Thimbleweed Park im Test: Mord im Pixelparadies

Ob wir in Thimbleweed Park(öffnet im neuen Fenster) endlich den Treibstoff für die Kettensäge finden? Seit 1987 haben wir nach einem Benzinkanister gesucht ... Um die Sache schnell zu erklären: Im 1987 veröffentlichten Klassiker Maniac Mansion(öffnet im neuen Fenster) gibt es eine Kettensäge, aber offenbar im ganzen Spiel kein Benzin dafür. Entweder ist es besonders gut versteckt oder es gibt tatsächlich keines. Jedenfalls haben neugierige Spieler alle nachfolgenden Games der Entwickler danach abgesucht.

Unter anderem in Zak McKracken (1988) und Monkey Island 2 (1991) existieren zwar Anspielungen auf den Kanister, aber gefunden hat ihn bislang niemand. Möglicherweise haben ihn die Entwickler rund um Chefdesigner Ron Gilbert ja nun in ihrem neuen Werk Thimbleweed Park untergebracht, womit eines der großen Mysterien der Spielegeschichte endlich einen Abschluss fände.
Aber selbst wenn die Suche weitergeht, was die wahrscheinlichere Variante sein dürfte: Wer die Adventures liebt, die Gilbert damals für Lucas Arts produziert hat, der findet in Thimbleweed Park nach vielen Jahren endlich so etwas wie eine Fortsetzung. Allein schon das Menü mit den Verben sowie das Inventar lassen wohlig-nostalgische Stimmung aufkommen. Wie damals können wir nun erneut Sätze im Stil von "Benutze Stein mit Lampe" basteln, um eine Glühbirne zu zerdeppern. Eine Hotspot-Funktion gibt es übrigens nicht, was uns kaum gestört hat.









Mit dem Zerstören von Gegenständen geben wir uns natürlich nicht zufrieden. Stattdessen ist es unser Job, einen Mord aufzuklären. Wer ins Gras beißt und sich dann allmählich in seine Pixel auflöst (ein Wortspiel aus dem Adventure), erfahren wir gleich in den ersten Minuten des Spiels. Wir verraten hier trotzdem keine Details über diese gelungene Überraschung.
Für die Ermittlungen sind hauptsächlich zwei Mitarbeiter der Bundespolizei zuständig: Zum einen die erfahrene, aber unterkühlte Angela Ray, zum anderen ihr frisch ausgebildeter und übermotivierter Kollege Antonio Reyes. Das klingt nach einer interessanten Konstellation, aber just das Zusammenspiel der beiden ist die vielleicht größte Enttäuschung in Thimbleweed Park.
Es gibt nur wenig halbwegs zündendes Wortgeplänkel - an einige legendäre Vorbilder aus dem Hause Lucas Arts kommt das ungleiche Paar jedenfalls nicht heran. Deutlich besser gefallen uns die Anspielungen auf Computerspiele an sich, etwa an das Design bei Lucas Arts und beim damaligen Konkurrenten Sierra. Wer die Adventures von damals nicht kennt, verpasst in Thimbleweed Park trotzdem relativ wenig, alle wirklich relevanten Details sind auch ohne Wissen über die Klassiker verständlich.
Humor und düstere Stimmung
Die Handlung ist trotz der Gags düster-morbide, teils erinnert das Spiel an Bücher und Filme von Stephen King. Die meiste Zeit können wir frei entscheiden, ob wir Ray oder Reyes steuern. Meist laufen dann trotzdem die gleichen Dialoge mit der jeweils passenden Stimme ab, nur gelegentlich gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Im Spielverlauf bekommen wir kurzzeitig die Kontrolle über weitere Figuren, etwa über einen ständig derb fluchenden Clown.
Vor dem Abstecher ins Städtchen Thimbleweed Park können wir uns entscheiden, ob wir im "gemütlichen" oder im "schwierigen" Modus antreten wollen. Das hat spürbare Auswirkungen auf die Komplexität der Rätsel. Im einfachen Modus können wir uns etwa ein dringend benötigtes Tintenfässchen an einer Stelle einfach schnappen, im schwierigeren Modus müssen wir die Tinte aus mehreren Bestandteilen erst noch zusammenbrauen.
Verfügbarkeit und Fazit
Die Rätsel wirken durchdacht. Wie schon bei den Klassikern ist auch dieses Abenteuer jederzeit lösbar und echte Tode kann der Spieler nicht sterben. Er kann jederzeit ein Savegame anlegen, zusätzlich speichert das Programm gelegentlich an vorgegebenen Stellen. Im einfachen Modus dürften die meisten Spieler geschätzt um die zehn bis zwölf Stunden für einen Durchgang benötigen - wer die Dialoge abbricht und sich beeilt, schafft es deutlich schneller.

Technisch ist Thimbleweed Park mit seinem gewollten Pixel-Look einfach nur solide. Die Ladezeiten sind auf halbwegs flotten PCs ultraschnell - auf unserem Rechner ist ein Spiel in unter einer Sekunde geladen. Abstürze oder auch nur kleine Fehler sind uns nicht aufgefallen.









Thimbleweed Park ist als Download für Linux, MacOS und Windows-PC (Steam und Gog.com) sowie für die Xbox One erhältlich. Der Preis liegt auf allen Plattformen bei rund 20 Euro. In ein paar Monaten soll auch eine Fassung für Mobilgeräte mit Android und iOS erhältlich sein. Ob es auch eine Umsetzung für die Playstation 4 geben wird, ist derzeit nicht bekannt.
Das Programm bietet erstklassige englische Sprachausgabe. Hierzulande können Spieler in der gelungenen - allerdings teils sehr frei übersetzten - deutschen Version zusätzlich Untertitel aktivieren. Wie bei einigen früheren Adventures von Lucas Arts war für die lokalisierte Fassung der ehemalige Journalist und heutige Microsoft-Manager Boris Schneider-Johne zuständig. Von der USK hat Thimbleweed Park eine Freigabe ab 12 Jahren bekommen.
Fazit
Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit: Thimbleweed Park reiht sich erstaunlich nahtlos ein in die Riege der Klassiker von Lucas Arts. Wer Adventures wie Maniac Mansion und Zak McKracken liebt, bekommt mit dem neuen Werk von Ron Gilbert und seinem Team einen Wunsch in Form einer inoffiziellen Fortsetzung erfüllt.
Die Rätsel von Thimbleweed Park sind ähnlich clever ausgeknobelt wie die früher, der Humor wirkt frisch und vertraut zugleich. Zum Glück macht das Programm aber auch ohne den Nostalgiefaktor Spaß: Die Geschichte um einen Mord ist an sich interessant, die Dialoge sind durchgehend hörens- und lesenswert. Sogar die Grafik finden wir über weite Strecken auch ohne Retrobrille gelungen - sie ist pixelig, aber schön pixelig.
Trotz der Begeisterung sollten Fans aber mit realistischen Erwartungen loslegen. Wer von Thimbleweed Park so etwas wie knisternde Spannung plus einen Knallergag nach dem anderen erwartet, dürfte dezent enttäuscht werden. Die Hauptfiguren etwa bieten eher unterkühlten Humor - wir finden das gelungen, aber man kann es auch als ein bisschen blass empfinden.
Spieler, die einfach ein paar Stunden entspannte Unterhaltung wollen, haben vermutlich am meisten von diesem alles in allem sehr empfehlenswerten Adventure.



