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Twike 5: Mit Tempo 100 im Dreirad

"So viel Beschleunigung braucht kein Mensch": ein Besuch bei Twike und eine ungewöhnliche Probefahrt im Fahrerprobungsträger.
/ Martin Wolf
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Eine verwegene Mischung aus Batmobil, Stabilbaukasten und E-Bike: Martin Möscheid fährt den Fahrerprobungsträger des Twike 5. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Eine verwegene Mischung aus Batmobil, Stabilbaukasten und E-Bike: Martin Möscheid fährt den Fahrerprobungsträger des Twike 5. Bild: Martin Wolf/Golem.de

Das dreirädrige Elektromobil Twike ist ein ungewöhnliches Produkt, daher erstaunt es wenig, dass auch die Firma dahinter alles andere als normal ist. Ihr Geschäftsführer Martin Möscheid vergleicht sie im Gespräch mit Unkraut: "Nicht totzukriegen."

Wir treffen uns im Hauptsitz von Twike im malerisch gelegenen Rosenthal zwischen Marburg und Kassel, 90 Autominuten von der Frankfurter Innenstadt entfernt. In der unteren Etage setzen wir uns an einen einfachen Biertisch, um uns herum Werkbänke, im hinteren Teil des Gebäudes sind Handwerker zugange.

"Wir bekommen zwei Hebebühnen, die in den Boden eingelassen werden" , erklärt Möscheid und bittet, den Krach zu entschuldigen. Hier soll in den kommenden zwölf Monaten die Fertigung des Twike 5 beginnen. Regale gibt es schon, ein paar Werkzeuge auch – aber ansonsten wirkt es nicht allzu sehr so, wie man sich einen Fahrzeugbauer landläufig vorstellt.

Dabei wurden hier schon einmal Twikes zusammengebaut, nur kamen die nicht aus Rosenthal.

Schweizer Ursprung

1986 hatten ein paar junge Schweizer die Idee, auf der Expo im kanadischen Vancouver(öffnet im neuen Fenster) ihr Projekt 50/50 zu präsentieren: 50 km/h Höchstgeschwindigkeit für zwei Personen auf ebener Strecke bei maximal 50 Kilogramm Gewicht war ihre selbstgewählte Vorgabe, der Name ist verkürzt aus Twin und Bike.

Martin Möscheid zeigt das Twike 5
Martin Möscheid zeigt das Twike 5 (11:14)

Das Twike 1(öffnet im neuen Fenster) bekam den Functionality Award für die beste ergonomische Gestaltung. Es war das einzige teilnehmende Fahrzeug ohne Verbrennungsmotor. Bei dem Wettbewerb International Human Powered Vehicle Speed Championship 1986 gewann Twike in der Kategorie der alltagstauglichen Fahrzeuge.

So ganz klappte es damals nicht mit der praktischen Nutzbarkeit, ohne Hilfsmotor war das Vehikel noch immer zu schwer zu bewegen. Das Gründerteam gab jedoch nicht auf.

Knapp am X Prize vorbei

Zehn Jahre später sollte das Twike 3 mit einer professionalisierten Produktion und dem Kapital einer eigens gegründeten AG die Elektromobilität auf drei Rädern neu definieren. Allerdings gab es zunächst nur knapp 200 ausgelieferte Twikes.

Deren Besitzer einte das gute Gefühl, einem exklusiven Club anzugehören. Auch Martin Möscheid war darunter. Mit seinem Bruder beschloss er 1998, einen deutschen Ableger namens Fine Mobile GmbH zu gründen, um Twikes zu verkaufen und zu reparieren.

Währenddessen ging in der Schweiz die Entwicklung der nächsten Twikes zunächst gut voran, doch im Jahr 2002 geriet das Unternehmen in finanzielle Schieflage. Aus der Konkursmasse erlangten die Deutschen rund um Martin Möscheid die Rechte am Namen und Design sowie jede Menge Ersatzteile.

Aus diesen entstanden in der Rosenthaler Werkstatt noch einige Twike 3, auch die Unterstützung der Twike-Gemeinde mit Reparaturen und Komponenten übernahmen die Brüder exklusiv.

Ausgerechnet das Klima verursacht Probleme

Für das Twike 4 planten die Rosenthaler einen doppelten Befreiungsschlag: Sie würden 2010 am Wettbwerb X Prize in den USA teilnehmen und so die Bekanntheit der Marke sprunghaft steigern. Im besten Falle gewännen sie auch einen Teil des ausgelobten Preisgeldes von 10 Millionen US-Dollar und hätten damit ein finanzielles Polster für die Serienproduktion.

Zumindest teilweise gelang der tollkühne Plan. Bei einem Ausweichmanöver ähnlich dem berühmten Elchtest(öffnet im neuen Fenster) fuhr Martin Möscheids Bruder ein eigens für den Wettbewerb entwickeltes Twike 4 im ersten Anlauf zu schnell in die Schikane und geriet ins Schlingern. Er riss einen der Pylone der Absperrung um, während eines der drei Räder vom Boden abhob.

Der Grund war ein winziges Detail, das die Brüder nicht bedacht hatten: Das Twike beschleunigt mit einer selbstzentrierenden Zweiwegewippe unter dem Zeigefinger, ähnlich dem Feuerknopf bei einem Joystick. Lässt man die Wippe los, rollt das Gefährt, bei Druck nach unten rekuperiert es.

Die Wippe am Wettbewerbs-Twike war in einen Holzgriff eingepasst worden. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit in Michigan quoll dieser leicht auf und verklemmte beim Loslassen den Mechanismus. Das Twike fuhr weiter beschleunigend in den Parcours.

Beim entscheidenden nächsten Durchlauf half Möscheids Bruder ein wenig nach und drückte die Wippe zurück in die Neutralposition. Sie bestanden die Prüfung, aber für den Hauptgewinn reichte es am Ende doch nicht, wie Martin Möscheid erzählt.

"Zum Schluss [gab es] ein Rennen mit fünf Fahrzeugen. Von diesen fünf Fahrzeugen haben wir dann den dritten Platz gemacht. Schade, es gab kein Geld, aber es gab zumindest das, was wir uns vorher vorgenommen haben. Wir wollten auf dem Siegertreppchen stehen."

In all den Jahren seit den ursprünglichen Schweizer Twikes hatte sich jedoch wenig an der Grundkonstruktion getan. Im Gegensatz dazu gab es in der Welt der Elektromobilität rasante Fortschritte auf nahezu allen Gebieten. Relevant für Twike waren besonders die Motor- und Akkutechnologie.

Statt das klassische Twike 4 weiterzuentwickeln, entschloss man sich zum Neustart.

Twike 5 ist eine Neuentwicklung

Knapp acht Jahre später zeigt Martin Möscheid auf ein schwarzes Gefährt, das aussieht wie eine verwegene Mischung aus Batmobil, Stabilbaukasten und E-Bike. Der sogenannte Fahrerprobungsträger des Twike 5 ist fahrbereit, hat aber keine Karosserie, lediglich eine Frontscheibe schützt die Insassen. Neben letzten Feinarbeiten an der künftigen Position von Außenspiegel oder Sitzschale diene das Modell vor allem zum Testen, sagt Martin Möscheid.

"Da gibt es gewisse Fahrmanöver, die noch abgesichert werden müssen, um das Miteinander abzustimmen, in welcher Art und Weise das Drehmoment abgerufen wird. Wir haben immer noch die Wippe von damals, die hat jetzt Soft-Touch. Wenn man die betätigt, ist die Anforderung zum Beispiel, bei 50 Prozent des Hubs dieser Wippe sollen nur 25 Prozent des Drehmoments abgerufen werden. Erst auf den letzten 50 Prozent geht das dann hoch bis auf die 100 Prozent. So kann man mit hoher Sensibilität zum Beispiel über eine Bordsteinkante fahren."

Mit ungeübtem Blick ist kaum zu erkennen, wie viele sorgsam erdachte Details in dem Modell stecken. Dabei sind sie durch die fehlende Außenhülle gut zu sehen – wenn man weiß, worauf man achten muss.

Zwei Lenkhebel als Zügel

Da wäre zunächst die gegenläufig funktionierende Lenkung: Zwei miteinander verbundene Lenkhebel steuern mechanisch die lenkende Vorderachse, ähnlich den Zügeln bei einer Pferdekutsche. Vorn befindet sich jetzt ein Pkw-Rad an einer Doppel-Längslenker-Schwinge.

Den Antrieb leistet ein 150-Kilowatt- und bis zu 290 Newtonmeter starker Synchronmotor unter dem Kofferraumboden. Zusätzlich können die Insassen per Pedale bis zu 15 Prozent Leistung liefern.

Die Software auf den Farbbildschirmen auf der Fahrerseite ist noch wenig funktional, aber die Rückfahrkamera zeigt schon mal ein Bild, auch die Geschwindigkeit und Fahrstufe sind erkennbar. Die motorisierten Fensterheber der finalen Version fehlen – ebenso wie die Fenster. Die Akkus werden sich hingegen auch später unsichtbar im Boden befinden. Sie verbessern durch ihr Gewicht den Gesamtschwerpunkt und damit die Straßenlage.

Und die ist extrem gut, wie wir bei einer kurzen Ausfahrt mit Martin Möscheid herausfinden. Zuvor hatten wir die gleiche Tour schon einmal mit einem Twike 3 zurückgelegt, um einen Maßstab zum Vergleich zu haben.

Twikefahren macht schon im 3er-Modell Spaß, aber als Martin Möscheid den Stromknopf des Joystick-Steuerknüppels unter seinem Zeigefinger durchdrückt, wird der Abstand zum 4er sehr schnell klar – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Modell schießt in Sekundenbruchteilen nach vorn, und der Tacho zeigt nach nur wenigen Metern 100 km/h an. "Wir sind auch hier in so einen Bereich reingerutscht, der regelrecht ins Unsinnige geht" , sagt Martin Möscheid. "So viel Beschleunigung braucht kein Mensch. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 190."

Dass uns dabei nicht angst und bange wird, liegt auch daran, dass die Rosenthaler an der Balance gearbeitet haben. Das Twike hat kaum Seitenneigung, es liegt selbst bei extremen Manövern stabil auf der Straße, die in unserem Fall ein asphaltierter Feldweg mit engen Kurven ist. Die dickeren Reifen bieten mehr Federung als beim alten Modell. Überhaupt wirkt das neue Twike so viel mehr wie ein autoähnliches Gefährt als die Versionen davor.

Auf richtige Straßen darf das Mobil noch nicht, erst der Prototyp wird dafür zugelassen sein. Den dürfen in voraussichtlich einem halben Jahr auch die Kunden von Twike vor Ort antesten. Allerdings fehlt noch die EU-Homologation. Das bedeutet etwas Papierkrieg, dem Martin Möscheid gelassen entgegensieht.

Einen TÜV braucht es später auch, alle zwei Jahre sollte das Twike überprüft werden. Am liebsten wäre es den Rosenthalern, wenn die Twiker bei ihnen direkt vorbeikämen – so hätten sie gleich einen guten Eindruck davon, wie sich das Gefährt über die Zeit verhält.

Das Twike 5 soll als dreirädriges Kraftfahrzeug über 45 km/h zugelassen werden. Wie bei seinen Vorgängern steht natürlich die Frage nach der Sicherheit im Raum.

Sicherheit beim Fahren, Unsicherheit beim Lieferdatum

Immer größere, schwerere Autos stellen eine Gefahr für fragile Verkehrsteilnehmer wie das Twike dar, die sich mit ihnen die Straße teilen. Berechnet haben sie alles: wie das Dach eingedrückt wird, die Seiten und auch die Front, sagt Martin Möscheid. Aber Crashtests müssen sie nicht machen. Auch die anderen derzeit vorgeschriebenen smarten Sicherheitsmerkmale bis hin zum Notrufknopf und ständiger Mobilfunkverbindung bleiben vierrädrigen Autos vorbehalten. Gurte und ein Überrollbügel sind jedoch vorhanden.

Twike-Fans haben die Produktion des neuen Twike vorfinanziert und werden nicht nur per Blog(öffnet im neuen Fenster) auf dem aktuellen Stand gehalten, sondern kommen auch mal vorbei, um den Machern auf die Finger zu schauen. Des Weiteren gibt es auch immer mal wieder Events(öffnet im neuen Fenster) , in deren Rahmen beispielsweise der Schweizer Twike-Klub(öffnet im neuen Fenster) zusammenkommt.

Derzeit hat das Unternehmen zehn Angestellte. Das muss sich mit dem Produktionsstart des Twike 5 ändern. Auch das frühere Volumen von einem Mobil pro Woche soll drastisch hochgeschraubt werden: Zwei pro Tag wären technisch möglich, sagt Martin Möscheid.

Twike unter Zugzwang

Aber er weiß auch: Jedes gebrochene Versprechen, jede schlecht kommunizierte Änderung macht die Luft dünner für Twike, wenngleich die Kundschaft außerordentlich geduldig ist. Hinzu kommt, dass die Produktion des neuen Modells wesentlich weniger Manufakturcharakter haben darf, um profitabel zu sein. "Wenn wir mit der Produktion starten, muss von jedem Teil mindestens eins da sein. Man muss mit allen ja die Liefervereinbarungen treffen. Das ist komplex. Wir setzen den Prozess so auf, dass wir dann 500 Fahrzeuge hintereinander bauen können."

Innerhalb des nächsten Jahres sollen Prototyp und Produktion stehen. Allerdings gab es die Ankündigung des Marktstarts bereits vor fünf Jahren schon einmal(öffnet im neuen Fenster) .

Twike nimmt mit der Version 5 erneut Anlauf, um in einem Nischenmarkt zahlungskräftige Kundschaft zu finden. Die Spielregeln haben sich in den letzten Jahren jedoch geändert: E-Mobilität ist ein Produkt wie jedes andere geworden. Twike geht mit der Zeit, indem die neue Plattform modernen Ansprüchen mit Screens, Leistung und Komfort genügen soll. Die alte Kundschaft sieht das mitunter nicht ganz unkritisch, sagt Möscheid. "Wir kriegen schon auch so angedeutet: Ihr macht das jetzt auch so wie die Automobilindustrie. Größer, weiter, schneller. Das muss doch alles gar nicht sein. Ein Stück weit kann ich das nachvollziehen."

Twikes Historie ist eine Geschichte des kontinuierlichen Wissenszuwachses. Als Studentenprojekt gestartet, über die Jahre mit unentgeltlicher Hilfe von Experten aus der Automobilbranche verbessert und durch immer neue Kontakte zu Zulieferern sowie den Aufschwung der Elektromobilität beflügelt, könnte es mit der Version 5 eine breitere Käuferschaft anlocken. Ein Preis jenseits von 40.000 Euro steht dem jedoch entgegen. Dafür bekommt man derzeit bereits ein neues Elektroauto mit beachtlicher Ausstattung. Fast 3.000 Vorbestellungen gibt es dennoch(öffnet im neuen Fenster) .

"Das Fahrzeug hat den Charme eines Messerschmitt-Kabinenrollers mit Pedalantrieb" , schrieben wir im Jahr 2010 bei der Vorstellung des Xprize-Twike. Die Version 5 machte auf uns eher den Eindruck eines dreirädrigen E-Sportwagens mit integriertem Ergometer.

Wenn das Twike 5 auf die Straße kommt, dann zieht es auf jeden Fall die Blicke auf sich – und bleibt damit in der Tradition der Firma: alles andere als gewöhnlich.


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