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The Surge im Test: Frust und Feiern in der Zukunft

Vom Rollstuhl in das Exoskelett und anschließend in die Postapokalypse: Das von Deck 13 entwickelte, enorm fordernde The Surge ist der beste deutsche Actiontitel seit langem. Beim Deutschen Computerspielpreis wird es vermutlich trotzdem nicht gewinnen.
/ Peter Steinlechner
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In The Surge gibt es auch Kämpfe gegen riesige Roboter. (Bild: Deck 13)
In The Surge gibt es auch Kämpfe gegen riesige Roboter. Bild: Deck 13

Seit zwei bis drei Minuten laufen wir fast ohne Gesundheitspunkte durch die Welt von The Surge. Das kann nicht gutgehen – oder doch? Eine erneute Heilung ist unmöglich, weil das dafür zuständige Implantat aufgebraucht ist. Jeder weitere Kampf bedeutet das ziemlich sichere Aus. Mit bebenden Nerven schlagen wir den Weg zurück zur Servicestation ein – und haben Glück. Derartige (eigentlich ja nicht so besondere) Augenblicke sind es, bei denen wir im Actionspiel des Frankfurter Entwicklerstudios Deck 13(öffnet im neuen Fenster) (u.a. Lords of the Fallen) jubelnd vor dem Bildschirm feiern.

The Surge – Trailer (Launch)
The Surge – Trailer (Launch) (01:25)

Noch größer fällt die innere Party aus, wenn wir einen der riesigen Roboter-Oberbosse besiegt oder eine andere Herausforderung des Programms bewältigt haben. In The Surge steuern wir eine Hauptfigur namens Warren. Der ist eigentlich ein armer Kerl: Wohl eher einsam, nicht mehr der Jüngste und zudem Rollstuhlfahrer heuert er bei einem Großkonzern an, der unter anderem die Welt vor einer Umweltkatastrophe retten möchte.

Ganz am Anfang von The Surge steuern wir Warren noch selbst im Rollstuhl, dann bekommt er ein Exoskelett verpasst – und zwar in einer Operation ohne Betäubung, wie eine unnötig brutale Zwischensequenz zeigt. Auch sonst geht es in dem Programm nicht gerade zimperlich zu. Trotz des sichtbar großen Produktionsaufwands und der hohen Qualität dürfte The Surge wegen derartiger Gewaltinhalte kaum Chancen auf den pädagogisch ausgerichteten Deutschen Computerspielpreis haben.

Nach der OP erwachen wir als Warren in einer anderen Welt. Nicht nur, weil wir geheilt sind – sondern weil sich inzwischen offenbar eine mysteriöse Katastrophe ereignet hat. Seltsame Maschinenwesen und Kampfroboter aller Größenordnungen greifen uns an. Was es damit auf sich hat, finden wir im Rahmen der gut inszenierten Handlung nach und nach selbst heraus.

Grundsätzlich steuern wir Warren aus der Schulterperspektive. Im Normalfall knöpfen wir uns einen Gegner nach dem anderen vor – entweder indem wir zu ihm laufen und ihn angreifen oder indem wir ihn aus seinem Gebiet zu uns locken, was wir wahlweise zu Fuß oder später mit einer Drohne versuchen können. Wir selbst können nur Nahkampfwaffen verwenden, die wir vertikal oder horizontal schwingen und dabei auf das Timing achten.

Gruß von Dark Souls

Das Ganze erinnert an Dark Souls und Bloodborne, selbst bei Details wie der gut funktionierenden Zielaufschaltung. Allerdings laufen die Auseinandersetzungen in The Surge größtenteils schneller und heftiger ab. Wir haben kein Schild, hinter dem wir uns verschanzen können – im Normalfall müssen wir also etwas aggressiver agieren als in den Titeln von From Software.

Eine Besonderheit ist unser Finishing Move: Damit können wir einen angeschlagenen Gegner mit einem Knopfdruck endgültig erledigen und ihm dabei mit etwas Glück ein Körperteil abreißen, um so an Waffen oder Blaupausen für Rüstungen zu gelangen. Die konkreten Erfolgsaussichten werden vom Programm im Hintergrund berechnet, sie hängen unter anderem von unserer Ausrüstung ab und davon, ob wir etwa einen Arm oder den Kopf des Gegners anvisiert hatten.

Verfügbarkeit und Fazit

Nach und nach kommen wir dann durch Gesprächsnotizen oder einfach Unterhaltungen dahinter, was in der Welt von The Surge passiert ist. Auch dabei ist Mitdenken gefragt. So vielschichtige und mysteriöse Welten wie die von Dark Souls oder Bloodborne hat Deck 13 zwar nicht erschaffen, dafür wirkt das Actionspiel hier zugänglicher. Auch sonst finden sich übrigens Anleihen an die Titel von From Software: Etwa die Möglichkeit, Wiederholungen von Kämpfen nach dem Ableben durch das Freischalten von Abkürzungen zu vermeiden.

The Surge – Trailer (Combat)
The Surge – Trailer (Combat) (02:12)

Auch das Rollenspiel- und Charaktersystem orientiert sich an Dark Souls, allerdings sammeln wir Altmetall statt Seelen. Schön: Es gibt öfter Verbesserungen bei den Waffen und der sonstigen Ausrüstung, und diese Optimierungen sind dann auch relativ deutlich in den Kämpfen zu spüren. Das hat aber auch die unmittelbare Folge, dass sich das wiederholte Zerdeppern von Gegnern auf der Jagd nach Schrott lohnt, was wiederum Grinding aus spielerischer Sicht relativ attraktiv macht. Wirklich nötig hat The Surge das nicht: Selbst wer sich beeilt, dürfte die Kampagne auf dem einzigen verfügbaren Schwierigkeitsgrad kaum unter 25 bis 30 Stunden (eher mehr) schaffen.

Grafisch macht das Programm mit seinen detailreichen Umgebungen, den gelungenen Animationen und den schönen Licht- und Schatteneffekten eine gute Figur. Die meisten Umgebungen sind recht hell gehalten und – obwohl wir eigentlich immer im gleichen Gebiet bleiben – relativ abwechslungsreich: Wir besuchen Biolabore, Fabrikanlagen und riesige Hallen, schleichen aber auch mal durch finstere Gänge. Auf der Playstation 4 Pro können wir per Menü übrigens entscheiden, ob wir mit höherer Bildqualität oder 60 statt 30 FPS antreten.

The Surge ist für Windows-PC (rund 50 Euro) sowie für Playstation 4 und Xbox One (je rund 60 Euro) erhältlich. Auf allen Plattformen stehen mehrere Sprachversionen zur Verfügung, auch eine sehr gute deutsche. Multiplayer- oder Koop-Modi gibt es nicht. Von der USK hat das Spiel eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten.

Fazit

Trotz der tollen Grafik und dem motivierenden Charaktersystem ist The Surge für den Gelegenheits- und Feierabendspieler schon nach der ersten Welt viel zu herausfordernd – insbesondere, wenn es in die aufwendig gestalteten, aber eben extrem knackigen Bosskämpfe geht. Die hohen Ansprüche der Hardcorezocker wiederum erfüllen die Abenteuer von Hauptfigur Warren zwar zum großen Teil, aber nicht ganz.

Auf der einen Seite macht etwa die Steuerung vor allem per Gamepad einen hervorragenden Eindruck, die Kämpfe fühlen sich stimmig und wuchtig an. Auf der anderen Seite sind die Kloppereien mit den Standardgegnern aber auch repetitiv, der Finishing Move nervt irgendwann und es gibt auf der Suche nach Altmetall viel Grinding.

Auch mit der Handlung und der Atmosphäre von Dark Souls kann The Surge nicht ganz mithalten. Dafür gefallen uns Sachen wie der Levelaufbau, Ausrüstungen und Gadgets sowie die Benutzeroberfläche sogar besser. Unterm Strich: Wem die schicke Zukunftswelt gefällt, und wer Spaß an wirklich fordernden Gefechten hat, sollte trotz der Schwächen unbedingt einen Blick auf The Surge werfen.


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