Infektionsketten: Islands Corona-App ist wenig hilfreich

In der Coronapandemie nutzen fast 40 Prozent der Isländer eine Tracing-App. Doch die Behörden verlassen sich lieber auf manuelle Kontaktverfolgung.

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Die isländische Corona-App hat einen sehr hohen Verbreitungsgrad.
Die isländische Corona-App hat einen sehr hohen Verbreitungsgrad. (Bild: play.google.com/Screenshot: Golem.de)

Wie hilfreich sind sogenannte Corona-Apps bei der nachträglichen Verfolgung von Infektionsketten? Einem Bericht der MIT Technology Review zufolge messen isländische Behörden ihrer Corona-App nur einen sehr eingeschränkten Nutzen bei, obwohl sie in der Bevölkerung fast eine Verbreitung von fast 40 Prozent erreicht. Allerdings basiert die App auf einem technisch anderen Konzept als die geplante App der Bundesregierung.

Dem Bericht zufolge hat Island die App Rakning C-19 bereits Anfang April gestartet. Diese misst potenzielle Kontakte zwischen Infizierten und Nutzern allerdings nicht per Bluetooth, sondern wertet die Standortdaten aus, die per GPS ermittelt werden. Dem Bericht zufolge hat Rakning C-19 den höchsten Verbreitungsgrad weltweit. 38 Prozent der rund 364.000 Isländer haben sich demnach die für iOS und Android verfügbare App heruntergeladen.

Deren Nutzen sei im Vergleich mit anderen Kontaktverfolgungsmaßnahmen, wie Telefonanrufen, jedoch vergleichsweise gering. "Die Technik ist mehr oder weniger ... ich würde nicht sagen nutzlos", sagte Gestur Pálmason vom isländischen Polizeidienst, der die Kontaktverfolgungen überwacht, "aber es ist die Integration der beiden, die zu Ergebnissen führt." Pálmason zufolge hat sich die Technik in einigen Fällen als nützlich erwiesen, brachte aber keinen Durchbruch.

Seiner Ansicht nach waren die Daten in einigen Fällen durchaus brauchbar, doch die Wirkung automatisierter Kontaktverfolgung werde von Leuten übertrieben dargestellt, die erpicht darauf seien, für die Pandemie eine technische Lösung zu finden. "Das ist nachvollziehbar, weil man eine App kaufen kann. Aber ich kann nur sehr deutlich machen, dass manuelle Kontaktverfolgung nicht weniger wichtig ist."

Selbst die hohe Quote von 38 Prozent bedeutet, dass bei einem zufälligen Zusammentreffen zweier Isländer nur eine Wahrscheinlichkeit von rund 14 Prozent besteht, dass beide die App installiert haben. Selbst bei einer Quote von 50 bis 60 Prozent liegt die Wahrscheinlichkeit nur zwischen 25 und 36 Prozent.

Datenbank mit Corona-Trackern erstellt

Die Zeitschrift hat inzwischen eine Datenbank mit den weltweit im Einsatz befindlichen Tracing-Apps angelegt. Diese umfasst derzeit 25 Länder. Darin wird unter anderem angegeben, ob die App auf Freiwilligkeit basiert, die Daten nur für den bestimmten Zweck nutzt, transparent ist und auf welcher Technik sie basiert. Von den 25 genannten Apps sind bereits 16 im Einsatz. Neun Länder, darunter Deutschland und die Schweiz, entwickeln noch die Programme. Das hängt auch damit zusammen, dass die zugrundeliegende Bluetooth-Schnittstelle von Google und Apple noch nicht veröffentlicht wurde.

In der Schweiz wird zudem darüber gestritten, ob es für den Einsatz der App eine gesetzliche Grundlage geben muss. Das hält die Regierung in Deutschland bislang nicht für erforderlich. Allerdings räumt auch die Bundesregierung ein, dass die App kein "Allheilmittel" zur Bekämpfung der Coronapandemie sei. Sie sei kein "Freifahrtschein", um sich nach dem Herunterladen der App so zu verhalten, als gäbe es keine Pandemie. Besser als die Erkennung und Unterbrechung von Infektionsketten sei es, Neuinfektionen zu verhindern. Die Erkennung sei daher erst ein zweiter Schritt. Für den Gesamtverlauf der Epidemie besäßen das Einhalten von Abständen und Hygieneregeln sowie das Tragen von Masken "eine viel zentralere Bedeutung".

Bislang ist geplant, dass die Deutsche Telekom und SAP die App Mitte Juni veröffentlichen. Die Bürger können die App freiwillig installieren. Der Europaabgeordnete Axel Voss (CDU) schlug jedoch vor, die Nutzer der App beim Besuch von Restaurants und Kinos oder bei Reisen bevorzugt zu behandeln.

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