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"Tritt in den Hintern": Die Ouya-Konsole und die Spielebranche

Die große Spielefreiheit – oder ein Schwarzkopierer-Paradies? Ein Neuling mit Potenzial – oder eine Fehlentwicklung ohne Chance? In der Spielebranche gibt es sehr unterschiedliche Ansichten zur Android-Spielekonsole Ouya.
/ Christian Klaß
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Ouya - Android-Spielekonsole als Gesprächsthema der Spielebranche (Bild: Ouya)
Ouya - Android-Spielekonsole als Gesprächsthema der Spielebranche Bild: Ouya

Die Android-Spielekonsole Ouya hat den bisher erfolgreichsten Start eines Projekts bei Kickstarter(öffnet im neuen Fenster) hingelegt – am dritten Tag könnte sogar die 5-Millionen-US-Dollar-Marke überschritten werden. 4 Millionen sind gerade erreicht. Unterdessen hat Ouya auf Kickstarter(öffnet im neuen Fenster) deshalb auch die Zahl der vorbestellbaren Geräte anheben müssen(öffnet im neuen Fenster).

Ouya – Trailer (Kickstarter)
Ouya – Trailer (Kickstarter) (02:58)

Das Interesse an Ouya ist also groß, sehr groß. Warum? Der Neueinsteiger ist auch für kleine unabhängige Spielestudios zugänglich, verspricht viele günstige Spiele, ist zum Hacken freigegeben und kostet inklusive touchpadbestücktem Controller nur rund 100 US-Dollar. Und: Ouya kann nicht nur zum Spielen, sondern auch als Netzwerk-Mediaplayer verwendet werden.

Aufregend ist das Konzept für Entwickler auch, weil anders als bei den etablierten Spielekonsolen wie Wii, Xbox 360 und Playstation 3 nur eine Verkaufsgebühr von 30 Prozent pro Spiel respektive Spieleinhalt verlangt wird. So ist es auch beim Google-Play-Appstore der Fall. Zusätzliche Gebühren – etwa für ein SDK – fallen nicht an.

Doch nicht jeder ist davon überzeugt, dass Ouya ein großer Erfolg wird und, wie vom Hersteller behauptet, darüber hinaus auch noch den Konsolenmarkt umkrempeln kann. Das zeigen die Diskussionen unter den Golem.de-Lesern ebenso wie die von Golem.de eingeholten Stimmen aus der Spielebranche. Auch hier gehen die Meinungen auseinander.

Die (zu) große Freiheit?

"Mit dem Preis und der offenen Hardware kann die Ouya sicherlich den Markt erobern", meint Michael Mrozek, Geschäftsführer der Openpandora GmbH(öffnet im neuen Fenster). Deren mittlerweile in Bayern und nicht mehr in Asien gefertigtes Spielehandheld Pandora nutzt das freie Betriebssystem Linux und kann inzwischen auch mit Android genutzt werden. Die Offenheit von Ouya ist es aber, die so mancher in der Spielebranche mit Skepsis sieht.

Wie steht es etwa um die Sicherheit und das Bezahlsystem unter Android, fragt Marc Hehmeyer, der technische Leiter des Spielestudios Fishlabs Entertainment(öffnet im neuen Fenster). "[Ouya] gibt ja selber an, dass Hacker willkommen sind und jeder das Gerät rooten kann. Dann sind natürlich alle Tore offen, um geknackte Spiele über USB auf die Konsole zu laden. Für Premium Games erscheint uns das Konzept jedenfalls ungeeignet."

Schrott und Schwarzkopien

"Customizable, hackable = Piracy = no business", fasst Teut Weidemann(öffnet im neuen Fenster) zusammen. Der ehemalige Spieleproduzent, aktive Berater und Dozent sieht zudem einen Sinn im Lizenzmodel von Konsolen – die Qualitätssicherung. Weidemann: "Ohne dieses kommt so schnell Schrott auf ein System, dass die Kunden abgeschreckt werden, orientierungslos gegenüber der Qualität sind und final die Konsole stirbt". Als historisches Beispiel nennt Weidemann die Atari 2600.

"Nintendo entwickelte das System, welches bis heute in allen Konsolengenerationen erfolgreich benutzt wird. Dies nutzt nicht nur dem Hersteller, sein geistiges Eigentum zu sichern, sondern auch dem Hersteller der Spiele, eine – über die Zeit gesehen – stabile Plattform für sein Investment zu haben", so Weidemann. Nehme man dies nun weg, entstehe eine Plattform, bei der jeder alles machen dürfe und die deshalb schnell kaputtgehen könne.

Die Masse macht's

Mrozek gibt Weidemann Recht, denkt aber auch, dass viele die Probleme von offenen Systemen überbewerten. "Auf Plattformen wie Android hat man eine breite Masse, so dass man auch große Spiele für 5 Euro verkaufen könnte und mehr Geld damit machen würde, als wenn man es für 40 Euro auf einer eigenständigen Konsole verkauft. Denn die Masse macht natürlich viel aus. Und bei 5 Euro wird es logischerweise auch deutlich weniger Raubkopierer geben als bei 40 Euro".

"Viele Publisher haben davor aber logischerweise Angst. Klar, wenn ein 100-köpfiges Team jahrelang an einem Titel arbeitet, geht man ungern dieses Risiko ein. Deswegen sag ich ja: Titel wie Uncharted 3 etc. wird man bei der Ouya auch nicht erwarten können. Es wird ein Android-Spielgerät, kein Gamechanger. Also eher für Fans von Spielen im Retrostyle, Indie-Games und Casualgames", so Mrozek. Zu den Retro-ähnlichen Spielen zählt er Autorennen, 2D-Jump'n'Runs und weitere Genres.

Klassisches Geschäftsmodell unter Beschuss

Klaas Kersting, der Chef von Flaregames(öffnet im neuen Fenster) (Ocean Tower(öffnet im neuen Fenster)/Bravesmart(öffnet im neuen Fenster)), sieht eine dringende Notwendigkeit zur Veränderung, die durch Systeme wie Ouya beschleunigt werden könnte: "Das klassische Geschäftsmodell der Konsolen, wie es die großen Plattformhalter vorleben, ist ein Hindernisparcours für Entwickler und Kunden: hohe Einstiegshürden durch hohe Kosten, beschränkter Zugang für Developer, geringes Spieleangebot, wenig Innovation".

Nun gerate das alte Geschäftsmodell von allen Seiten unter Druck, und die Schlacht bei der mobilen Variante sei bereits verloren, so Kersting: "Smartphones und Tablets wischen mit PS Vita und Nintendo 3DS den Boden auf. Im stationären Bereich gewinnt der freiere PC stark an Boden: bei der digitalen Distribution, bei den MMOs, bei Free-to-Play, bei den großartigen Produktionen der erstarkenden Indies."

Für Kersting ist das kein "Höher-schneller-weiter-Wettbewerb der besten Spiele", sondern ein "Rennen der besten Geschäftsmodelle." Eine preisgünstige Konsole, die auf kostenlose Spiele setzt und ein weitverbreitetes Betriebssystem einsetze, könnte da genau das sein, was der Markt brauche: "einen Tritt in den Hintern".

Eine Frage der Steuerung

Weidemann fragt, was Ouya denn für den Kunden ändere und ob sie unbedingt gebraucht werde – um die Frage dann selbst zu beantworten: "Nicht viel, was ich in einem Android-Handy nicht auch finde. Die einzigen Vorteile sind der größere Screen und eine längere Batterielebensdauer. Und dann ist selbst eine Wii besser."

Außerdem gebe es im Gameplay erhebliche Unterschiede zwischen am Fernseher anschließbaren Konsolen und Handys. Man könne Spiele nicht einfach so portieren. Weidemann: "Erfolgreich sind die Spiele, die auf eine Plattform getuned sind, um geil zu sein. Portieren von Android auf TV wird also nicht der Bringer."

Michael Mrozek hat Erfahrung damit, was es heißt, Android-Spiele auf einem Spielehandheld ohne Touchscreen zu spielen. "Viele Spiele unterstützen nur Touchscreen-Steuerung, obwohl sie mit einem DPad deutlich besser steuerbar wären", so Mrozek. Mit der Gamekeyboard-App(öffnet im neuen Fenster) ließen sich zwar viele Touchscreen-Spiele auf physikalische Controller umrouten, was auch beim Xperia Play und der Pandora bei vielen Spielen richtig gut funktioniere. Das erfordere aber pro Spiel ein wenig Basteln.

"Wenn in Zukunft mehr Android-Geräte mit Joypads daherkommen, werden hoffentlich auch mehr Spiele dieses direkt unterstützen. Vielleicht sieht man dann sogar mal direkt in Google Play, wenn ein Spiel Spielsteuerungen unterstützt", hofft Mrozek. Bevor das eintrete, sei die Ouya-Konsole "nur" ein solides Gerät für Android-Spiele, aber kein Gamechanger. "Denn das Basteln mit einer App wie Gamekeyboard, um Touchscreen-Spiele mit DPad spielen zu können, wird auch hier vorerst bleiben." Das muss jedoch nicht so gravierend sein, wie Mrozek vermutet, denn der Ouya-Controller wird mit einem kleinen Touchscreen bestückt sein – ob später auch Smartphones und Tablets zur Steuerung der Konsole herangezogen werden können, gab Ouya-Chefin Julie Uhrmann auf Nachfrage von Golem.de noch nicht an. Derzeit konzentriere man sich auf den eigenen Controller.

Henne-Ei-Problem

Damit Ouya ein Gamechanger werden kann, müssten Publisher laut Mrozek extra für das System entwickeln. Und dafür müsste Ouya "richtig groß" werden. Wie Ouya das schaffen will, fragt sich aber Marc Hehmeyer. "Ohne großes Investment in Marketing und ein solides Line-up an guten Titeln wird sich die Konsole wohl kaum verkaufen", so der Fishlabs-CTO, offenbar mit Blick auf den Vertrieb nach Kickstarter.

Auf die Frage, ob Fishlabs denn für Ouya seine Android-Apps wie Galaxy on Fire 2(öffnet im neuen Fenster) anpassen würde, antwortete Hehmeyer: "Ohne Garantiezahlungen des Herstellers ergibt das für uns keinen Sinn. Als First Mover hat man das Problem, dass nicht genug Geräte auf dem Markt sind, um ordentlich Geld zu verdienen. Weiterhin sehe ich den Distributions- beziehungsweise Monetarisierungskanal noch als Baustelle an. Hier wird man sehen, wie sich der Entwickler der Konsole das vorstellt."

Das Free-To-Play-Modell höre sich natürlich erst einmal sehr benutzerfreundlich an, da man Spiele eben schnell ausprobieren und für schnelleren Spielfortschritt oder andere Dinge im Spiel bezahlen kann. "Für dieses Geschäftsmodell braucht man aber viele Spieler, weil nur ein kleiner Teil bereit ist, ingame zu bezahlen. Aber genau hier liegt das Henne-Ei-Problem einer neuen Konsole. Keine guten Spiele, keine Konsolenkäufer. Keine Konsolen, keine Entwickler, die gute Spiele dafür liefern", so Hehmeyer weiter.

Grafikbeschleunigung mit Schwächen

Kritisch äußerte sich Hehmeyer im Interview mit Golem.de auch über die Hardware der Konsole selbst: Der von Ouya gewählte Tegra3-Chip habe zwar einen guten Polygon-Durchsatz, die Fillraten-Limitierung dürfte aber für Full-HD-Konsolenspiele zu Problemen führen. "Insbesondere aufwendige Pixel Shader, wie man es von der Xbox 360 oder PS3 gewohnt ist, werden damit kaum möglich sein. Gerade im Hinblick auf einen Launchtermin Mitte 2013 wäre der Tegra4, der auch über deutlich bessere Fillrate-Werte verfügt, hier die bessere Wahl gewesen. Ebenso sind 1 GByte RAM für hochwertige Konsolenspiele unterdimensioniert."

Für Eugene Zhukov(öffnet im neuen Fenster), Chef vom Spielestudio Digitilus (Skyjacker), ist Ouya nicht mehr als ein Smartphone in einer Kiste. Tegra 3 hält er mit Blick auf 2013 ebenfalls nicht für eine ideale Lösung. Grafisch aufwendige Spiele für den PC lassen sich damit nicht entwickeln. Zhukov glaubt deshalb auch nicht, dass er sein Weltraum-Actionspiel Skyjacker(öffnet im neuen Fenster) für Ouya wird umsetzen können – "sie ist technisch zu schwach für komplexe Physik und Grafik".

"Für casual bis midcore Games reicht die Hardware jedoch allemal", meint Hehmeyer. Golem.de fragte bei Ouya nach, ob sich noch etwas an dem Chip ändern könne. Ouya-Chefin Julie Uhrman antwortete, dass sie noch mehr Potenzial im Tegra3 sehe. Uhrmann: "Da wir uns keine Sorgen um den Akku machen müssen, können wir den Prozessor bis an sein Limit bringen, vielleicht durch höhere Taktraten als [beim Tegra3] bisher üblich."

Marktbeschleunigung und der Wert von Spielspaß

Für Klaas Kersting von Flaregames ist es unerheblich, ob die Hardware der Ouya der nächsten Xbox unterlegen ist oder sich das Gerät Millionen Mal verkauft. "Allein die Anwesenheit wird den Markt beschleunigen und die Großen zu mehr Offenheit und Zugänglichkeit zwingen. Und vielleicht passiert ja dasselbe wie mit den Smartphones: Viele Konsumenten merken, dass es gar nicht immer der 70-Euro-Blockbuster mit sechs Stunden Spielzeit und tausendfach gesehener Held-schießt-Horden-von-Monstern-ab-Handlung sein muss. Oder das 30. Mario-Spiel. Wer sich wochenlang mit Tiny Wings oder Infinity Blade oder Sword and Sworcery beschäftigt hat, hat auch eine gute Zeit gehabt, mit viel weniger Kosten."

Auch Michael Mrozek von Openpandora sieht mit der Ouya eine Tendenz, die er schon länger vermutete: "Immer mehr Menschen haben geschlossene Systeme satt. Mit dem Ouya haben die Leute ein offenes System. Sie können dort alle Arten von Apps (und vor allen Dingen auch selbst geschriebene!) installieren, was ja bei PS3 und Co. nicht möglich ist. Das riesige Interesse zeigt, dass das den Leuten wichtig ist."


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