The European Summit: Durch Virtual Reality dem Webcam-Model ganz nah
Sex vor der Webcam ist ein riesiges Geschäft. Verlässliche Marktzahlen dazu gibt es kaum, aber schon vorsichtige Schätzungen(öffnet im neuen Fenster) gehen davon aus, dass die erfolgreichen Plattformen im Monat zusammen rund 30 Millionen Besucher haben. Der jährliche Umsatz dürfte bei mindestens rund einer Milliarde US-Dollar liegen. Entsprechend präsentiert sich die Web-Model-Branche im März 2015 am spanischen Strand nicht aufdringlich pornografisch, sondern als ein wichtiger Teil der IT-Branche mit Bezahldienstleistern, CDNs und SEO-Optimierern. Golem.de hat sich über drei Tage auf der Messe The European Summit(öffnet im neuen Fenster) angesehen, welche Technologien die Branche verändern.
Wie schon auf den gerade zu Ende gegangenen Fachmessen Mobile World Congress (MWC) und Games Developer Conference (GDC) ist auch hier Virtual Reality ein großes Thema. Davon verspricht sich die Branche, realistischere, direkte Cybererfahrungen bieten zu können.
Die größten Plattformen für die persönlichen Liveshows haben laut Compete.com 30 Millionen Visitors im Monat. Führend sind etwa Imlive, Camfor, Livejasmin, Cam4, Streamate, XCams oder iFriends. Das Unternehmen Camplace, einer der Hauptsponsoren des Branchenevents, arbeitet an neuer Technik. Es will das Head-mounted Display Oculus Rift und die Augmented-Reality-Brille Hololens von Microsoft unterstützen, wie uns Mickey Nagy, Head of Customer Support von Camplace, sagt. Camplace wolle den Mitgliedern das Gefühl geben, wirklich mit dem Tausende Kilometer entfernten Model in einem Raum zu sein. Auch Treffen mit Oculus Rift und Camplace habe es schon gegeben – eine offizielle Ankündigung dazu existiere aber noch nicht.
Anders als die überall im Internet verfügbare Pornografie sind Webcam-Shows persönlich. Oft sind die registrierten Nutzer den Models seit Jahren bekannt und vertraut. Einige arbeiten aus dem heimischen Schlafzimmer, andere sind über soziale Netzwerke bekannte kleine Berühmtheiten. "Das sind Stars auf Twitter, mit mehreren Zehntausend Followern", erklärte Robert M. Riley, Managing Director von M Group, Golem.de.
Diese persönliche Ebene ist für Virtual Reality besonders geeignet. Das Mitglied kann seinen Stars und Models noch näher sein und so die Illusion einer Beziehung stärken. Der Raum, in dem die Models chatten und strippen, ist oft sehr begrenzt, weshalb für VR oder AR nicht viel berechnet werden muss, weil die Bühne, auf der alles passiert, sehr statisch ist. Das dürfte für Virtual Reality sicherlich gut und günstig umzusetzen sein.
Eine direktere Erfahrung für den Nutzer sollen auch interaktive Sexspielzeuge bieten. Sie seien "die Zukunft der Webcam-Branche", erklärte das Webcam-Model Alex beim Roundtable The Future Of Sextech. Präsentiert wurden Geräte, bei denen Bewegungen des Models über das Internet auf den Nutzer übertragen werden. Anbieter der Hardware sind Kiiroo und das Unternehmen Fleshlight. "Wir arbeiten bereits mit Oculus Rift an der Integration", erklärte einer der Manager.
Netzwerke noch nicht für 4K bereit
Ein anderer wichtiger technischer Trend sind hochaufgelöste Bilder. HD-Webcams sind sehr verbreitet, doch 4K hält Nagy noch nicht für einen wichtigen Trend. Dafür seien die Netzwerke der Kunden, gerade aus den USA, einfach noch nicht leistungsfähig genug. Während die 4K-Webcams und Smartphones für einen höheren Preis bereits verfügbar seien, könnten den Mitgliedern in den USA die Inhalte gar nicht ausgeliefert werden, erklärte Nagy.
Bei den Abrechnungsvorgängen scheint neue Technik dagegen nur bedingt hilfreich. Mitglieder registrieren sich vor den Liveshows, bezahlt wird mit Kreditkarte, was viele Interessenten aber zu unsicher finden und sich nach den ersten kostenlosen Freiminuten wieder verabschieden. Andere Bezahlformen sind Prepaid-Guthaben. Bitcoin wäre einfacher und anonymer, wenn auch nicht komplett anonym. Doch virtuelle Geldeinheiten sind in der Branche noch nicht beliebt. "Einige wenige Plattformen akzeptieren Bitcoin. Für uns ist das wegen der Schwankungen zu unsicher", sagt Nagy. Obwohl sich die großen Kursschwankungen beruhigt haben, bleibt Bitcoin ziemlich volatil.
Ein CDN für das Private
Die großen Videodateien der Models müssen weltweit ausgeliefert werden. Einer der großen CDN-Betreiber (Content Delivery Network) der Branche ist Mojohost(öffnet im neuen Fenster), der auch, aber nicht nur, für die Adult-Branche arbeitet, wie Christopher O'Connell von dem Unternehmen Golem.de sagte. Mojohost arbeitet direkt mit Level3 Communications, Teliasonera und XO Communications zusammen, hat Rechenzentren in den USA und Amsterdam und bietet 250 GBit Connectivity. 60 bis 70 Prozent seiner Videoinhalte sind laut O'Connel aus der Adult-Branche.
Anders als andere Anbieter sieht O'Connell die Zukunft des käuflichen Webcam-Sex nicht in VR-Hightech. "Leute gucken einen Film, kriegen dann Lust auf etwas anderes und besorgen sich nahtlos Fotos eines Models über Snapchat", sagt er. Letztendlich werden die Mitglieder der Camsites entscheiden, ob sie in Hardware investieren oder ihrem Lieblingsmodel lieber mal wieder ein Geldgeschenk machen. Oder vielleicht beides.
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