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Tron - Ares: Zukunft von gestern

In Tron: Ares erinnert Technologie eher an Zauberei und obwohl der Film aktuell sein will, wirkt seine Erzählung schon jetzt veraltet.
/ Daniel Pook
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Poster von Tron: Ares mit Light Cycle (Bild: Walt Disney Pictures)
Poster von Tron: Ares mit Light Cycle Bild: Walt Disney Pictures

Wir spoilern in dieser Rezension nur, was Trailer bereits verraten haben. Wer gar nichts vom Handlungsverlauf wissen möchte, sollte den Film trotzdem erstmal selber gucken.

Blade Runner 2049 haben wir vor acht Jahren als "gelungenes Update für die Zukunft" gewürdigt. Regisseur Denis Villeneuve (Arrival, Dune ) ließ die melancholisch-düstere Welt des Originals nicht nur mit modernen Effekten realer aussehen, sondern richtete die Erzählung nach Perspektive einer veränderten Gegenwart neu aus.

Mit Tron: Ares, dessen erster Teil(öffnet im neuen Fenster) im selben Jahr wie der ursprüngliche Blade Runner(öffnet im neuen Fenster) ins Kino kam, versucht Joachim Rønning (Fluch der Karibik 5) nun ebenfalls, eine 1982 gestartete Erzählung als gegenwartsrelevante Science-Fiction fortzusetzen. Auch hier spielt Jared Leto mit und es geht um künstliche Intelligenz auf dem Sprung zur nächsten Bewusstseinsstufe. Weiter reichen die Parallelen jedoch nicht, denn inhaltlich fällt dieser Film, selbst gemessen an seiner eigenen Reihe, uninspiriert platt aus.

Tron 3 hätte längst da sein sollen

In Tron: Ares ist der Cyberspace zum ersten Mal nur Nebenschauplatz. Das titelgebende Programm Tron (Bruce Boxleitner) treffen wir, genau wie die Hauptfiguren aus dem vorherigen Film, auch gar nicht mehr an. Ein richtiges Sequel war zwar mal in Arbeit. Der Regisseur des zweiten Teils, Joseph Kosinski, verriet in einem Interview jedoch, seine Fortführung der bisherigen Geschichte sei trotz fertigen Drehbuchs 2015 von Disney gestoppt worden(öffnet im neuen Fenster) . Das Studio habe sein Geld stattdessen lieber in die größeren Marken Star Wars und Marvel investiert.

Umso überraschender, dass nun zehn Jahre später doch noch ein dritter Teil zustande gekommen ist. Der erzählt zwar keine angebrochene Handlung weiter, er greift aber die im Vorgänger ganz zum Schluss eingeführte Möglichkeit auf, Digitales in unsere Realität zu transportieren. Den gleichen Ansatz wollte übrigens auch Kosinski mit seinem nicht mehr realisierten Projekt verfolgen.

Tron: Ares (Filmtrailer)
Tron: Ares (Filmtrailer) (02:24)

Computer beherbergen in den Tron-Filmen bekanntlich virtuelle Welten, bevölkert von digitalen Figuren, die Befehle von Nutzern wie normale Jobs ausführen. Das geschieht mitunter actionreich, wenn konkurrierende Systemprozesse auf Light Cycles(öffnet im neuen Fenster) genannten Motorrädern tödliche Wettrennen austragen oder Security-Programme mit leuchtenden Frisbee-Scheiben Schadsoftware abwehren.

Den Beamtencharme von Einsen und Nullen suchen wir in dieser kunstvoll absurden Darstellung eines digitalen Systems vergebens. Dennoch ist es eine harte Welt. Programme empfinden ihren Job als Sklavenarbeit. In Tron: Legacy probten sie deswegen schon den virtuellen Aufstand(öffnet im neuen Fenster) , waren aber weiterhin an ihr eigenes Grid, ihre digitale Sandbox gebunden. Bis jetzt.

3D-Drucker mit Lasershow

Ein futuristischer 3D-Drucker wirbelt ganz viele rote Laserstrahlen wild durcheinander und wie aus dem Nichts formt sich darunter plötzlich Materie, aus der anschließend Personen mit Haut und Haaren, Objekte, auch Fahrzeuge gestanzt werden. Was vormals als reine Information abgespeichert war, kann auf diesem Wege real manifestiert werden. Und eine Lasershow gibt's noch dazu.

Programme aus dem Grid funktionieren in der echten Welt nahtlos weiter, nachdem sie in Tron: Ares als echte Wesen oder Gegenstände materialisiert wurden. Aussehen, Erinnerungen und besondere Fähigkeiten behalten sie bis ins kleinste Detail bei. Nutzen Realität und Grid also die gleiche Engine? Leben Menschen nur in einer weiteren Ebene der Simulation? Mit diesen Fragen versuchen wir uns für Tron: Ares verzweifelt einen Hauch von Grundlogik selbst herzuleiten, die der Film nie herzustellen vermag.

Beim Worldbuilding haben es sich die Autoren nämlich extra leicht gemacht. Sachen funktionieren einfach, weil sie funktionieren. Erklärende Worte dazu bleiben aus. So erfahren wir nie ein Detail darüber, wo eigentlich die merkwürdige Materie herkommt, aus der digitales real geformt wird. Tron war zwar schon vorher bloß Fantasy im Cyberspace, ohne wissenschaftlichen Anspruch. Dafür hat das Szenario des Computerinneren Grenzen gesetzt, mit vertrauten Software-Begriffen Kontext bereitgestellt. Jetzt ist hingegen alles Zauberei, als Technologie verkleidet.

Countdown für die Realität

Damit es im neuen Film auch noch um irgendetwas geht, hat das Materialisierungsverfahren zu Beginn einen entscheidenden Makel. Künstlich Geschaffenes zerfällt nach etwa einer halben Stunde zu Staub, kehrt dann zu seinem virtuellen Zustand im Cyberspace zurück. Weil es sich bei alldem ausdrücklich nicht um einen Kopierprozess handelt, bedeutet der reale Zerfall immerhin, je nach persönlicher Auslegung des Theseus-Paradoxons(öffnet im neuen Fenster) nicht gleich auch den permanenten Tod.

Fortan liefern sich die Firmen ENCOM (die Guten) und Dillinger (die Bösen) ein Wettrennen um den "Permanence Code" des ursprünglichen Grid-Entdeckers Kevin Flynn. Der soll besagtes Stabilitätsproblem Legenden zufolge in den Griff bekommen haben.

Beide Unternehmen sind hochtechnisiert und schwerreich, werden jedoch wie riesige Scheinfirmen von nur ein paar wenigen Leute betrieben. Was im Rest der Welt vor sich geht, wie weit der technische Stand so im Allgemeinen ist, lässt uns Tron: Ares nur grob erahnen. Gefühlt spielt er sich außerhalb des Cyberspaces komplett nur in ein paar Büros, Garagen sowie auf einer gestreckten Autofahrt und an einer einzigen anonymen Straßenecke ab.

Im Nachhinein haben wir gar nicht das Gefühl, die echte Welt von Tron näher kennengelernt zu haben, die dieser Film uns doch eigentlich zum ersten Mal ausführlicher vorstellen wollte. Immerhin sind wir uns relativ sicher, dass die Story in der sehr nahen Zukunft angesiedelt ist, die noch nicht viel anders aussieht als unsere eigene Wirklichkeit.

Julian Dillinger (Evan Peters), Erbe und aktueller Nachfolger von Ed Dillinger aus Tron 1 und Edward Dillinger aus Tron: Legacy, damit also CEO von Dillinger Systems, träumt von einer unbesiegbaren Armee aus seinem persönlichen Grid, das er vom Schreibtisch aus kontrolliert. Programmierbare Soldaten und schwere Geschütze aus dem 3D-Laserdrucker sollen seiner Firma hohe Investitionssummen vom Militär einbringen. Umso dringender benötigt er besagten "Permanence Code".

KI-Mann mit Gefühlen

Sein Vorzeigesoldat Ares und dessen Partnerin Athena sollen sich darum kümmern, dafür, wenn nötig, über Leichen gehen. Doch, wer hätte das gedacht: Der real gewordene KI-Mann scheint Gefühle zu entwickeln, seit er Regentropfen auf seinen Händen gespürt und Depeche Mode für sich entdeckt hat. Früh im Film widersetzt er sich Befehlen, wird selbst zum Gejagten und will irgendwann als echter Mensch fern des Cyberspaces leben.

Ares' Entwicklung vom dienenden Programm zum eigenen Bewusstsein geschieht binnen Minuten, da gibt es also nichts Reizvolles mitzuerleben. Für uns wirkt er von Beginn an wie ein normaler Mensch, der nur von sich behauptet, mal ein Programm gewesen zu sein und sich ab und zu absichtlich dumm stellt, um in Gesprächen alle zum Lachen zu bringen.

Als KI entlarvt er sich am ehesten dadurch, dass er perfekt fährt, rasend schnell lernt, besser als alle anderen kämpft und stets nur richtige Entscheidungen trifft. Ob Mensch oder Maschine, als Heldenfigur ist er seelenlos langweilig. Manchmal mutet Tron: Ares sogar an, als habe Joachim Rønning damit nur einen Jared-Leto-Fanfilm erschaffen wollen, der den Sänger und Schauspieler bei jeder Gelegenheit unangenehm perfekt idealisiert.

Waffen von morgen für Kriege von gestern

Ebenso halbgar ausgearbeitet wirkt die Idee, Soldaten und Geräte aus dem Grid als militärische Waffen anzubieten. Welcher General würde sich ernsthaft für Armeefahrzeuge begeistern lassen, die wie überdimensioniertes Spielzeug aussehen? In die reale Welt geholt, wirken Light Cycles & Co. unpraktisch groß, optisch total deplatziert und nur geeignet für stilbewusste Soldaten, die auf dem Schlachtfeld unbedingt auffallen und ein leicht anvisierbares Ziel abgeben wollen. Sicherlich hätte man das alles sinnvoll anpassen können, aber dann würde der Film noch weniger nach klassischem Tron und mehr wie GI Joe(öffnet im neuen Fenster) aussehen.

Effizienz und praktische Anwendung der Flug- und Fahrzeuge, nach Vorlage des Films von 1982, wirken im Zeitalter autonomer Waffensystemen 2025 reichlich veraltet. Hier muss die KI sogar noch mit einem realen Körper persönlich im Gefährt sitzen.

KI-Strategen wären aus heutiger Sicht im Grid mit Cloudanbindung viel wertvoller, können von da aus etwa Drohnenschwärme dirigieren oder Feindmanöver auswerten. Genau wie Cyberattacken sowieso digital ablaufen.

Die wahrscheinlich wichtigsten Kriege der Zukunft werden also womöglich virtuell ausgefochten . Ares, Athena und andere Soldaten vom Grid sind spätestens dann dort, wo sie herkommen, aus militärischer Sicht um ein Vielfaches nützlicher als bei der realen Infanterie.

Die "Träum was und es wird echt"-Maschine

Die mächtigste Waffe von Dillingers Militärpräsentation, nach der sich jeder General und jedes Land die Finger lecken müsste, spielt während der Veranstaltung nur eine Nebenrolle. Es ist die Maschine, mit der diese ganzen Programme in die Realität geholt werden. Eine unfassbare technische Revolution.

Schließlich kann das Gerät scheinbar alles herzaubern, was jemand vorher digital programmiert hat. Warum nicht endlose Ressourcen und Nahrung gegen den Welthunger, virtuell hergestellt per Copy und Paste. Selbst frei erfundene Apparate, deren Funktionsweise auf den Cyberspace ausgelegt sind, scheinen, real hergestellt, trotzdem zu funktionieren.

Die Tron-Gerätschaften vom Grid beweisen es. Raumschiffe, Medikamente, in allen Bereichen wären die Möglichkeiten bahnbrechend, nur noch durch die eigene Fantasie beschränkt. Was man denken kann, könnte immer gleich echt werden.

Sie haben einen Replikator, machen aber nur Filterkaffee

Die "Träum was und es wird echt"-Maschine, die Dillinger vor versammeltem Publikum vorstellt, erweckt im Film dennoch weniger Interesse als das, was sie herstellt. Die geladenen Generäle lassen sich kurz Supersoldat Ares präsentieren, also einen einzelnen Infanteristen, der wie ein Power Ranger gekleidet ist. Und gehen dann wieder heim.

Obwohl sie gerade Technik gesehen haben, die von heute auf morgen viele Kriege obsolet machen würde. Der Film weiß zwar sehr wohl um diese Möglichkeiten, erwähnt sie jedoch nur zu Anfang und am Ende wie unbedeutende Fußnoten. Er tut außerdem so, als wäre Fiesling Dillinger nicht clever genug, in all den anderen Anwendungsgebieten abseits vom Militär viel größere Einnahmequellen für sich zu erkennen.

Im Endeffekt wirkt dieses Szenario so, als gäbe es Replikatoren aus Star Trek wirklich. Aber alle, außer unseren Helden, benutzen die Geräte nur, um Filterkaffee damit zu brauen. Schwärmen sogar davon, wie viel schneller und einfacher die Zubereitung von Filterkaffe geworden sei, seit diese tolle neue Technologie auf den Markt kam. Andere Speisen und Getränke damit zu generieren, wie es das Herz begehrt, da haben sie schlicht nie dran gedacht.

Terminator trifft Transformers

Selbst wenn Regisseur Rønning und seine Autoren sich mit ihrer Dillinger-Figur mutmaßlich an Elon Musks Einfluss aufs US-Militär und Kriegsverläufe , seinem Cybertruck und typischen Silicon-Valley-Paradigmen abarbeiten wollten, haben sie das frustrierend eindimensional umgesetzt.

Und dabei außerdem riesiges Potenzial für eine originellere Sci-Fi-Story rund um den weltverändernden Allesdrucker und seine virtuelle Ideenschmiede, sträflich ignoriert. So etwas kreativ umgesetzt, gerne als positive Vision in atemberaubende Bilder verpackt, hätte Tron als Franchise eher wieder faszinierend wirken lassen als das, was wir jetzt bekommen haben. Nämlich nur noch eine reizlose Mischung aus Terminator und Transformers, mit Resten der Designs aus Tron: Legacy.

Visuell funktioniert Tron gewohnt gut und sieht hochwertig modern gedreht aus. Szenen im Cyberspace sind zwar leider deutlich weniger geworden als im Vorgänger, trotzdem ist deren unfassbar cooler Style, den eigentlich schon Joseph Kosinskis Team für Tron: Legacy entwickelt hat, immer noch ein Erlebnis. Ein Überfall von Hacker-Programmen auf einen Server, der von Security-Software verteidigt wird, hat in der Welt von Tron, visualisiert als rasante Actionsequenz, mit am meisten Spaß gemacht.

CGI wie von früher als optisches Highlight

Meistens bedient Tron: Ares sich am modernen, glattpolierten Look des Vorgängers von 2010. Eine lange Szene spielt aber auch in beinahe detailgetreuer Optik des Originals von Steven Lisberger(öffnet im neuen Fenster) . Trailer gaben vorab einen Ausblick darauf. Als blanker Fanservice ist das sehr gelungen.

Spätestens im Heimkino sollten Tron-Liebhaber diese besondere Sequenz mit Animationen im Stile frühester CGI-Technik einmal gesehen haben. Noch schöner wäre aber gewesen, hätte Joachim Rønning dazu noch seine Schauspieler per echter Gegenlicht-Animation(öffnet im neuen Fenster) abgebildet – anstatt nur digitales Color Grading zu verwenden, das dem Stil von Tron 1 nachempfunden wurde, jedoch dessen charakteristischer Gesamtästhetik beim Abbilden von Menschen nicht nahe genug kommt.

Natürlich ist es gegen Ende des Films ebenfalls bildgewaltig, wenn so ein übergroßes Recognizer-Ungetüm aus Trons Computerwelt unzählige Raketen abfeuert, die alle lange Leuchtstreifen hinter sich her ziehen. Als würden dicke orange Haare aus dem eckigen Ufo wachsen, während es zwischen realen Hochhäusern hindurch schwebt.

Solche fantasievoll ausgeschmückten Szenen gibt es trotz einer Laufzeit von zwei Stunden nicht viele. Meistens erinnert Tron in der echten Welt zu generisch an Actionfilme wie Transformers, die unterm Strich aber viel mehr großes Spektakel zeigen. Nein, die Stärken von Tron liegen eindeutig nicht außerhalb seiner ikonisch designten Computerwelten. Zumindest diese Erkenntnis liefert uns der aktuelle Teil bemerkenswert souverän.

Tron: Ares (Retro-Trailer)
Tron: Ares (Retro-Trailer) (01:02)

Mit Nine Inch Nails an der Handlung vorbei meditieren

Einen guten Grund, Tron: Ares trotz vieler Schwächen nicht zu verpassen, haben Kommentatoren unter den Liedern zum Film bei Youtube perfekt beschrieben: "Unglaublich, dass begleitend zum neuen Album der Nine Inch Nails ein ganzer Kinofilm als Musikvideo gedreht wurde" , lesen wir dort sinngemäß immer wieder, wenn wir uns den Soundtrack selbst noch mal anhören.

Zwar kommen die industrial geprägten Kompositionen(öffnet im neuen Fenster) von Trent Reznor und Atticus Ross nicht ganz an das geniale Tron-Legacy-Album(öffnet im neuen Fenster) ihrer Vorgänger Daft Punk heran – aber immerhin fast.

Die düster atmosphärische Musik nimmt viel Raum ein, spielt sich während Tron: Ares regelmäßig in den Vordergrund und fügt dem Geschehen eine ganze Klangwelt ungewöhnlicher Zwischentöne hinzu, die mit dem restlichen Sound-Design verschmelzen. Mit Hilfe der Nine-Inch-Nails-Musik kann es Zuschauern vielleicht sogar gelingen, im Kino gezielt an der schwachen Filmhandlung vorbei zu hören und Tron: Ares mehr als bebilderte Meditation wahrzunehmen.

Tron: Ares ist am 9. Oktober 2025 in den Kinos erschienen.


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