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Twitter sperrt Kritiker: Elon Musks Kampf für freie Meinungsäußerung ist eine Lüge

Der Twitter -CEO lässt Accounts nach seinen eigenen Regeln sperren. Doch Hassrede und Desinformation sind nicht zu stoppen, solange sie vom CEO selbst ausgehen.
/ Daniel Ziegener
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Elon Musk spielt nach seinen eigenen Regeln. (Bild: Reuters/Brian Snyder)
Elon Musk spielt nach seinen eigenen Regeln. Bild: Reuters/Brian Snyder

Die Buhrufe sind unüberhörbar. Als Elon Musk bei einer Show von Dave Chapelle die Bühne betritt, fällt die Reaktion anders aus, als der Tesla-CEO sich das wohl gedacht hatte(öffnet im neuen Fenster) . Sogar das Publikum des gecancelten Comedians ist nicht mehr gut auf den einstigen Vorreiter der Elektromobilität zu sprechen. "Ich bin reich, Bitch" , schreit Musk, bevor er die Bühne verlässt.

Die Gerüchte, der neue Besitzer von Twitter habe Videos dieses demütigenden Auftritts löschen lassen, sind nicht bestätigt. An anderer Stelle hat sich die Sorge vor dem Machtmissbrauch durch Musk bestätigt: Der Milliardär ließ den Account Elonjet sperren , über den Twitter-Nutzer den Standort seines Privatjets verfolgen konnten. Nicht nur das, er sperrte auch den privaten Account von Betreiber Jack Sweeney und kündigte rechtliche Schritte(öffnet im neuen Fenster) gegen ihn an.

Obwohl sich Musk als Free-Speech-Absolutisten bezeichnet, ist ihm offenbar nicht jede Rede genehm. Die Grenze seiner Definition von freier Meinungsäußerung zieht er weder bei Verleumdungskampagnen gegen den baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragen , russischer Propaganda(öffnet im neuen Fenster) über den Angriffskrieg auf die Ukraine noch beim von Donald Trump in Kauf genommenen Sturm auf das US-Kapitol , sondern einzig bei sich selbst.

Elon Musk schreibt die Regeln nach Belieben neu

Dabei beteuerte Musk(öffnet im neuen Fenster) noch vor wenigen Wochen, seine "Verpflichtung zur Meinungsfreiheit erstreckt sich sogar darauf, das Konto, das meinem Flugzeug folgt, nicht zu sperren, obwohl dies ein direktes persönliches Sicherheitsrisiko darstellt" . Nach einem angeblichen Stalking-Vorfall(öffnet im neuen Fenster) sieht er es plötzlich anders – und ändert einfach die Regeln seiner Firma.

Ab sofort wird "jedes Konto, das Echtzeit-Standortdaten von jemandem veröffentlicht" , gesperrt. Das gelte auch für das Posten von Links zu Websites mit Echtzeit-Standortinformationen. Zeitweise(öffnet im neuen Fenster) waren am 15. Dezember Tweets zum Instagram-Profil von Elonjet nicht möglich. Schlüssig ist diese Argumentation nicht, denn der Standort von Musks Gulfstream-G650-Privatjet N628TS ist eine öffentlich verfügbare Information(öffnet im neuen Fenster) .

"Ich hoffe, dass selbst meine schlimmsten Kritiker auf Twitter bleiben" , schrieb Musk zu Beginn der Übernahmeverhandlungen, "denn das bedeutet Meinungsfreiheit." Dabei waren die Informationen von Sweeneys Account schon oft Anlass für Kritik(öffnet im neuen Fenster) an Musk. Den Account loszuwerden, war Musk schon lange ein Anliegen(öffnet im neuen Fenster) – nun hatte er endlich die Macht dazu, ihn zu löschen.

Nun entscheidet Musk allein, welche Informationen diesen Kritikern zugänglich sein sollen. Die leeren Profile von Elonjet und Sweeney reißen endgültig ein Loch in Musks Erzählung, er sei ein absoluter Verteidiger der freien Meinungsäußerung. Und nirgendwo wird das deutlicher als in den Meinungen, die er selbst immer häufiger äußert.

Freie Rede nur für Musks eigenes Geschwurbel

"Entweder wird der woke Gedanken-Virus besiegt oder alles andere ist unwichtig" , twitterte Musk(öffnet im neuen Fenster) am 12. Dezember 2022. Stand heute: mehr als 630.000 Likes. Zwischen seinen mittlerweile Zigtausenden Tweets (Musk ist nahezu täglich auf der Plattform aktiv) fällt so ein Kommentar zunächst kaum auf. Aber die fatalistische Endzeitfantasie zeigt, wo das vermeintliche Technikgenie ideologisch steht – und dass er mit jedem neuen Tweet eine Brücke nach der anderen abbrennt.

Musk greift mit seinem Woke-Virus-Tweet ein zentrales Narrativ jeder Verschwörungsideologie auf: das der ahnungslosen bis fremdgesteuerten Masse. Was mal als das harmlose Schlafschaf begann, wurde in der Memifizierung des Onlinediskurses zum NPC(öffnet im neuen Fenster) – ein Narrativ, das auch an Musks Theorie von der simulierten Welt andockt .

Die nächste Stufe ist nun, den anderen die Infektion mit einem Virus zu unterstellen. Das ist eine weitere Eskalationsstufe in der Bildsprache – denn anders als Schafe oder NPCs ist der Feind auf einmal ansteckend und damit gefährlicher. Diese mit Verschwörungstheorien aufgeladene, entmenschlichende Die-oder-wir-Rhetorik lässt ihren Anhängern kaum noch Handlungsspielraum für etwas anderes als die Konfrontation.

Die Twitter Files sind einseitig und manipulativ

Nun will Musk in seinem Kampf gegen die Wokeness Twitters dunkelste Geheimnisse(öffnet im neuen Fenster) ausgraben – analog zu Donald Trump, der den angeblich korrupten Sumpf von Washington trockenlegen wollte. Während Trumps Anhänger nach der Amtsübernahme vergeblich auf die Veröffentlichung der vollen Berichte über JFK(öffnet im neuen Fenster) , 9/11(öffnet im neuen Fenster) und den Ufo-Absturz bei Roswell(öffnet im neuen Fenster) warten mussten, veröffentlichte Musk in den letzten Wochen unter anderem Details zur Twitter-Sperre des abgewählten Präsidenten.

Dabei steckt in diesen #TwitterFiles nicht nur viel heiße Luft, die Leaks bedienen auch noch ein einseitiges Narrativ, statt der Wahrheitsfindung zu dienen. Die Welt-Kolumnistin Bari Weiss soll sogar Zugang zum Backend(öffnet im neuen Fenster) bekommen haben. In den Veröffentlichungen nutzt sie das für wenig mehr als melodramatisch ausgewalzte Slack-Chats(öffnet im neuen Fenster) der Diskussionen zu Trumps Account-Sperre nach dem 6. Januar 2021.

Twitter-Mitgründer Jack Dorsey gibt sich wenig besorgt(öffnet im neuen Fenster) , sondern betont die Einseitigkeit der Veröffentlichung. "Ich wünsche mir immer noch, dass Twitter und jedes andere Unternehmen bei all seinen Handlungen eine unangenehme Transparenz an den Tag legt" , schreibt Dorsey und fordert eine viel umfassendere Veröffentlichung, die mehr Interpretationen erlaube als das eines Narrativs von der Unterdrückung konservativer Stimmen, das Musk forciert.

Ein Schlag ins Gesicht aller echten Whistleblower

Geradezu pervers ist, dass sich der CEO mit den Twitter Files als Whistleblower innerhalb seines eigenen Unternehmens inszeniert. Echte Whistleblower bezahlen oft mit ihrer Freiheit, um der Öffentlichkeit die Wahrheit mitzuteilen. Chelsea Manning ist dafür ins Gefängnis gegangen , dass sie Dokumente von US-Diensten an Journalisten weitergab – und damit echtes Unrecht der US-Regierung aufgedeckt hat.

Auch ehemalige Twitter-Mitarbeiter bezahlen für die Veröffentlichungen der Twitter Files. Yoel Roth, Twitters ehemaliger Head of Trust and Safety, musste sein Zuhause verlassen, nachdem er Drohungen erhalten hatte(öffnet im neuen Fenster) . Das ist nicht journalistisch, sondern unverantwortlich – und erinnert fatal an den Prototyp für Twitter-Hassmobs zum Höhepunkt von Gamergate(öffnet im neuen Fenster) .

Elon Musk selbst bezahlte hingegen weder mit seiner Sicherheit noch mit seiner Freiheit, sondern lediglich überzogenen und über Schulden finanzierten 44 Milliarden US-Dollar. Und er riskiert nichts, außer seinem Ruf und dem Erfolg seiner anderen Unternehmen, Tesla und SpaceX. Nach Daten von Yougov(öffnet im neuen Fenster) ist das Ansehen von Tesla gesunken, laut einer neuen Umfrage im Auftrag des Spiegel(öffnet im neuen Fenster) beurteilt rund die Hälfte der Befragten Musks Verhalten als negativen Einfluss auf den Autobauer.

Zu Gamergate steht in den ausgewählten Twitter Files übrigens ebenso wenig wie zu Dutzenden gelöschten Accounts aus dem Umfeld der Occupy-Bewegung(öffnet im neuen Fenster) , der Sperrung venezolanischer Regierungsaccounts(öffnet im neuen Fenster) oder einer aktuell laufenden Sperrkampagne(öffnet im neuen Fenster) gegen links ausgerichtete Accounts.

Die Maske war schon längst gefallen

Der Milliardär, der mit seinen Elektroautos den alten Automobilkonzernen den Kampf ansagt und vom Weltraum träumt – diese Erzählung hatte utopisches Potenzial. Musk wirkte ökologisch, liberal, modern. Er schien wie ein real gewordener Tony Stark, der sogar mit einem Cameo im zweiten Iron-Man-Film auftauchte.

Seit Elektromobilität nicht mehr als linksgrünversifftes Hippiegetue gilt, sondern auch in konservativen Kreisen en vogue ist, hat sich Elon Musk neue Freunde gesucht: gecancelte Comedians, Krieger im US-Kulturkampf, die republikanische Partei .

Musk ist längst viel mehr als der exzentrische Bösewicht aus einem Bond-Film , den man zuletzt noch naiv belächeln konnte. Mit jedem neuen transfeindlichen Tweet, mit jedem weiteren Rücken in Richtung der extremen politischen Rechten wird dieses Bild zu einer geradezu verantwortungslosen Verharmlosung.

Musk wollte mal Elektroautos bauen und den Mars besiedeln. Stattdessen ist der Horizont seiner Vision immer weiter geschrumpft. Jetzt arbeitet er sich lieber an vermeintlichen Gutmenschen ab und stellt sich in der Coronapandemie an die Seite der Feinde der Wissenschaft. Mit dem Kauf von Twitter ist er selbst zum Totalschaden für die Meinungsfreiheit geworden, die er angeblich verteidigen will.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)


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