Tiktok: Guck mal, Boomer!
Zwei blonde Mädchen tanzen in bauchfreien Tops. 420.000 Likes. Wisch nach oben. Ein Bungee-Jump, mitgefilmt. 500.000 Likes. Wisch nach oben. Eine Teenagerin erzählt, wie ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat, währenddessen malt sie sich mit rotem Lippenstift ein Clownsgesicht. 48.000 Likes. Wisch nach oben. Jemand bereitet einen "Sucuk Toast Deluxe" zu, spricht dabei einen Mix aus Deutsch und Arabisch, "lecker, Mashallah" ! 153.000 Likes.
Zack, ist eine halbe Stunde vergangen.
Das ist Tiktok. Diese App ist wie ein Strudel aus unzähligen kurzen Videos, in den man immer tiefer hineingesogen wird. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, man kann einfach schauen, liken, die Stirn runzeln, kommentieren, schmunzeln, weiter wischen.
Tiktok-Nutzerschaft wächst am schnellsten
Tiktok ist die App mit der am schnellsten wachsenden Nutzerschaft der Welt. Allein im letzten Quartal 2019 wurde sie weltweit 220 Millionen Mal heruntergeladen(öffnet im neuen Fenster) . Offizielle Zahlen zu Deutschland gibt das chinesische Unternehmen ByteDance, zu dem Tiktok gehört, nicht heraus. Einer Statistik des Portals Digiday(öffnet im neuen Fenster) zufolge aus dem November vergangenen Jahres nutzen in Deutschland 5,5 Millionen junge Menschen die App. Aber diese Zahl dürfte, kaum zwei Monate alt, längst überholt sein.
Tiktok macht für ein Millionenpublikum sichtbar, was Teenager schon immer in ihren Zimmern getan haben: tanzen, singen, Liebeskummer haben, schminken, mit Freunden Quatsch ausdenken. Tiktok ist Jugendkultur. Wer wissen will, was junge Menschen heute bewegt, wie sie über die Welt nachdenken, der kommt an Tiktok nicht vorbei.
Und findet auf den ersten Blick Klischees bestätigt. Da geht es viel um Selbstdarstellung, gut aussehen und die beste Choreografie zu den neuesten Popsongs. Wer sich neu anmeldet, kann zwischen Interessen auswählen: zum Beispiel "Comedy" , "Leben" , "Essen" oder "Sport" .
Politik soll offenbar nicht Teil dieser Welt sein. Doch die politische "Generation Greta" weiß sich sehr wohl auf Tiktok Gehör zu verschaffen.
Politik auf Tiktok
Eine US-amerikanische Teenagerin schrieb einen nachdenklichen Song über den Klimawandel, Dear 2045, er wurde auf Tiktok fast fünf Millionen Mal gesehen. Unter dem Hashtag #australia laufen im Minutentakt neue Videos ein, die zu trauriger Musik rauchverhangene Panoramen oder fliehende Kängurus zeigen. Und als sich ein Erwachsener auf Tiktok über die Rede von Greta Thunberg vor den UN lustig machte, wurde in seinem Kommentarbereich " Ok Boomer!(öffnet im neuen Fenster) " zu vielleicht der viralen Phrase des Jahres 2019.
Wenn man herausfinden will, wie Tiktok-User politische Botschaften in bunte Kurzvideos packen, muss man sich mit Diana zur Löwen unterhalten. Die deutsche Influencerin hat in den vergangenen Jahren eine Entwicklung durchgemacht: Sie startete auf YouTube mit Videos über Beauty und Lifestyle, heute geht es in den Posts der 24-Jährigen auch regelmäßig um Themen wie die EU, Philipp Amthor, die Verfolgung der Uiguren(öffnet im neuen Fenster) in China und die Steuer auf Periodenprodukte(öffnet im neuen Fenster) .
Seit Kurzem ist sie auch auf Tiktok unterwegs, wo ihr 16.000 Menschen folgen. Das ist zwar noch nicht viel gegenüber den Hunderttausenden, die sie bei Youtube und Instagram abonniert haben, aber ihre Fangemeinde wächst auch auf der neuen Plattform stetig an.
"Jean-Claude wer?"
Als sie an einem kalten Januarnachmittag unweit des Potsdamer Platzes aus einem Uber steigt, kommt sie gerade von einer Show bei der Berliner Fashion Week. In hochhackigen nudefarbenen High Heels läuft sie auf das Café zu, ihr Gesicht ist stark geschminkt. Doch sie ist nicht gekommen, um über neue Kollektionen zu sprechen. Sondern darüber, wie sie mit Anfang 20 begann, sich für Politik zu interessieren.
Da wurde sie nämlich im Zuge der Aktion #askjuncker(öffnet im neuen Fenster) des Fernsehsenders Euronews gefragt, ob sie den damaligen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker interviewen wolle. Ihre erste Reaktion, sagt zur Löwen, sei gewesen: "Jean-Claude wer?" Es sei ihr peinlich gewesen, sagt sie, so schlecht informiert gewesen zu sein. Drei Jahre ist das her.
Heute trägt sie einen schwarzen Pulli mit dem weißen Schriftzug "Europe" und überlegt, von Köln nach Berlin zu ziehen. In der Hauptstadt, sagt sie, fühle sie sich irgendwie näher am Geschehen. Politische Themen tauchen jetzt regelmäßig in ihren Posts auf. Auch auf Tiktok, wo vier ihrer insgesamt 16 bisher hochgeladenen Videos sich mit Politik beschäftigen.
Die hässliche Wahrheit über China
Eines trägt den Titel "The ugly truth about China" . Darin erzählt eine junge Uigurin, wie Menschen ihrer Ethnie in chinesischen Internierungslagern gefoltert werden. Zur Löwen traf sie während eines Besuchs im EU-Parlament, mit deren Pressestelle sie seit ihrem Treffen mit Jean-Claude Juncker in regem Kontakt steht. "Ich wollte einfach ausprobieren, ob Tiktok dieses Video zensiert" , sagt sie. Hat es nicht.
Der Gedanke ist nicht ganz unbegründet. Im Dezember war der Fall von Ferora Aziz(öffnet im neuen Fenster) bekannt geworden, einer jungen US-Amerikanerin, die ein als Make-up-Tutorial getarntes Video auf die Plattform stellte, in dem sie über die Verfolgung der Uiguren sprach. Das Video ging viral – und wurde nach vier Tagen plötzlich gelöscht. Das chinesische Unternehmen ByteDance, dem Tiktok gehört, brachte das den Vorwurf der Zensur ein, wogegen sich der Konzern bis heute wehrt: Dass das Video vorübergehend nicht verfügbar war, sei auf den Fehler eines Mitarbeiters zurückzuführen, mehr nicht.
Seitdem tut ByteDance alles, um sein Image zu verbessern. Man verweist auf überarbeitete Moderationsregeln. Auf Server in Singapur und den USA. Darauf, dass China seine eigene Version der App mit eigenen Regeln habe, namens Douyin, und dass Tiktok damit nichts zu tun habe. Man sei noch ein junges Unternehmen, man wachse schnell, man mache Fehler und lerne aus ihnen.
Fest steht: Wer welche Videos auf Tiktok zu sehen bekommt, entscheiden nicht nur die Nutzerinnen und Nutzer.
Tiktok will kein herkömmliches soziales Netzwerk sein
Angestellte von ByteDance kuratieren die Inhalte auf der Plattform, suchen nach Videos, die vielen Menschen gefallen könnten. Das Unternehmen rühmt sich damit, kein soziales Netzwerk im eigentlichen Sinne zu sein, bei dem es nur um Followerzahlen und Likes gehe, sondern den Fokus auf Inhalte zu richten. Bei Tiktok kann sich auch ein Video eines unbekannten Accounts viral verbreiten, wenn es entdeckt und "gepusht" wird.
Das bedeutet aber auch, dass die Kuratoren Videos löschen können oder dafür sorgen, dass sie nicht besonders viele Menschen zu sehen bekommen. Immerhin: Der Hashtag #coronavirus wurde bereits mehr als 250 Millionen Mal aufgerufen – bisher ohne dass sich ein User über ein gelöschtes Video wie im Fall von Ferora Aziz beschwert hat.
Zur Löwen sagt, ihr sei schon aufgefallen, dass ihre politischen Videos bei Tiktok deutlich weniger Klickzahlen hätten als die, in denen sie tanze oder selbst geschriebene Gedichte wie bei einem Poetry Slam vortrage. Sie habe eine kleine Umfrage unter ihren Followern gemacht, um herauszufinden, wie gut ihnen die politischen Inhalte gefielen.
Follower wünschen sich mehr politische Inhalte
Das Ergebnis: Ihr Publikum wünscht sich mehr davon. Weil ihr viele Mädchen und junge Frauen folgen, wählt sie manchmal Themen speziell für diese Zielgruppe aus. Als die Steuer auf Periodenprodukte auf sieben Prozent gesenkt wurde, feierte zur Löwen das gemeinsam mit einer Freundin in einem Tiktok-Video.
Ist es politisch, Tampons durch die Luft zu werfen? Diana zur Löwen zuckt mit den Schultern. "Ich will mit so was zeigen, dass Politik in unser aller Leben stattfindet" , sagt sie. Es ist ihr wichtig, erwachsen und gut informiert zu wirken, zu zeigen, dass sie weiß, wovon sie spricht. Sie erzählt von spannenden Nachrichtenpodcasts, die sie beim Sport höre, von der Tagesschau auf Instagram. Manchmal, sagt sie, lese sie auch ganze Artikel. Und dann gebe sie ihre Gedanken an ihre Followerinnen weiter.
Dass das auch nach hinten losgehen kann, zeigte Anfang Januar ein Tiktok-Video von Laura Sophie, eine der beliebtesten deutschen "Creator" , so nennt Tiktok die Menschen, die regelmäßig Videos auf der Plattform erstellen. Unter dem Hashtag #WW3, World War 3, erklärte die 18-Jährige den Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Oder besser gesagt, sie versuchte es.
Der Fall #WW3
Was sie sagte, war nicht ganz richtig oder zumindest arg verkürzt. Es gab einen großen Aufschrei in der Erwachsenenwelt, was da ungefiltert als Information einem jungen und unwissenden Millionenpublikum dargeboten würde. Einige Medien schrieben, der Hashtag #WW3 habe eine "Hysterie" unter Kindern ausgelöst(öffnet im neuen Fenster) . Die Tagesschau, eine der ersten deutschen Medienmarken mit einem Account auf Tiktok, lieferte innerhalb weniger Stunden ein Erklärvideo, das die Fakten richtigstellte.
"Ich finde es gut, dass die Tagesschau da so schnell reagiert hat" , sagt Diana zur Löwen. "Man hat gemerkt, dass die Leute dankbar waren, eine verlässliche Quelle zu haben. Es ging ja wirklich die Angst vor einem dritten Weltkrieg um, und die konnten das ein Stück weit abmildern."
Die Sorge um Falschinformationen, die auf eine junge, hörige Masse treffen, ist wahrscheinlich so alt wie das Internet selbst. Und so alt ist wohl auch der Wunsch, bei den jungen Menschen mitzumischen. Wann immer ein neues soziales Netzwerk auftaucht, bilden Medienhäuser und Parteien Taskforces, die überlegen sollen, wie man es mit eigenen Inhalten bespielen könnte.
Die ersten deutschen Politikerinnen auf Tiktok
Die 18-jährige SPD-Nachwuchshoffnung Lilly Blaudszun(öffnet im neuen Fenster) war eine der ersten aus der Politik, die sich auf Tiktok vorwagte. 21.000 Menschen sahen sich ihr erstes Video an, in dem sie eingeblendete Fragen wie "Du bist in der Politik?" , "In der SPD?" "Ist die nicht schon tot?" mit einem eingespielten Song des Rappers E-40 beantwortet, in dem dieser abwechselnd "Yep" und "No" singt.
Die 23-jährige Marie-Thérèse Kaiser, AfD-Kreistagsvorsitzende in Rotenburg-Wümme, stellte Blaudszuns Video Mitte Januar nach, wählte den gleichen Song, aber andere Fragen: "Bist du in der AfD?" "Bist du ein Nazi?" . Wann immer in den vergangenen Jahren im Netz neue virale Ausdrucksformen auftauchten, war auch die neue Rechte nicht weit.
Blaudszun und Kaiser mögen die ersten deutschen Politikerinnen auf Tiktok sein, ihre Videos harmlos und ihre Reichweite noch gering. Doch je größer und wichtiger die Plattform wird, desto mehr Parteien und Politiker werden versuchen, dort auf junge Menschen Einfluss zu nehmen – auf die Wählerinnen, die Angestellten, die Bürgerinnen und Bürger von morgen.
Geht es nach dem Tiktok-CEO Alex Zhu, sollen Inhalte wie diese auf der Plattform aber auch in Zukunft eine untergeordnete Rolle spielen. Wahlwerbung ließ er auf der Plattform komplett verbieten. Als der Spiegel ihn kürzlich in einem Interview(öffnet im neuen Fenster) fragte, ob Greta Thunberg auf Tiktok willkommen wäre, antwortete er mit der Gegenfrage: "Wer?" Er hoffe, sagte Zhu weiter, dass die App als "Ort für Unterhaltung" und als "Bildungsplattform" wahrgenommen werde. Der New York Times erklärte er(öffnet im neuen Fenster) , politische Videos auf Tiktok seien okay, solange sie "kreativ und gut gelaunt" seien.
Klingt, als habe er Videos wie die von Vanessa und Ina im Sinn. Die beiden 23-jährigen Berlinerinnen haben als @coupleontour(öffnet im neuen Fenster) nach nur fünf Monaten auf Tiktok bereits 435.000 Follower. Die Videos des Paars tragen Hashtags wie #lgbt oder #loveislove. Sie küssen sich vor der Kamera, stellen zu hinterlegter Musik Szenen aus ihrer Beziehung nach.
In echt wirken die beiden genauso quirlig und gut gelaunt wie vor der Kamera. Beide tragen beerenfarbenen Lippenstift, auch ihre Outfits wirken farblich aufeinander abgestimmt. "Erzähl du, Schatz" , sagt Ina zu ihrer Freundin auf die Frage, warum sie sich dazu entschlossen haben, ein Influencer-Pärchen auf Tiktok zu werden.
"Wir haben gemerkt, dass es auch heute leider noch nicht selbstverständlich ist, sich öffentlich als lesbisches Paar zu zeigen" , sagt Vanessa. Daran wollten die beiden etwas ändern. Je mehr junge Menschen ihre Liebe sehen, so ihre Überzeugung, desto normaler werde lesbische Liebe in der Gesellschaft.
Der Großteil der Kommentare ist positiv
Den Kommentarbereich sehen die beiden als "safe space" , wo jeder seine Fragen über homosexuelle Beziehungen loswerden kann. Die meisten User wollen Dinge wissen wie: Wollt ihr mal Kinder – und wie funktioniert das dann? Fehlt euch was beim Sex? Wie war euer Coming-out? Hasskommentare löschen die beiden, die dazugehörigen Accounts blockieren sie sofort. "Wir können damit umgehen, wenn jemand 'ekelhaft' oder 'Ihhh' schreibt" , sagt Vanessa, "aber 13-jährige lesbische Mädchen müssen das nicht lesen."
Häufig komme das aber ohnehin nicht vor, denn der Großteil der Nachrichten sei positiv. "Wir bekommen auch viele private Zuschriften, in denen uns junge Mädels danken und sagen, wir hätten ihnen den Mut für ein Coming-out gegeben." Ihre Augen weiten sich, als sie das sagt, ihre Freundin nickt ihr stolz zu.
Für die beiden jungen Frauen ist Tiktok mehr als nur ein Hobby neben dem Masterstudium: Sie wollen mit ihrem Account einen Ort schaffen, an dem sich junge Schwule und Lesben treffen und austauschen können. Soziale Medien sind für homosexuelle Menschen Orte, an denen Communities entstehen.
Viele homosexuelle Jugendliche erfahren in Gruppen, Foren und Kommentarbereichen zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sie nicht allein sind. Dass sie akzeptiert werden, so, wie sie sind. Auch Tiktok erfüllt diese Funktionen für Millionen junger Userinnen und User.
Aber ist es politisch, in mit Popmusik hinterlegten Videos seine Liebe zu feiern? "Schon" , findet Vanessa, "denn es geht darum, Vorurteile auszuräumen, für Toleranz und Respekt zu werben und gleiche Rechte für alle durchzusetzen." Als der Gay-Travel-Index(öffnet im neuen Fenster) herauskam, der Länder danach rankt, wie sicher sich Schwule und Lesben in ihnen bewegen können, machten Vanessa und Ina ihre Follower darauf aufmerksam. "Einerseits, weil wir wollen, dass ihnen beim Reisen nichts passiert" , sagt Ina, "aber auch, weil wir damit darauf hinweisen, dass Homosexualität noch längst nicht überall legal ist."
Wer mit Menschen wie Vanessa und Ina oder Diana zur Löwen spricht, dem wird klar, dass es eher nicht Parteien oder Politiker sein werden, die auf Tiktok die Massen um sich scharen. Aber dass das nicht bedeutet, dass sie auf der Plattform keinen Platz hat. Weil auf ihr eine politische Generation unterwegs ist, die es gewohnt ist, ihre Botschaften und Gedanken in einminütige Videos zu verpacken.
Und da kann auch alles gleichzeitig passieren. Da können Vanessa und Ina knutschen, 350.000 Likes, Wisch nach oben. Da kann jemand ein buntes Plakat für eine Demo von Fridays for Future kolorieren. 58.000 Likes. Wisch nach oben. Und dann massiert ein Typ seiner Katze im Rhythmus der Musik die Pfoten. 120.000 Likes. Wisch nach oben.
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