True Crime: Wenn die KI auf Youtube mordet
Im Jahr 1967 feierte mit Aktenzeichen XY ... ungelöst das erste True-Crime-Format in Deutschland TV-Premiere. Moderator Eduard Zimmermann berichtete viele Jahrzehnte in staatstragender Manier über Mord und Totschlag. Einspielfilme, die das Verbrechen in allen Details zeigen, sind bis heute der Garant für den Unterhaltungsfaktor und gruselige Momente. Allerdings hatten die Macher des Formats von Anfang an den Anspruch, Verbrecher mithilfe der Polizei und den Zuschauern hinter Schloss und Riegel zu bringen.
KI führt einmal mehr dazu, die Regeln für solche True-Crime-Formate auf ein fragwürdiges Niveau zu drücken. Hier wird reales menschliches Leid als reine Geldmaschine missbraucht.
KI denkt sich Verbrechen aus
In den USA erregte unlängst ein Vorfall Aufmerksamkeit, der auf vielfache Weise erschüttert. Ein Mann hatte über Youtube einen Kanal mit dem Titel True Crime Case Files gestartet. In über 150 Videos ging es zumeist um wirklich abscheuliche Verbrechen und sexuelle Vergehen. Einige Geschichten erreichten bis zu zwei Millionen Views.
Nur sind sämtliche Verbrechen komplette KI-Hirngespinste. Das Onlineportal 404 Media hat unter anderem über den Fall berichtet(öffnet im neuen Fenster). Auf den Hinweis, dass es sich um KI-generierte Geschichten handelt, hatte der Kanalbetreiber verzichtet.
Youtube hat den Kanal inzwischen abgeschaltet. Doch eine einfache Plattformrecherche zeigt: Fast jeden Tag tauchen neue Formate in ähnlicher Machart auf. Die Zahl der Abonnenten bewegt sich zum Teil im fünfstelligen Bereich. Inzwischen gibt es sogar zahlreiche Anleitungen auf Youtube, wie sich solche erfundenen True-Crime-Filme mit wenigen Handgriffen und viel KI herstellen lassen.
Die Macher versprechen Einnahmen von täglich 500 bis 600 US-Dollar oder mehr. Wen es interessiert, der möge auf Youtube einmal suchen. Um diese Masche nicht noch zusätzlich zu pushen, verzichten wir an dieser Stelle auf eine Verlinkung.
KI normalisiert Vorurteile – und Youtube scheint überfordert
Bei der Recherche für diesen Artikel hat Golem selbstverständlich auch bei Youtube nachgefragt. Von dort kamen nur ein paar wohlig formulierte allgemeine Statements zurück. "Alle auf Youtube hochgeladenen Inhalte unterliegen unseren Community-Richtlinien, unabhängig davon, wie sie erstellt wurden. Inhalte, die gegen diese Richtlinien verstoßen, werden von der Plattform entfernt. Darüber hinaus werden Inhalte, die gegen die Monetarisierungsrichtlinien von Youtube verstoßen, aus dem Youtube-Partnerprogramm entfernt und können keine Einnahmen mehr erzielen."
Das funktioniert allerdings nicht ganz so gut wie beschrieben. Vor der Antwort bat die Plattform um einen Link zu einem Kanal, auf dem offensichtlich frei erfundene KI-Verbrechen verbreitet werden. Der Wunsch konnte erfüllt werden. Youtube bestätigte uns dann, der Kanal sei nun entfernt. So konnte Golem zumindest dazu beitragen, die digitale Welt ein wenig besser zu machen. Nur entstehen erhebliche Zweifel, ob Youtube die Lage tatsächlich im Griff hat.
KI verzerrt die Realität
Neben den lückenhaften Maßnahmen der Plattform gegen solche KI-Auswüchse verstören noch andere Dinge an dieser Geschichte.
KI wird von einigen Menschen als reine Gelddruckmaschine gesehen. Moral und Ethik spielen für die Betreiber solcher Kanäle offenbar keine Rolle. Plattformen, die solche Inhalte nicht in jeglicher Form unterbinden, trifft zumindest eine Mitschuld. Bei den Abonnenten solcher Kanäle entsteht ein verzerrtes Bild der Realität. Es werden Vorurteile verbreitet, die sich durch den Konsum solcher Inhalte verfestigen.
Vor allem der zweite Punkt ist beunruhigend. In vielen der von der KI erfundenen Kriminalfälle tauchen farbige Männer als Täter auf. Je öfter Menschen solche erfundenen Verbrechen konsumieren, desto mehr normalisiert sich für sie das Bild eines farbigen Täters. Dabei spielt es im Übrigen keine Rolle, ob jemand weiß, dass es sich um KI-generierte Videos handelt oder nicht.
Mord ist keine Unterhaltung
Auch die teilweise abscheulichen Details, die in den Fake-Crime-Geschichten bis ins Kleinste beschrieben werden, verstören. Sie dienen der reinen Unterhaltung und sollen Aufmerksamkeit erzeugen, damit möglichst viele Menschen das Video anschauen. Denn jeder Klick bedeutet bares Geld für die Betreiber solcher KI-Formate auf Youtube.
Einigen True-Crime-Formaten haftet sowieso schon seit längerer Zeit das Label an, Verbrechen als reine Unterhaltung zu vermarkten. Erst kürzlich beendete der Bayerische Rundfunk (BR) die Zusammenarbeit mit einer True-Crime-Show, die mit dem Sender-Logo durch die Lande tourte. Der Fall erntete Kritik, weil einer der Präsentatoren in einen der auf der Bühne publikumswirksam präsentierten Mordfälle direkt involviert gewesen(öffnet im neuen Fenster) war.
Seriöse Formate distanzieren sich von KI-True-Crime
Durch True-Crime-Formate, die der reinen Unterhaltung dienen, leiden die vielen seriösen Formate, die durch viel Rechercheaufwand teilweise neue Ansätze für die Ermittlungsteams bei der Polizei liefern. Für ein solches Format arbeitet Mattis Kießig beim MDR als verantwortlicher Redakteur. Gegenüber Golem distanziert er sich ausdrücklich von den beschriebenen KI-Kanälen und deren frei erfundenen Geschichten.
"Für unseren True-Crime-Podcast haben wir den Unterhaltungswert auf ein Minimum reduziert. Wir verzichten auf dramatische Elemente wie Musik oder eingespielte Geräusche", sagt er. Ein riesiger Aufwand stecke hinter jeder einzelnen Folge. "Je nach Bedeutung des Falls gehen wir minutiös die Ermittlungsakten noch einmal durch und erläutern transparent, wie der Stand der Dinge ist. So geben wir unseren Zuhörern die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen."
Die Community muss handeln
Für diese Herangehensweise ernten Mattis Kießig und sein Team beim MDR auch Lob von den Hinterbliebenen. Gerade bei Fällen, in denen ein Täter bislang noch nicht ermittelt werden konnte, hoffen die Angehörigen von Opfern durch die Sendung auf neue Zeugenaussagen. Denn ohne einen Täter bleiben Familie und Freunde von Opfern mit vielen quälenden Fragen allein zurück.
Deswegen ist es umso wichtiger, solchen KI-Auswüchsen die rote Karte zu zeigen(öffnet im neuen Fenster). Wenn Youtube es allein mit eigenen Hausmitteln nicht schafft, braucht es die Mithilfe der Plattform-Community. Wer künftig auf solche komplett KI-generierte True-Crime-Formate stößt, sollte diese bei Youtube melden.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).
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