Zu wenig junge Spieler

Dass so ein Nostalgiegeschäft nun ausgerechnet in Japan populär wird, könnte zunächst verwundern, da gerade auf dem Markt für Videospiele kaum ein Land innovativer ist. Gleichzeitig aber blicken Unternehmen nirgendwo sonst derart nervös auf die demografische Entwicklung ihres Landes. Mit 1,4 Kindern pro Frau ist Japans Geburtenrate so niedrig, dass jedes Jahr mehr Menschen sterben als neu geboren werden. Im Jahr schrumpft die Bevölkerung um rund 300.000 Menschen, ungefähr so viel wie die Stadt Bochum. Weil es nur relativ wenig junge Menschen gibt, blicken Hersteller deshalb entweder zusehends gen Ausland oder auf ältere Konsumentengruppen.

"Leider hat sich unsere Branche in den 1980er und 1990er Jahren nicht an die Generation der Babyboomer gerichtet", sagte der Capcom-Mitarbeiter und schielt auf das fleißig posierende Rockman-Maskottchen aus vergangenen Zeiten. Japans geburtenstarke Jahrgänge, die wohl profitabelste Kundengruppe, sind derzeit um die 70 Jahre alt, in der Mehrzahl also schon zu alt für ein Umgewöhnen auf neue Tech-Hobbys.

So richten sich Hersteller verstärkt an deren Kinder - die zweitgrößte Kundengruppe im alternden Land. Die heute 30- bis 40-Jährigen, in Deutschland wie in Japan, sind deshalb so zahlreich, weil deren Eltern eine derart große Geburtskohorte waren, dass sie selbst mit wenigen Kindern pro Frau immer noch viel Nachwuchs produzierten. Wie andere Branchen denkt nun also auch die ewigjunge Gamingindustrie: Wer sich davor bewahren will, parallel zur Bevölkerung zu schrumpfen, muss ältere Konsumenten anzapfen.

"Wir machen unser Geld vor allem mit alten Schinken", sagte Takeo Muto am anderen Ende der Halle. Ihr Arbeitgeber Hamster kauft sich seit kurzem Lizenzen von alten Spielen, die aus heutiger Perspektive schlechte Grafik, Steuerung und Spieltiefe haben, dafür aber Kultstatus. "Wir haben King of Fighters 96 im Programm, Donkey Kong und Super Mario Bros. Die beliebtesten Titel verkaufen sich Zehntausende Male."

Ein Spiel kostet nur 800 Yen (rund 6 Euro), auf den neueren Konsolen wie Playstation 4 oder Nintendo Switch kann man die Spiele herunterladen und dort direkt spielen. "Natürlich richten wir uns damit an die Leute, die diese Spiele noch von früher kennen. Sie können dann zum Beispiel auf der Konsole ihrer Kinder spielen." Außerdem seien die Klassiker mittlerweile Kulturgüter, die es zu schützen gelte und die auch die jüngeren Spieler kennenlernen sollten.

Für Gamer mit Rückenproblemen

Wer es ganz authentisch will, konnte auch die alte Hardware wiederfinden. Der Hersteller Hori baut die klobigen Joysticks und Controller aus den 1990er Jahren nach, mit Adaptern passen sie in die neuen Geräte. Ein paar Meter weiter bot der Betrieb AK Racing zudem den angeblich perfekten Sessel zum Zocken. "Wir können hier jede Lehne verstellen", behauptete ein Mitarbeiter am Stand, der selbst nicht mehr jung war, "und die Polster sind sehr fest, darin kann man stundenlang spielen." Das eigne sich besonders für Spieler, die schon Rückenprobleme haben. Vor allem seien die Stühle ein paar Jahrzehnte haltbar - also noch dann, wenn die 40-Jährigen von heute das Rentenalter erreichen.

Tatsächlich schienen dieses Jahr nicht mehr so viele Teenager zu kommen wie in vorigen Jahren, dafür zahlreiche Leute mittleren Alters. Zwar hätte vorm Eingang zur Messe der rostige Roboter mit Röhrenfernsehern am Bauch wohl noch keine Chance gehabt im Duell gegen den beweglichen, strahlend weißen Giganten. Aber es könnte eine Frage der Zeit sein - oder des Alterns.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed
 Tokyo Game Show: Eine berufsjugendliche Branche wird alt
  1.  
  2. 1
  3. 2


gfa-g 02. Okt 2018

Hier wird nichts alt, außer dem ständigen Drang alles als alt zu bezeichnen, was älter...

kimyona 02. Okt 2018

Bin mit C64 und Amiga aufgewachsen, habe auf diesen Maschinen dass Programmieren...

_Kabi_ 26. Sep 2018

Ich bezweifle dass der Name Rockman von Rock/Paper/Scissors kommt. Die "großen" Roboter...

brimborium 25. Sep 2018

Das ist eine interessante Deutung, die Ausrichtung der TGS auf den Demographiewandel...



Aktuell auf der Startseite von Golem.de
27, 32 und 34 Zoll
Warum OLED-Monitore (noch) nichts fürs Büro sind

Hersteller bringen ihre OLED-Panels in immer besseren Displaygrößen heraus. Damit sie sich im Büro etablieren, muss aber noch viel passieren.
Eine Analyse von Oliver Nickel

27, 32 und 34 Zoll: Warum OLED-Monitore (noch) nichts fürs Büro sind
Artikel
  1. Börsenkurs fällt: Googles Chatbot Bard patzt in der ersten Präsentation
    Börsenkurs fällt
    Googles Chatbot Bard patzt in der ersten Präsentation

    Googles Chatbot Bard ist in einem Werbevideo angeteasert worden - und hat falsche Antworten geliefert. Der Aktienkurs von Alphabet fiel.

  2. Cloudgaming: Google Stadia hatte weniger als 10 Prozent Marktanteil
    Cloudgaming
    Google Stadia hatte weniger als 10 Prozent Marktanteil

    Xbox dominiert den weltweiten Cloudgaming-Markt. Das geht aus Informationen der britischen Kartellbehörde hervor, die Microsoft untersucht.

  3. Paramount kooperiert mit Amazon: Star Trek Picard läuft bald bei Prime Video und Paramount+
    Paramount kooperiert mit Amazon
    Star Trek Picard läuft bald bei Prime Video und Paramount+

    Irgendwann in diesem Jahr wird es erstmals alle Star-Trek-Serien in Deutschland im Abo von Paramount+ geben.

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • Finale der PCGH Cyber Week • MindStar: XFX RX 6950 XT 799€ • Neue Tiefstpreise DDR4/DDR5 • Lenovo 27" WQHD 165 Hz 299,99€ • Philips OLED TV 55" 120 Hz Ambilight -44% • Samsung SSD 2TB Heatsink (PS5-komp.) 189,99€ • Roccat Vulcan 121 Aimo 139,99€ • Asus RX 7900 XT 939,90€ [Werbung]
    •  /