Elon Musk an, man wolle das Scraping von Twitters Daten verhindern - ein Vorwurf, den Musk in ähnlicher Form schon in der Vergangenheit nutzte, um Twitter-Konkurrenten einzuschränken .

Das Resultat war ein für viele Nutzer unbenutzbarer Dienst - und Diskussionen über die tatsächlichen Gründe für den plötzlichen Einschnitt in die Leserechte. Diese wurden, wo auch sonst, soweit noch möglich auf Twitter diskutiert(öffnet im neuen Fenster) - und werfen alle kein gutes Bild auf die neue Geschäftsführung unter Elon Musk.

Twitter spart seine Infrastruktur kaputt

Dass die strikten Rate Limits zum 1. Juli 2023 eingeführt wurden, ist vielleicht kein Zufall. Zum 30. Juni lief ein Vertrag zwischen Twitter und Google Cloud aus . Dient die "temporäre Notfallmaßnahme" dazu, den Ausfall von Infrastruktur abzufangen?

Dagegen spricht ein Bericht von Bloomberg(öffnet im neuen Fenster) , nach dem Twitter seine offenen Rechnungen bei Google beglich und die Partnerschaft fortsetzt.

Trotzdem werfen die Fehlermeldungen erneut ein Schlaglicht auf die radikalen Sparmaßnahmen, die Elon Musk seit seiner Übernahme bei Twitter durchsetzt. Elon Musk selbst twitterte noch am Heiligabend 2022 darüber, höchstpersönlich eines "der empfindlicheren Server-Racks abgeklemmt" zu haben. Es verwundert also nicht, dass es in den vergangenen Monaten immer wieder zu verschiedenen technischen Problemen kam , sei es bei Links oder Twitter Spaces(öffnet im neuen Fenster) .

Kaputte Lösung für selbstgeschaffene Probleme

Der von Musk beklagte Anstieg des Scrapings, also des automatisierten Sammelns von öffentlich im Web verfügbaren Daten, könnte umgekehrt aber auch die Folge einer früheren Entscheidung sein. Im Januar 2023 begann Twitter damit, den Zugang zu seiner API einzuschränken . Ähnlich wie Reddit, das ebenfalls App-Entwicklern die kostenfreien Zugänge sperrt , begründet auch Musk das mit der Datengier von KI-Unternehmen. "Fast jedes Unternehmen, das sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, von Start-ups bis hin zu einigen der größten Unternehmen der Welt, hat riesige Mengen an Daten abgegriffen" , so Musk.

Der Blogger Andy Baio vermutet(öffnet im neuen Fenster) , dass diese Einschränkungen der API zu einem Anstieg des Scrapings führten - etwa zur Nutzung von Twitter-Daten in der akademischen Forschung(öffnet im neuen Fenster) .

Amateur Hour

Was auch immer der Grund für den Anstieg des Scrapings war, den Effekt seiner Gegenmaßnahme verschlimmerte Twitter wohl selbst. "Es scheint, dass Twitter sich selbst mit DDOS angreift" , stellte der Webentwickler Sheldon Chang(öffnet im neuen Fenster) am Samstag fest. Ein Softwarefehler scheint zwar nicht der Grund für die Limitierung zu sein, die Nutzbarkeit von Twitter aber zusätzlich verschlechtert zu haben. Chang bezeichnet den Zustand von Twitters Betrieb als "amateur hour" .

Möglicherweise liegt der Grund dafür eher in Unterbesetzung als Inkompetenz. Musk halbierte Twitters Mitarbeiterzahl und verlor damit viel institutionelles Wissen.

Musk übernahm Twitter im Oktober 2022 für 44 Milliarden US-Dollar, knapp ein halbes Jahr später schätzte er selbst den Wert des Unternehmens auf gerade einmal 20 Milliarden US-Dollar . Der Druck, Kosten zu senken, steht dem Schaffen neuer Einnahmequellen gegenüber.

Werbung für das bezahlte Abonnement?

Ist die "Notfallmaßnahme" also ein weiteres Druckmittel, um Nutzer zur Kasse zu bitten? Zwar sind auch Abonnenten von Twitters bezahltem Abonnement Blue von den Einschränkungen betroffen, erhalten jedoch ein deutlich höheres Limit als normale Nutzer des Dienstes. Zuletzt wurden bereits Features wie die Zwei-Faktor-Authentifizierung per SMS für Abonnenten exklusiv gemacht.

Twitter Blue kostet rund 10 Euro im Monat bzw. 100 Euro im Jahr. Nach Daten von Statista(öffnet im neuen Fenster) kam Twitter Blue im April 2023 auf eine Zahl von rund 640.000 zahlenden Kunden. Zwar ist ein Anstieg zu erkennen, die Einnahmen sind aber weiterhin weit davon entfernt, eine relevante Einnahmequelle für das Unternehmen zu werden .

Die bleiben weiterhin Werbekunden - von denen Twitter einige verlor. Daran scheint auch eine Drohung von Musk an seine ehemaligen Kunden nichts geändert zu haben. Der New York Times zufolge(öffnet im neuen Fenster) brachen die Werbeeinnahmen im April 2023 um 59 Prozent ein.

Twitter verliert, die Konkurrenz profitiert

Sollte das einer der motivierenden Faktoren hinter der Einführung des Leselimits gewesen sein, scheint es ein Eigentor. Der Twitter-Klon von Twittergründer Jack Dorsey beschränkte am Wochenende selbst kurz die Erstellung neuer Konten, um eigene Performanceprobleme aufgrund der hohen Nachfrage in den Griff zu bekommen.

"Mir wäre es lieber, wenn Elon Musk seine Seite unter der Arbeitswoche zerstören würde" , schrieb Mastodon-Entwickler Eugen Rochko(öffnet im neuen Fenster) . Auch die von ihm betriebene Mastodon-Instanz verzeichnete am 1. Juli 2023 eine überdurchschnittliche Zahl an aktiven Nutzern(öffnet im neuen Fenster) : Über den Samstag sei die Zahl der aktiven Nutzer sprunghaft um 110.000 angestiegen(öffnet im neuen Fenster) .

Die selbstverschuldeten Ausfälle von Twitter führten also erneut zu Anmeldewellen bei seinen direkten Konkurrenten, die Namen Bluesky(öffnet im neuen Fenster) und Mastodon(öffnet im neuen Fenster) gehörten am Wochenende zu den Twitter-Trends. Sogar das Bundesbauministerium(öffnet im neuen Fenster) nutzte die Gelegenheit, um auf seine Präsenz auf Mastodon hinzuweisen.

Wie lange kann Musk sich das Lachen noch leisten?

"Ich möchte Twitter auch besser machen als je zuvor, indem ich das Produkt mit neuen Funktionen ausbaue, die Algorithmen quelloffen mache, um das Vertrauen zu erhöhen, die Spam-Bots besiege und alle Menschen authentifiziere" , verkündete Musk 2022. Spam bleibt mehr als ein halbes Jahr später weiterhin ein Problem(öffnet im neuen Fenster) . Und auch sonst nehmen viele Nutzer Twitter als schlechter wahr denn je(öffnet im neuen Fenster) .

Dennoch witzelte Elon Musk am Wochenende über die massiven Probleme seiner Plattform. Es sei ironisch(öffnet im neuen Fenster) , dass sein Tweet über die Einführung des Tweet-Limits einer der meistgelesenen Tweets sei. Er empfahl Nutzern(öffnet im neuen Fenster) , doch einfach mal das Telefon zur Seite zu legen und mal wieder Freunde und Familie(öffnet im neuen Fenster) zu sehen.

Man kann Musks schmunzelige Kommentare auch als gefährliche Überheblichkeit verstehen. Er scheint sich sicher, dass Twitter seine wichtige mediale Rolle als "digitaler Marktplatz" , wie Musk es selbst immer wieder nennt, weiter innehat. So wie es momentan aussieht, wird Twitter entweder ein Marktplatz mit Eintrittsgebühr - oder einer, auf dem man vor lauter Schlaglöchern kaum stehen kann.

Zumindest auf dem Papier übergab Musk die Führung mittlerweile an jemanden, der " blöd genug " für diese Position war. Seit Kurzem ist Linda Yaccarino für die Rettung des unprofitablen Unternehmens verantwortlich . Wie das gelingen soll, wenn sich Musk weiter so aktiv in das Tagesgeschäft einmischt, bleibt fraglich.


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