Zum Hauptinhalt Zur Navigation

The Division im Test: Die Guten müssen die Bösen sein

Als Agent einer zutiefst geheimen Spezialorganisation bringen Spieler in The Division als rechtschaffene Helden wieder Recht und Ordnung ins virenverseuchte New York. Den größten Reiz entfaltet das Spiel aber, sobald die Guten in der Dark Zone selbst zu den Bösen werden.
/ Michael Wieczorek
72 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Wir werden in der Dark Zone von The Division abtrünnig. (Bild: Golem.de)
Wir werden in der Dark Zone von The Division abtrünnig. Bild: Golem.de

Trotz zahlreicher Probleme und Verschiebungen in der Entwicklungsphase hat es The Division doch noch technisch unversehrt auf PC, Xbox One und Playstation 4 geschafft. Der Rollenspiel-Shooter von Ubisoft und Massive Entertainment wird aus der Schulterkamera gespielt. Die größte Schnittmenge der Spielmechaniken hat der Titel tatsächlich mit Diablo 3.

The Division – Test-Fazit
The Division – Test-Fazit (02:14)

Alleine oder kooperativ in einer Vierergruppe gehen wir in The Division einer von drei primären Tätigkeiten nach: Wir erkunden das krisengeschüttelte New York, ballern in deckungsgeprägten Gefechten auf Feinde oder verbessern in der Basis die Ausrüstung und Eigenschaften unseres Avatars.

Warum unsere Spezialeinheit überhaupt aktiviert wurde, erfahren wir im Intro und Tutorial: Terroristen haben am Black Friday einen Virus über US-Dollar-Noten in Umlauf gebracht, der aggressiver wirkt als jeder andere Virus zuvor. Durch den Konsumwahn der Menschen am umsatzstärksten Tag des Jahres verbreitet sich die Krankheit rasend schnell, ein Großteil der Bevölkerung stirbt binnen weniger Tage, das staatliche System bricht zusammen. Diesen Umstand machen sich vier Gruppierungen zunutze: die Rioters, die Rikers, die Cleaners und das Last Man Battalion.

Jede Fraktion hat ihre eigenen Motive, die wir aber nur durch das akribische Erkunden von sogenannten Echos (Aufzeichnungen der Vergangenheit), Tonaufnahmen oder anderen digitalen Schnipseln erfahren. Die Handlung wird somit primär durch die Umgebungen transportiert. Spieler, die stumpf von Safe House zu Safe House hetzen, um schnellstmöglich im Level aufzusteigen, werden von den atmosphärischen Höhepunkten von The Division nichts mitbekommen.

Einige der kleinen, teils höchst tragischen Minigeschichten sind durchaus nett präsentiert. So zum Beispiel die Geschichte der Laborassistentin Judy Walters, die die Entwicklung des tödlichen Virus noch in der Entstehung zu verhindern versuchte, aber dann Opfer eines tragischen Autounfalls wurde.

Die Stadt, die niemals schläft

Wir erkunden New York, besser gesagt Manhattan, in The Division von der 52nd Street im Norden bis südlich zur 20th Street. Das bedeutet, zahlreiche bekannte Sehenswürdigkeiten wie die Freiheitsstatue oder den Central Park bekommen wir nicht zu Gesicht. Mid-Town wird aber detailgetreu verkleinert umgesetzt. Das Empire State Building und das Rockefeller Center befinden sich beide in der Dark Zone.

The Division – Technik-Fazit
The Division – Technik-Fazit (01:13)

Obwohl wir häufiger auf Häuserdächer klettern und Wohnungen erkunden als gedacht, schickt uns das Spiel leider nie ganz hoch hinaus. Trotzdem halten wir die Umsetzung des Big Apple insgesamt für äußerst gelungen. So gelungen, dass wir uns eben auch den Rest der Stadt im Spiel gewünscht hätten.

Für optische Abwechslung sorgen primär die Wettereinflüsse wie Schneestürme, die dem Spieler die Sicht nehmen, Regenfälle oder strahlender Sonnenschein. Der akkurate Tag-Nacht-Wechsel ist ebenfalls stimmungsvoll.

Begrenzter Realismus in den Kämpfen

Recht realistisch: Die meisten Standardgegner sind mit zwei gezielten Schüssen per Gewehr oder Shotgun auszuschalten. Bei den restlichen Waffen, zwei Arten von Maschinengewehren und der Pistole, müssen schon deutlich mehr Treffer sitzen. Sobald wir gegen die stärkeren Elitesoldaten oder Endgegner antreten, zerbricht der Realitätsanspruch von The Division letztendlich aber komplett. Sie stecken im Solomodus mehrere Magazine weg, ohne auch nur in die Knie zu gehen.

Da die Feinde im Koop-Modus mit bis zu drei Freunden noch einmal stärker werden, reichen zuweilen selbst mehrere Minuten Dauerbeschuss aus sicherer Deckung noch nicht aus, um zu siegen. Hier kommt das klassische Rollenspiel in The Division zum Vorschein. Die Parallelen zu Borderlands oder Destiny sind offensichtlich. Treffer werden mit eingeblendetem Zahlenschaden verdeutlicht. Obwohl in der visuellen Anzeige zwischen Armen, Beinen, Torso und Kopf unterschieden wird, ist der Schaden überall identisch, abgesehen von Kopftreffern. Dort zählt der Schaden doppelt.

Taktik ist im Solomodus kaum gefragt. Flankieren können wir sowieso nur, sofern wir das Geschütz als Spezialfähigkeit ausgewählt haben und es geschickt platzieren. Ab zwei Spielern werden die Kämpfe deutlich abwechslungsreicher und dynamischer. Erst in der Gruppe ergibt es Sinn, einen Avatar als Heiler zu spezialisieren, während ein Kumpan den klassischen Tank stellt oder besonders viel Schaden anrichtet.

Gut gefällt uns die Umsetzung des Deckungssystems. Wenn wir den Deckungsknopf gedrückt halten, sprinten wir geduckt von Vorsprung zu Vorsprung und nehmen beim Positionswechsel weniger Schaden, als wenn wir manuell gesprintet wären. Im Großen und Ganzen spielen wir eine leicht modifizierte Kopie des Deckungssystems aus Gears of War.

Das Waffenarsenal ist leider nicht besonders umfangreich und erst recht nicht originell. Die Maschinengewehre und Schrotflinten sind alle sehr ähnlich und unterscheiden sich eher durch die Farbe im Inventar, als durch individuelle Eigenschaften.

Leveln wie in Diablo 3

Vor allem das Aufleveln der eigenen Basis im U.S. General Post Office(öffnet im neuen Fenster) hat uns deutlich an das System aus Diablo 3 erinnert. Während wir in Blizzards Actionrollenspiel Händler in Stufen aufsteigen lassen, um ihr Angebot zu verbessern, werten wir in The Division drei Teilbereiche der Basis auf: den Medizin, Sicherheits- und Technikflügel.

In den Straßenschluchten von New York treffen wir keine weiteren Spieler, da diese Bereiche in individuellen Instanzen für bis zu vier Spieler ablaufen – ebenfalls wie in Diablo. Erst in den sogenannten Safe Zones und in der Dark Zone werden andere, aber nie alle Onlinespieler sichtbar. Die Karte ist wie in einem MMO in Stadtteile aufgeteilt, die nach Level-Bereichen sortiert nacheinander aufgesucht werden können. Intelligent: Sind wir weit über dem vorgeschlagenen Level für ein Gebiet, werden alle Gegner mindestens auf ein Level hochgestuft, das fünf Stufen unter unserem liegt. So bekommen wir immer zumindest ein klein wenig Erfahrung für die trotzdem dann viel zu leichten Kämpfe in diesen Gebieten.

Die Reise ist für uns dabei immer gleich: Zuerst erreichen wir das Safe House, dann holen wir uns die Missionen ab und danach geht das Grinden los: In den immer gleichen fünf Missionstypen befreien wir entweder Geiseln, aktivieren irgendwelche Schalter oder verteidigen Personen und Computer. Die Gegner kommen dabei durchweg in Wellen. Ist die eine Gruppe besiegt, kommt eine neue aus der anderen Richtung. Das Missionsdesign ist monoton und wird sehr schnell langweilig.

Leider bringen die Missionen aber die meisten Erfahrungspunkte. Das Töten von Gegnern bringt dagegen eher weniger, wenn es darum geht, schnell im Level aufzusteigen.

Die 14 Hauptmissionen laufen auch nicht origineller ab als die Nebenquests. Sie bieten aber zumindest optisch immer einen individuellen Look. So erkunden wir zu Beginn den in ein Lazarett umgebauten Madison Square Garden oder befreien Geiseln im Tunnelsystem unter dem Times Square.

PvP in der Dark Zone

Im Zentrum der Karte von The Division liegt die Dark Zone, ein stark infizierter Bereich. In diesem Gebiet lauern nicht nur die stärksten NPCs, sondern auch viele weitere Spieler darauf, sich die potenziell stärksten Gegenstände zu sichern.

Hier ist es möglich, auch einen Angriff auf andere Spieler zu starten und ihnen ihre Beute zu klauen – "Abtrünnige Agenten" wird das im Spiel genannt. Spieler müssen ihre Gegenstände nämlich an bestimmten Punkten der Karte von einem Helikopter abholen lassen, um sie zu dekontaminieren. Erst wenn das geglückt ist, werden die Gegenstände frei von allen Viren ins Hauptquartier gesendet.

Da die Extraktionspunkte rar gesät sind, finden sich häufig gleich mehrere Spieler an, um ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Und der Helikopter hat nur einen begrenzten Frachtraum. Dieser Umstand führt gepaart mit der Gier nach (möglicherweise besseren) Gegenständen der anderen zu hochspannenden Mexican-Standoff-Momenten(öffnet im neuen Fenster) .

Das kann je nach Lust und Laune der anderen zu allen erdenklichen Spielsituationen führen. Wir haben erlebt, dass wir uns mit einer anderen Gruppe gelungen zusammengeschlossen haben und gleich mehrere erfolgreiche Extraktionen am Stück durchführen konnten. Viel häufiger wurde uns aber in den Rücken geschossen. Manchmal gelangen uns die Flucht und die Rückeroberung der gestohlenen Güter. Die Dark Zone ist der pure Wilde Westen.

Für Solospieler können wir die Dark Zone nicht empfehlen, da Gruppen von Spielern immer einen Vorteil gegenüber Einzelkämpfern haben. Es liegen allerdings auch detaillierte Taktiken für Solospieler in der Dark Zone vor. Wir bevorzugen aber das Spielen zu viert. Als besonders hilfreich hat sich zudem die Benutzung eines Mikrofons erwiesen. Während die gängigen Emotes (Winken, um Hilfe bitten, zeigen) zwar nett animiert sind, sind sie wenig effizient, wenn es darum geht, spontan ein Friedensabkommen zu verhandeln.

Die Sprachkommunikation ist außerdem auch technisch toll umgesetzt. Spieler sind abhängig von ihrer Entfernung auf dem Schlachtfeld lauter oder leiser.

Verfügbarkeit und Fazit

Ubisoft hat angekündigt, dass The Division regelmäßig mit Updates und Patches versorgt wird. Drei größere Erweiterungen sollen im Verlauf dieses Jahres zum Verkauf angeboten werden, aktuell sind sie bereits durch den Season Pass neben ein paar Militärkostümen zu kaufen.

The Division – Trailer (Inhalte für das 1. Jahr)
The Division – Trailer (Inhalte für das 1. Jahr) (02:16)

The Division ist für Playstation 4, Xbox One und den PC im stationären Handel oder als Download über das Playstation Network und Xbox Live erhältlich. Der Preis liegt offiziell bei 70 Euro für die Konsolenversion und 60 Euro für die PC-Fassung. Auf dem PC werden Ubisofts Onlineplattform Uplay und eine aktive Internetverbindung vorausgesetzt, auch wenn der Titel über Steam gekauft wurde.

Um auf den Konsolen in der Dark Zone anzutreten, wird ein aktives Abonnement von Xbox Live oder Playstation Plus benötigt. Hierzulande erscheint das Programm ohne inhaltliche Änderungen gegenüber dem US-Original mit einer Altersfreigabe durch die USK ab 18 Jahren.

Fazit

Zwei Dinge brennen sich beim Testen von The Division in unser Gehirn ein: die nervenaufreibenden Mexican Standoffs in der Dark Zone, bei denen einfach alles passieren kann, vom Schuss in den Rücken bis hin zum mehrmaligen Besitzerwechsel der Beute, und die toll umgesetzte Spielwelt. Der hohe Detailgrad, in dem die Entwickler die Stadt, die niemals schläft, umgesetzt haben, sucht aktuell seinesgleichen. Immer haben wir staunend die Straßenschluchten erkundet und den Zerstörungsgrad analysiert. Zudem transportiert die Spielwelt den Hauptteil der ansonsten äußerst enttäuschenden Handlung. Nur wer sich Zeit nimmt und akribisch die Echos der Vergangenheit analysiert, bekommt ein Gefühl dafür, was in The Division wirklich vor sich geht.

Spielerisch ist die Umsetzung des Actionrollenspiels für Solospieler solide. Das Rollenspielsystem ist umfangreich, aber nicht zu komplex. Die Sucht nach immer besserer Ausrüstung setzt nach den ersten fünf Spielstunden ebenfalls ein. Schade, dass die Entwickler gerade bei der Beute so uninspiriert waren! Ausrüstung und Waffen wirken austauschbar. Da sind Borderlands oder Destiny deutlich origineller – das Gleiche gilt für die Gegnertypen. Der spärliche Charaktereditor mit insgesamt acht Gesichtern pro Geschlecht enttäuscht ebenso.

Monotones Missionsdesign macht den Großteil der circa 30-stündigen Kampagne aus. Dadurch wirkt das Spiel unnötig in die Länge gezogen und fokussiert nicht auf seine Stärken. Das immer gleiche Abschießen der immer gleichen Gegner macht gemeinsam mit ein paar Freunden zwar auch irgendwie Spaß, entfaltet aber nicht das eigentliche Potenzial von The Division. Daher legen wir das Actionrollenspiel vor allem Koop-Begeisterten nahe, die New York als Szenario spannend finden und richtig viel Lust auf die Dark Zone haben.


Relevante Themen