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Threads: Darum bringt Meta seinen Twitter-Klon nicht nach Deutschland

Meta weiß jetzt schon, dass Threads gegen Gesetze verstößt. Trotzdem können auch deutsche Nutzer die App installieren - über einen Umweg.
/ Daniel Ziegener
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Die EU bleibt vorerst Threads-freie Zone. (Bild: Bing Image Creator/Golem.de)
Die EU bleibt vorerst Threads-freie Zone. Bild: Bing Image Creator/Golem.de

Es ist nicht so, dass Twitter vor der Übernahme durch Elon Musk keine Probleme hatte . Doch seit dem Führungswechsel hat sich der Kurznachrichtendienst - von gesperrten Accounts über strikte Monetarisierung bis zu technischen Problemen - so stark verändert, dass viele Nutzer nach einer Alternative suchen.

Der Konkurrent mit dem größten Potenzial, Twitter eine nennenswerte Zahl an Nutzern abzuwerben, ist Threads. Der vom Meta-Ableger Instagram entwickelte Kurznachrichtendienst ist am 6. Juli 2023 gestartet - außer in der EU.

Seit März 2023 - knappe vier Monate nachdem Musk den Kauf von Twitter abschließen musste - gab es erste Berichte darüber, dass Meta an einer eigenen Konkurrenz arbeite . Im Mai tauchten erste geleakte Screenshots im Netz auf .

10 Millionen Nutzer in sieben Stunden

Schon jetzt ist Meta der größte Social-Media-Konzern der Welt. Mit Facebook, Whatsapp und Instagram kommt das Unternehmen von Mark Zuckerberg zusammen auf rund sieben Milliarden Accounts(öffnet im neuen Fenster) . Im Vergleich dazu kam Twitter im Jahr 2022 auf ein vergleichsweise mickriges weltweites Publikum von 368 Millionen(öffnet im neuen Fenster) .

Was Threads im Vergleich zu Mastodon oder Bluesky einen enormen Startvorteil beschert, ist die bestehende Nutzerbasis von Instagram. Mehr als eine Milliarde Konten(öffnet im neuen Fenster) können sich sofort einloggen, ohne einen neuen Account anlegen zu müssen. Auch ohne uns Europäer brauchte Threads nur sieben Stunden, um den Meilenstein von 10 Millionen Nutzern(öffnet im neuen Fenster) zu erreichen, nach einem Tag waren es bereits 30 Millionen(öffnet im neuen Fenster) .

Doch was steckt dahinter, dass Meta auf den europäischen Millionenmarkt verzichtet - und wie lässt sich die App auch in Deutschland ausprobieren?

Der Instagram-Login ist das Problem

In der EU kommt Twitter nach eigenen Angaben(öffnet im neuen Fenster) immerhin auf rund 60 Millionen aktive Nutzer, davon bis zu 14 Millionen in Deutschland(öffnet im neuen Fenster) . Potenzielle Nutzer, auf die Meta vorerst verzichtet.

"Wir arbeiten daran, Threads in weiteren Ländern auf den Markt zu bringen, und werden laufend prüfen, das Produkt auch in Europa anzubieten" , sagte Meta auf Anfrage von Golem.de: "Auch aufgrund offener regulatorischer Fragen haben wir uns entschieden, Threads noch nicht in Europa anzubieten."

Etwas - wenn auch nicht viel - deutlicher wird Instagram-Chef Adam Mosseri in einem Interview mit The Verge(öffnet im neuen Fenster) . "Die Einhaltung einiger Gesetze, die nächstes Jahr in Kraft treten, ist sehr komplex" , sagte er dort.

"Um ehrlich zu sein, bin ich darüber verärgert. Ich lebe jetzt seit einem Jahr außerhalb der USA. Ich dränge die Teams geradezu dazu, die Dinge nicht länger auf halbem Wege stehen zu lassen und sie in den Rest der Welt zu bringen" , so Mosseri weiter. Wenn ihn Nutzer darauf ansprechen, dass Threads in ihrem Land nicht nutzbar ist, breche es ihm das Herz.

Hürde Digital Markets Act

Was genau die komplexen Gesetze sind, die Instagram und Meta momentan noch nicht in der Lage sind einzuhalten, sagt Mosseri nicht explizit. Sehr wahrscheinlich handelt es sich aber um den Digital Markets Act, kurz DMA. Unter dem gilt Meta als ein sogenannter Gatekeeper , was mit bestimmten Regeln verbunden ist.

Die Europäische Kommission wollte sich gegenüber Golem.de nicht zu den Geschäftsentscheidungen einzelner Unternehmen äußern, verweist aber auf Artikel 5.2 des DMA(öffnet im neuen Fenster) .

Hier geht es insbesondere um das Kombinieren von persönlichen Daten zwischen verschiedenen Diensten des Anbieters, ohne dem Nutzer eine Wahl zu überlassen. Der Login für Threads ist ein Instagram-Account, eine separate App. Ein eigener Login ausschließlich für Threads ist im Moment nicht möglich.

Ein ähnliches Problem sorgte dafür, dass Meta sein Virtual-Reality-Headset Quest jahrelang nicht in Deutschland verkaufte. Das Bundeskartellamt bemängelte, dass zur Nutzung ein Facebook-Account notwendig war. Später ist Meta eingeknickt - nun lässt sich das Quest auch mit einem separaten Meta-Account aktivieren .

So lässt sich Threads schon jetzt auch in Deutschland nutzen

Auch wenn Meta seine neue App noch nicht in den Stores von Apple und Google anbietet, können auch Nutzer in der EU Threads schon jetzt auf ihrem Smartphone installieren. Dafür braucht es nur einen bestehenden Instagram-Account - und je nach Betriebssystem einen Workaround zur Installation der App.

Besonders einfach ist es für Besitzer eines Android-Geräts. Sie können die Installationsdatei im APK-Format(öffnet im neuen Fenster) einfach herunterladen. Anscheinend gibt es beim Login dann keine weitere Überprüfung, ob man sich aus der EU anmeldet.

Auf iOS ist es etwas komplizierter. Zunächst ist eine neue Apple-ID(öffnet im neuen Fenster) notwendig, die in einem Land registriert wird, in dem Threads bereits verfügbar ist, wie zum Beispiel Großbritannien oder die USA. Den zwingenden Verifikationscode per SMS muss man sich über einen Onlineanbieter für Fake-Handynummern zusenden lassen.

Mit dieser Apple-ID kann man sich nun im App Store auf seinem iOS-Gerät anmelden und Threads herunterladen.

Die Alternative, die mit Threads kompatibel sein wird

Wer sich die Mühe nicht machen will, findet inzwischen zwei andere ernstzunehmende Twitter-Alternativen. Neben dem von Twitter-Mitgründer Jack Dorsey selbst unterstützten Bluesky gibt es das quelloffene Mastodon, das in Deutschland entwickelt wird. Beide setzen auf Dezentralisierung, Bluesky über das eigene AT-Protokoll, Mastodon über Activity Pub. Mit Letzterem will Threads langfristig kompatibel sein.

Threads spaltet schon jetzt das Fediverse

Noch ist die Möglichkeit, dass Mastodon-Instanzen mit Threads kommunizieren können, zwar nicht implementiert. Trotzdem spaltet die Aussicht auf eine Erweiterung des sogenannten Fediverse um die Millionen Nutzer eines Milliarden-Konzerns die Community schon jetzt.

Mastodon selbst verwehrte sich bislang dem Einsteig von Investoren . Die Interoperabilität mit dem Social-Media-Giganten könnte eine Chance sein, das Activity-Pub-Protokoll aus der Nische (Mastodon kam zuletzt auf 10 Millionen registrierte Konten(öffnet im neuen Fenster) ) zu bringen.

Andere sehen Meta hingegen als Bedrohung. Einige Instanz-Administratoren versprechen mit dem Unterzeichnen des sogenannten Fedipact(öffnet im neuen Fenster) , Threads und seine Nutzer zu blockieren, sobald die Integration von Activity Pub umgesetzt wird. Grund: Sie werfen dem Konzern einen fahrlässigen Umgang mit der Moderation um, der bei Ereignissen wie der Desinformation in den USA bis zum Genozid in Myanmar(öffnet im neuen Fenster) eine direkte Rolle gespielt habe.

Ob Threads Twitter wirklich den Rang ablaufen kann, wird sich (auch trotz des rasanten Starts) erst noch zeigen müssen. Zumindest Elon Musk scheint in Threads allerdings schon eine Bedrohung zu sehen: Noch am Abend des Launches hat er Meta Berichten zufolge(öffnet im neuen Fenster) zwar nicht mit Prügel , aber dafür mit einer Klage gedroht.


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