The Primevals: Vor 30 Jahren gedreht - und jetzt da

Es ist eine Geschichte mit Happy End, so viel vorweg. Es ist eine Geschichte über einen Stop-Motion-Künstler und Regisseur, der einen ganz bestimmten Film machen wollte, über Jahrzehnte immer wieder enttäuscht wurde, ihn dann im Jahr 1994 aber drehen konnte. Fertigstellen konnte er ihn aber nicht, denn David Allen(öffnet im neuen Fenster) starb 1999.
Kaum jemand glaubte noch daran, dass The Primevals jemals fertig und veröffentlicht würde. 2023 war es dann aber soweit, nachdem eine Indiegogo-Kampagne das nötige Geld brachte und FX-Künstler Chris Endicott, der eng mit David Allen zusammengearbeitet hatte, es auf sich nahm, den Film fertigzustellen.
Begonnen hat alles aber schon 1978, denn die Saat für den Film wurde bereits zehn Jahre zuvor gelegt.
David Allens Karriere als Stop-Motion-Künstler startete in den späten Sechzigerjahren. Er arbeitete ungenannt an Als Dinosaurier die Erde beherrschten mit und war an Flesh Gordon beteiligt.
Aber schon seit 1967 träumte er von einem eigenen Film – einem großen Abenteuer, in dem ein Yeti im Himalaya erlegt und in den USA ausgestellt wird. Daraufhin wird eine Expedition finanziert, die in den Himalaya führt, wo man einen lebendigen Yeti finden und fangen will.
Aber man findet weit mehr als das: den Eingang zu einer verlorenen Welt, in der die Nachkommen von reptilienartigen Außerirdischen, die vor mehr als 50.000 Jahren auf der Erde landeten, lebten, aber eine Devolution durchgemacht haben.
Der erste Titel
Er hatte auch einen Titel für die Geschichte: Raiders of the Stone Ring. Erst gab es ein Treatment, das im Kern dieselbe Geschichte erzählte, aber doch anders war.
Die Geschichte sollte hier noch zu einer Zeit spielen, als Zeppeline en vogue waren. Allen stellte sich den Angriff eines Pterodaktylus(öffnet im neuen Fenster) auf den Zeppelin vor. Die Story machte schon in den Siebzigerjahren einige Veränderungen durch, wurde mehr Science-Fiction als Fantasy. Und: Die Echsenmenschen, die zuvor ohne Erklärung in der Geschichte auftauchten, erhielten nun einen Background.
Allen stellte das Projekt verschiedenen Studios vor, darunter auch der britischen Firma Hammer, die Als Dinosaurier die Erde beherrschten produziert hatte. Dort winkte man ab, weil das Projekt einem Stoff ähnelte, den man gerade in Entwicklung hatte.
Zu der Zeit drehte Allen einen Kurzfilm für die Studios. Hierbei rekrutierte er auch die Hilfe von Freunden wie Dennis Muren , der später für George Lucas' Firma Industrial Light & Magic tätig wurde.
Eilig zu Ende gedreht
In den Siebzigerjahren versuchte Allen immer wieder, Finanziers für seinen Film zu begeistern, doch ohne Erfolg. Auch Disney lehnte ab, da man ein ähnliches Projekt in Entwicklung hatte. Die Geschichte änderte sich weiter, der Titel ebenso. Zuerst war es The Glacial Empire, dann Primordium: The Arctic World.
Erst als Allen die Stop-Motion-Effekte für Laserkill – Todesstrahlen aus dem All (1978) machte, kam wieder Bewegung in sein Traumprojekt. Er hatte sich mit dem Regisseur Charles Band(öffnet im neuen Fenster) angefreundet, der begann, ein eigenes Studio aufzubauen. Allen zeigte ihm das Material, das er gedreht hatte, aber auch Konzeptzeichnungen und mehr.
Band war begeistert und wollte den Film produzieren. Die Öffentlichkeit erfuhr erstmals in der Winter-Ausgabe des Magazins Cinefantastique(öffnet im neuen Fenster) im Jahr 1978 von dem Projekt. Es gab eine 18-seitige Strecke, bei der Konzeptzeichnungen, Bilder aus Raiders of the Stone Ring und mehr zu sehen waren.
Der Kinostart wurde für 1980 angekündigt. Alles sah gut aus, Charles Band Productions stand hinter dem Projekt. Ein Budget von einer Million US-Dollar wurde festgezurrt.
Allen begann, ein Team zusammenzustellen, zu dem auch Phil Tippett gehörte. Die Vorproduktion war in vollem Gange.
Für Allen war klar, dass er Regie führen würde – und er war davon nicht eingeschüchtert. Zu CFQ sagte er: "Was mir vielleicht an inszenatorischer Finesse fehlt, mache ich mit meiner Kenntnis für die Effekte und mehr noch meinem Verständnis für die Geschichte wett. Ein Regisseur, der von Projekt zu Projekt zieht, würde einfach nicht wissen, wie diese Geschichte umgesetzt werden muss."
Und dann platzte der Traum. Bands Finanzierung löste sich in Luft auf, die Kosten für einen derart ambitionierten Film waren für seine Firma zu immens. The Primevals musste warten.
Der Wendepunkt
David Allen war enttäuscht, blieb mit Band aber befreundet und gestaltet für Filme des Regisseurs und Produzenten Effekte, unter anderem für Trancers (1984) und Robotjox (1989). Er fragte Band aber immer wieder, wie es um The Primevals bestellt war. Band wollte den Film machen, konnte es sich jedoch schlichtweg nicht leisten.
Ein Wendepunkt kam mit der Veröffentlichung von Jurassic Park (1993). Band hatte mittlerweile die Firma Full Moon Pictures, einen lukrativen Distributionsdeal mit Paramount und war finanziell gefestigt. Ihm war klar, dass CGI bald Hollywood übernehmen würde. Daher stimmte er schließlich zu, das Stop-Motion-Epos seines Freundes zu produzieren.
Allen legte zusammen mit Randall William Cook nochmal Hand ans Drehbuch, dann war er bereit für die Dreharbeiten. Sie sollten in Rumänien stattfinden, zuvor musste Allen seinen Film allerdings besetzen. Der größte Name ist Juliet Mills, die mit dem Film Avanti, Avanti bekannt wurde. Ansonsten setzte er eher auf unbekannte Mimen – das war natürlich dem Budget geschuldet.
Allen widersetzt sich der Anweisung
Die Dreharbeiten waren fast abgeschlossen, als Band den Finanzierungs- und Vertriebsvertrag von Full Moon mit Paramount verlor. Band wies Allen an, seine Sachen zu packen und sofort nach Hause zu fahren, mit dem Versprechen, dass er zu einem späteren Zeitpunkt nach Rumänien zurückkehren könne, um die Dreharbeiten zu beenden.
Allen war klar, dass das Wunschdenken war, also widersetzte er sich Bands Anweisung und die Crew arbeitete in den nächsten Tagen fieberhaft, um sicherzustellen, dass alle notwendigen Aufnahmen im Kasten waren.
Allen erkrankt am Non-Hodgkin-Lymphom
Wieder zurück in der Heimat war schnell klar, dass der Film nicht wie geplant im Jahr 1996 starten würde. Zu dem Zeitpunkt erkrankte Allen am Non-Hodgkin-Lymphom, einer Krebsart. Er unterzog sich einer Chemotherapie und arbeitete zugleich an den Stop-Motion-Effekten. Manchmal schaffte er es nur, ein paar Frames pro Tag aufzunehmen.
Es ging ihm immer schlechter und ihm wurde bewusst, dass er den Film nicht würde abschließen können. In seinem Testament(öffnet im neuen Fenster) schrieb er: "Bedenkt, dass jede Veröffentlichung des Films besser ist als gar keine, auch wenn ich es natürlich gerne so hätte, dass er so nah an meiner ursprünglichen Intention dran ist wie möglich."
Als Allen im Jahr 1999 starb, wanderten die Stop-Motion-Modelle in ein Lager, wo sie beinahe zwei Jahrzehnte lang lagen. 2018 beschloss Chris Endicott, das Vermächtnis seines Mentors fertigzustellen. Endicott rekrutierte ein paar Freunde für die Fertigstellung der Stop-Motion-Effekte, Charles Band startete eine Indiegogo-Kampagne, die 40.000 US-Dollar für die Postproduktion einbrachte, sein Bruder Richard Band komponierte den Score des Films.
Endicott und Band produzierten zwei Versionen des Films: eine kürzere, die in den USA in den Alamo Drafthouse Cinemas gezeigt wurde, und eine längere, die auf Blu-ray ausgewertet wurde.
Der Cast
Richard Joseph Paul, der den Forscher spielt, der vom Yeti besessen ist, glaubt, dass der Film einem modernen Publikum gefallen wird, weil die Stop-Motion-Effekte erfrischend echt wirken, wenn man sie mit CGI vergleicht. Juliet Mills war überrascht, dass der Film nach all den Jahrzehnten doch noch veröffentlicht wurde. Für sie war es, als würde sie eine Zeitmaschine betreten.
Ein Abenteuer aus einer anderen Zeit
Für die Zuschauer ist es ähnlich. The Primevals hat den typischen Look der Neunzigerjahre. Sieht man sich den Film heute an, wirkt er aus der Zeit gefallen, in gleich zweierlei Hinsicht.
Denn es ist ein neuer Film, der aufgrund der 30 Jahre zurückliegenden Dreharbeiten alt aussieht und Stop-Motion-Effekte hat, die es Mitte der Neunzigerjahre eigentlich auch nicht mehr gab. Die wiederum sind von erlesener Qualität und können es mit den Arbeiten der großen Meister wie Ray Harryhausen problemlos aufnehmen.
Die Effekte mit dem Yeti, der ein bisschen wie ein Gorilla aussieht, sind makellos, die Szenen mit den Echsenmenschen machen Spaß und auch die Kombination aus Stop-Motion-Szenen mit den Aufnahmen der echten Schauspieler sind sehr gelungen. Die Geschichte selbst ist nicht allzu originell, aber sie hat eine altmodische Ader, die guttut. Dabei erinnert der Film an die Lost-World(öffnet im neuen Fenster) -Geschichten von Arthur Conan Doyle oder Edgar Rice Burroughs.
Veröffentlichung in Deutschland steht noch aus
Dass der Film nach all den Jahrzehnten doch noch der Öffentlichkeit präsentiert werden würde, hat wohl kaum jemand gedacht. Ihn jetzt sehen zu können, ist gerade für Fans, die von dem Projekt schon vor langer Zeit gehört haben und mit den Stop-Motion-Filmen der Vergangenheit aufgewachsen sind, ein wunderbares Erlebnis.
In den USA liegt der Film auf Blu-ray vor, eine Veröffentlichung in Deutschland steht bislang aus. Es bleibt zu hoffen, dass sich das ändert – und zwar nicht erst in 30 Jahren.



